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Hier lasen Sie im Herbst 2007 in wöchentlicher Folge Axel Bussmers Debütkrimi "Ein bisschen Luxus".
Jeden Montag neu...

krimidebüt mit folgen...

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Axel Bussmer, "Ein bisschen Luxus" (17/28)


Münchner streifte bereits seit Stunden durch die Kellerräume. Ohne etwas Besonderes entdeckt zu haben. Also kannten sie sich ausgezeichnet hier unten aus. Wieland und Lade hatte er öfters hier unten gesehen. Aber damals hatte er es für einen Zufall gehalten. Schließlich durften beide sich hier unten aufhalten und wenn sie dann die Räume etwas genauer erkundeten, fand er nichts Ungewöhnliches dabei.

Bei Lothar Kraft war er sich unsicher, ob das der Kraft war, der einen Sommer bei ihm gearbeitet hatte. Immerhin war das schon gut zehn Jahre her. Er schätzte sieben, acht Jahre; was eine lange Zeit war bei der Menge an Leuten, die er beschäftigte. Damals war ihm bei einem seiner studentischen Beschäftigten ein besonderes Interesse am Keller aufgefallen.

Eigentlich war erst durch dessen Fragen sein Interesse am Keller geweckt worden. Er wollte wissen, warum der Keller so groß gebaut wurde. Warum die Räume so angelegt wurden. Warum mit ihnen nichts gemacht wurde. Viele Fragen, auf die er damals keine Antwort wusste. Aber ob die Fragen wirklich von Kraft gestellt wurden oder von einem anderen Studenten, das wusste er jetzt nicht mehr genau. Er erinnerte sich auch nicht mehr an Krafts Gesicht.

"Asta. Komm. Wir gehen mal raus."

Asta kam um eine Ecke geschossen und lief vor Münchner zur nächsten Tür nach draußen. Münchner schloss sie auf und blinzelte die ersten Sekunden in das helle Sonnenlicht. Unten verlor er immer wieder das Gefühl für die Tageszeit und Temperatur.

Vorne auf dem Parkplatz stand Wieland. Er redete mit einem muskelbepackten Mann. Einer, der viel Zeit im Kraftraum verbrachte und sich bewegen konnte. Wahrscheinlich ein Bodyguard, dachte Münchner. Asta lief in den Wald. Münchner achtete nicht weiter auf sie. Denn sie kam immer wieder zu ihm zurück. Die beiden Männer beachteten ihn nicht. Sie waren in ein Gespräch vertieft. Sie sprachen leise. Münchner konnte sie nicht verstehen. Aber Wielands angriffslustige Haltung und das entspannte Äußere des Anderen verrieten Münchner, dass sie sich stritten. Und dass der unbekannte Mann in der stärkeren Position war.

Münchner schlich sich langsam zum Parkplatz. Er verstand immer noch kein Wort. Nur einige undeutliche Fetzen, die von Wind selten zu ihm, meistens von ihm weggeweht wurden.

Wieland gab dem Mann eine gut gefüllte Stofftasche mit dem Emblem der Universität. Der nahm sie vorsichtig in seine linke Hand.

"Grüß Gott, Herr Wieland."

Wieland fuhr wie von einer Tarantel gestochen zusammen. "Herr Münchner, sie haben mich jetzt aber erschreckt."

"Entschuldigung. Aber können wir uns mal unterhalten?"

"Äh, ja. Soll ich nachher bei ihnen vorbeikommen?"

"Ja. Oder dauert das hier noch länger?"

"Wir sind fertig.", sagte der Mann. Münchner hatte sich nicht geirrt. Der hatte irgendwo eine solide Ausbildung im Kämpfen und Töten erhalten.

"Also dann. Auf Wiedersehen."

"Auf Wiedersehen.", sagte der Mann zu Wieland. Er blieb stehen, wartete bis die beiden anderen Männer sich umdrehten und wieder zur Universität gehen würden. Dass dieser Sicherheitsfuzzi ihn gesehen hatte war schon dumm genug. Aber sein Auto und die Autonummer musste er sich nicht auch noch notieren.

"Es geht um einige Diebstähle."

"Ich habe keine Bücher aus der Bibliothek geklaut."

"Nein, das denke ich auch nicht.", sagte Münchner, jedes Wort dehnend. "Bilder. Bilder, die niemals in der Bibliothek waren und in den Keller gebracht wurden. Wertvolle Bilder."

Wieland blieb stehen. Ehe er etwas sagen konnte, sank Münchner langsam neben ihm zu Boden. Urban stützte ihn ab. "Wohin?"

"Oh, äh.", stammelte Wieland. "In den Keller."

Urban umarmte Münchner und hielt ihn so in einer halbwegs stehenden Position. Ein zufälliger Beobachter sähe nur zwei sich stützende Männer. Er schleifte Münchner zur Kellertür.

"Ist er tot?"

"Noch nicht.", sagte Urban, während er Münchner neben sich herzog.

"War das wirklich nötig?"

"Ja."

"Ich wäre auch so mit ihm zurecht gekommen."

"Nein. Ich kenne ihn."

"Woher?" fragte Wieland erstaunt.

"Nicht persönlich. Den Typ. Er ist ein Jagdhund, der eine Witterung aufgenommen hat.", antwortete Urban. "Den lenken Sie mit einem kurzen Gespräch nicht ab. Oder was glauben Sie, warum er die Bilder erwähnte."

Mit leicht zitternden Fingern schloss Wieland die Tür auf. Würde Urban zuerst Münchner und dann ihn umbringen?

"Nervös?"

"Nein. Weshalb sollte ich?"

Urban ließ Münchner im Keller auf den Boden gleiten. "Kriegen Sie das erledigt?"

"Natürlich. Ich werde, ich werde das Problem aus der Welt schaffen. Sie werden davon nichts mehr hören."

Urban tätschelte leicht Wielands Wange: "Gut."

Dann ging er. Wieland schloss hinter ihm die Tür ab und sank an der Wand entlang auf den Boden. Er wäre schon alleine mit Münchner fertig geworden. Davon war er immer noch fest überzeugt. Aber jetzt, nachdem dieser Pavian, ihn betäubt hatte, konnte er das vergessen. Was sollte er Münchner sagen, wenn er wieder die Augen aufschlug. âOh, mein Freund hat etwas überreagiert.â Mist. Wieland hob Münchners Kopf an, bis sich dessen Kehlkopf deutlich abzeichnete. Dann schlug er kräftig zu. Es gab ein schmatzendes Geräusch. Dann nichts mehr. Ein Schlag hatte genügt, um ein weiteres Leben auszulöschen.

Wieland stand auf. Er zog Münchner hoch und warf ihn über seine Schulter. Er wunderte sich über das Gewicht des kleinen Mannes. Einige Meter weiter gab es einen Heizungsraum, der seit Ewigkeiten nicht mehr benutzt wurde. Wieland stolperte zu dem Raum. In ihm warf er Münchner in einer Ecke ab. Er warf eine Decke auf die Leiche. Keine große Tarnung, aber genug für die nächsten Stunden. Wieland wischte sich den Schweiß von seiner Stirn. Langsam beruhigten sich sein Puls und auch seine Atmung. Währenddessen klopfte er den Staub von seinen Kleidern und ordnete sie wieder. Auf dem Weg nach draußen schloss er die Heizungstür hinter sich ab.

Er nahm sein Handy und wählte Krafts Nummer. Natürlich ging nur die Mailbox ran: "Hallo Lothar, wir planen für heute Abend eine heiße Party. Wäre toll, wenn du auch kämst."

"Peter Lade. Tja, was soll ich sagen?", sagte der Chef der Abteilung für Gebäude- und Betriebstechnik der Universität. Für Außenstehende sorgten er und seine Männer einfach dafür, dass an der Uni alles lief. "Ist einer der Männer, die nicht mehr als nötig machen. Ich denke, seine wirklichen Interessen liegen bei einer anderen Arbeit."

"Welcher?", fragte Diana.

"Das habe ich noch nicht herausgefunden. Aber er hat keine finanziellen Probleme. Immer teuer gekleidet. Gutes Fahrrad. Und so."

"Er kriegt also auch Geld aus anderen Quellen?"

"Ja. Und wenn er dieses Geld nicht mehr bekommt, würde er sich auch mehr in diese Arbeit hineinhängen. Er kann arbeiten, wenn er will. Und er ist verdammt gut, wenn es um technische Sachen geht. Hätte ich bei einem Studierten so nicht gedacht."

"Haben Sie eine Ahnung, woher er sein Geld bekommt?"

"Keine Ahnung. Das müssen Sie ihn fragen."

"Wo ist er jetzt?"

"Keine Ahnung. Nach dem Dienstplan hat er mit einem Kollegen getauscht. Er kommt um zwölf Uhr. Wenn er sich nicht vorher krank meldet."

"Hm, das ist ja in einer Stunde. Wo meldet er sich zum Dienst?"

"Hier, bei mir. Und dann entscheide ich, was er heute wo machen soll."

"Dann komme ich um zwölf wieder."

"Gut."

Diana klopfte an Wielands Tür. Aber niemand antwortete. Bei Haller hatte sie mehr Glück. Sie stellte sich vor.

"Und wie kann ich Ihnen helfen?"

"Ich suche Robert Brandt."

Haller schluckte. Dann sagte er mit einem leichten Zittern in seiner Stimme: "Kenne ich nicht."

Es war genug, um Dianas Verdacht zu bestätigen. In Berlin hatte sie mit den Kleinkriminellen in ihrem Kiez immer wieder ähnliche Gespräche geführt. Wobei deren gespielte Unwissenheit im jahrelangen Straßenkampf wesentlich natürlicher rüberkam. Was auch an deren aufgespieltem Machotum lag. Da übernahm die aus unzähligen Hip-Hop-Videos geschulte Pose die halbe Arbeit. Seitdem bemerkte Diana die kleinen Signale, die eine Differenz zwischen dem Gesagten und dem Gewussten anzeigten. Signale, die natürlich keinen Richter überzeugten, einen Haftbefehl zu unterschreiben, aber ihr und ihren Kollegen anzeigten, hier tiefer zu Bohren. Das war einfach ein Teil des Spiels der Straße. Allerdings fand sie Hallers gespielte Unschuld ziemlich dreist. Denn jeder, der die vergangenen Wochen in Konstanz war, hatte etwas von Robert Brandts Verschwinden gehört. "Denke schon. Er wird vermisst."

"Oh, der Robert Brandt."

"Genau."

"Und was - habe ich mit ihm zu tun?"

Diana fiel die kurze Pause zwischen âwasâ und âhabeâ auf. Ein Zögern, das ihr, unter all dem gesitteten Benehmen verriet, sagte, sie war auf der richtigen Spur.

"Ihr Name taucht in seinen Unterlagen auf."

"Oh?"

"Im Zusammenhang mit einer Serie von Diebstählen."

"Davon habe ich keine Ahnung. Ich arbeite hier an meiner Diss â und an verschiedenen anderen Projekten."

"Eines davon ist Diebstahl und Mord?"

"Sie â das muss ich mir nicht anhören. Raus." Haller wies mit seinem rechten Zeigefinger auf die Tür.

Diana stand lächelnd auf. Aus ihrer Tasche zog sie eine Visitenkarte und legte sie neben sich auf den von Haller Kollegen belagerten Tisch. "Falls Sie es sich anders überlegen. â Noch können Sie halbwegs heil aus der Sache herauskommen. Aber wenn der feine Herr Wieland alles auf Sie abwälzt, - dann, tja, dann sieht es düster aus."

Haller starrte auf den Rücken von Diana Schäfer. Sie ging ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen aus seinem Zimmer. Bluffte sie? Oder hatte sie wirklich etwas herausgefunden?

Er schnappte sich seinen Telefonhörer und wählte Wielands Dienstnummer. Es klingelte sechsmal, bis der Anrufbeantworter ansprang. Er unterbrach die Verbindung und wählte Wielands Handy. Keine Verbindung. Er tippte schnell eine E-Mail:

Hallo Klaus, gehen wir nachher gemeinsam Essen?
Fritz

Er versuchte sich ohne Erfolg auf seinen Text zu konzentrieren. Eine Studie über die verschiedenen Maßnahmen des Stadtmarketings in norddeutschen Kleinstädten. Denn mehr konnte er im Moment nicht tun. Aber das Warten nervte ihn.

Diana ging wieder zurück in den Verwaltungstrakt zum Technischen Dienst. Der Dienst von Peter Lade begann in fünf Minuten.

"Herr Lade.", rief der Chef in den Nebenraum.

"Ja?"

"Hier ist eine Frau Schäfer. Sie möchte sich mit ihnen unterhalten."

"Moment."

"Er ist schon da?", fragte Diana ganz erstaunt.

"Wunder geschehen."

Peter Lade kam aus dem Nebenraum. Er schob einen Aluminiumkoffer in ein Regal. "Jetzt müsste die Kamera wieder gehen."

"Gut."

"Äh, Frau Schäfer? Wie kann ich Ihnen helfen?"

"Ich suche Robert Brandt."

"Schlimme Sache, das. Wissen Sie, wir haben tagelang von nichts anderem gesprochen. Ich meine, wie kommt es, dass ein Student einfach so verschwindet?"

"Keine Ahnung.", sagte Diana. "Haben Sie ihn gekannt?"

"Nein.", sagte Lade, während er ihr die Tür nach draußen aufhielt. "Ich gehe eine Zigarette rauchen."

"Denken Sie an die Mikrofone im Audimax."

"Mache ich gleich danach." Lade ließ die Tür hinter sich zufallen. Während sie zum Hof gingen, sprach Lade weiter. "Oder; also, es kann sein, dass er sich einmal hier etwas ausgeliehen hat. Oder wir uns mal begegnet sind. Wissen Sie, wenn er regelmäßig an der Uni war, sind wir uns bestimmt mindestens einmal über den Weg gelaufen. Trotz der gut zehntausend Studenten ist die Uni doch ziemlich klein. Die Mensa, der Innenhof, die Bibliothek, liegen fast übereinander. An anderen Universitäten ist das anders. Nicht so kompakt."

"Hm. Aber Sie haben nie mit ihm gesprochen?", fragte Diana. Auch er wusste etwas. Nach außen wirkte er zwar offen und ehrlich, aber er stand auf der von dem verschwundenen Brandt angefertigten Namensliste.

"Nein." Er holte ein edel aussehendes Zigarettenetui aus seiner seitlichen Hosentasche. "Wollen Sie auch eine?"

"Nein danke, Nichtraucherin."

"Sie haben Glück." Er zündete sich mit einem vergoldeten Sturmfeuerzeug seine Zigarette an. Jedenfalls hielt Diana es für vergoldet. Denn ein goldenes Feuerzeug wäre einfach zu wertvoll, um es einfach in eine Arbeitshose gleiten zu lassen, jedem Arbeitskollegen zu zeigen und während der Arbeit zu verlieren. Und jeder Raucher wusste, wie schnell ein Feuerzeug verschwindet. Sie dachte, Peter Lade schmücke sich mit gefälschten Insignien von Reichtum. Er trug zwar keine falsche Rolex, was gut zu ihm gepasst hätte, sondern eine Taucheruhr, aber Diana hielt ihn für einen klassischen Mehr-schein-als-sein-Typ.

"Oder Geschäfte mit ihm gemacht?"

"Ich mache keine Geschäfte mit Studis."

"Ach, mal schnell eine DVD kopieren."

"Mache ich nicht."

"Warum hat er sich dann ihren Namen notiert?"

"Keine Ahnung."

"Und warum bringen Sie gestohlene Gemälde in den Keller?", fragte Diana lächelnd. Es war ein Schuss ins Blaue mit dem sie die Fassade der Selbstgewissheit durchbrechen wollte.

Lade zog an seiner Zigarette. "Wenn ich den Auftrag bekomme, etwas in den Keller zu bringen, dann tue ich es. Dafür werde ich bezahlt."

âNur nicht vom Staat.â, dachte Diana.

"Haben Sie auch Robert in den Keller gebracht?"

Aus Lades dunkelbraun gebranntem Gesicht wich ein guter Teil seiner Farbe. Angst, die er als Wut tarnte: "Wollen Sie mich beleidigen?"

"Nein. Ich habe nur einen Auftrag."

"Dann erledigen Sie ihn an anderswo." Lade drückte seine zur Hälfte gerauchte Zigarette in einem der viereckigen Mischungen aus Mülleimer und oben drauf befestigtem Aschenbecher aus. Ohne ein weiteres Wort ging er zum Haupteingang.

Diana sah ihm lächelnd nach, während sie Lades ausgedrückte Zigarette in eine durchsichtige, kleine Plastiktüte beförderte. Der Mann hatte gute Nerven, aber er war zu lange zu höflich gewesen. Jetzt musste sie nur noch dem vierten, von Robert Brandt aufgeschriebenen, Namen einen Besuch abstatten. Vielleicht zum Kaffee oder Abendessen. Und dann Abwarten, was diese vier Herren unternahmen.


Axel Bussmer beim Ausbrüten feinteiliger Straftaten (rein literarischer Natur)
AXEL BUSSMER
iM INTERVIEW


(mit ULrike Duchna, Franka Plaschke und Barbara Keller im AREMA/Moabit
vom 31.07.2007...)


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