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Hier lasen Sie im Herbst 2007 in wöchentlicher Folge Axel Bussmers Debütkrimi "Ein bisschen Luxus".
Jeden Montag neu...

krimidebüt mit folgen...

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Axel Bussmer, "Ein bisschen Luxus" (5/28)


"Schäfer." "Laurentius Münchner. Jupp hat mir ihre Karte gegeben."
"Ja. Ich suche Robert Brandt. Im Auftrag von seinen Eltern."
"Sind Sie noch in der Uni?"
"Ja. Auf der Aussichtsplattform über der Cafeteria."
"Soll ich Ihnen den Blick auf die Mainau mit einem Kaffee verschönern?"
"Gerne."
Gut fünf Minuten später stellte Laurentius Münchner einen Kaffee vor Diana auf die Brüstung. Münchners Schäferhund beschnupperte neugierig Diana. Instinktiv streichelte Diana ihn.
"Ein schöner Hund."

"Asta.", sagte sein Besitzer. Ein kleiner, glatzköpfiger Mann mit einem ansehnlichen Bauch. Er hatte eine dunkle, volltönende Stimme. "Ich arbeite jetzt seit fünf Jahren hier und bin immer noch bezaubert von der Aussicht. Wir haben hier die Universität mit der schönsten Aussicht. Die Mainau, der Bodensee und die Alpen. Heute sind sie wieder zum Greifen nahe."
"Stimmt."
"Ich weiß nicht, ob ich ihnen helfen kann."
"Im Moment versuche ich einen Eindruck von Robert zu erhalten. Wie er lebte. Was er tat. Was er wollte. Und was er in den letzten Tagen vor seinem Verschwinden getan hat."
"Er war einer meiner Angestellten. Er arbeitete normalerweise zwei Nächte pro Woche bei mir. In der fraglichen Woche hatte er frei. Er wollte für eine Prüfung lernen."
"Eine Prüfung?", fragte Diana überrascht. Auch davon hatte nichts in Roberts sorgfältig geführtem Kalender gestanden.
"Ja. Ich glaube Statistik."

"Aber – die hätte er doch niemals verpasst."
"Ich weiß. Ich habe Herrn Schroff deshalb auch sofort auf die Möglichkeit eines Verbrechens hingewiesen."
"Was hat er geantwortet?"
"Er werde alles prüfen."
Diana trank einen Schluck Kaffee: "Glauben Sie an ein zufälliges Verbrechen?"
"Ich bin Determinist."
"Und?"
"Es gibt keine Zufälle."
"Hm, und was führte zu seinem Verschwinden?"
"Keine Ahnung."
"War er in seinen letzten Tagen irgendwie anders?"
"Mir ist nichts aufgefallen. Allerdings habe ich nachher mit meinen Angestellten darüber gesprochen. Danach war er in den Wochen vor seinem Verschwinden öfters im Keller der Universität, den Katakomben, gewesen."
"Warum?"

"Aus der Bibliothek sind etliche Bücher verschwunden. Robert glaubte anscheinend, dass der Bücherdieb irgendwie durch die Katakomben in die Bibliothek kam."
"Waren die Bücher wertvoll?"
"Nicht sehr. Die meisten Bücher sind keine vierzig Jahre alt. Für die Wiederbeschaffung wurden 10.000 Euro veranschlagt. Einige Bücher wurden nicht mehr nachgekauft. Von ihnen hat die Bibliothek bereits neuere Auflagen in ihrem Bestand. Andere gibt es bereits in kostengünstigeren Ausgaben. Und der Dieb hat bestimmt keine 1.000 Euro bekommen. Für ein Bibliotheksbuch wird meistens kein Geld gegeben. Da sind die Stempel der Universität, die Spuren vom Lesen, einige Studenten streichen Textstellen an und wenn der Dieb die Seiten mit den Stempeln entfernt, ist das Buch beschädigt."
"Es wäre trotzdem ein Motiv."
"Ach. Für einen Tausender wird hier niemand zu einem Mörder."
"Es ist die beste Spur, die ich habe."
"Das dachte ich auch. Deshalb habe ich nachgeprüft, ob Robert am Dienstag in die Katakomben ging."

"Und?"
"Nichts."
Das Studentensekretariat war in den Semesterferien nur vormittags geöffnet. Diana klopfte trotzdem an. Aber niemand öffnete ihr.
Sie holte ihr Händy aus der Hosentasche und tippte Jürgen Brandts Telefonnummer ein. Nach dem dritten Klingeln nahm er das Gespräch an.
"Wissen Sie schon etwas Neues?"
"Einiges, Herr Brandt. Aber ich mache mir im Moment nur ein Bild von Robert."
"Inzwischen wäre jede Nachricht eine gute."
"Ich weiß." Diana schwieg eine Sekunde. "Wissen Sie, ob Robert sich für eine Klausur angemeldet hat?"
"Ich glaube ja. Moment mal. Isabelle, hat Robert sich für eine Klausur angemeldet?"
"Er hatte mal etwas von einer Statistik-Probeklauser gesagt. Aber es dann bleiben gelassen, weil im Wintersemester ein anderer Professor den Kurs anbietet.", rief Isabelle Brandt.

Kapitel 7
Diana hatte sich für halb neun Uhr mit Roberts Freund Antonio Delgado im Café Zeitlos verabredet. Er hatte das im Schatten der Stephanskirche liegende Café vorgeschlagen. Vorher arbeitete er im Buchladen Zur Schwarzen Geiß. Diana war sofort mit dem Zeitlos einverstanden gewesen. Obwohl es mitten im Zentrum von Konstanz lag, war es an den Sommerabenden nicht so überfüllt. Die meisten Studenten gingen in die Seekuh oder gleich zur Hafenpromenade. Außerdem war der Salat gut.

Als sie Antonio das erste Mal sah, bedauerte sie, dass er homosexuell war. Denn er war der perfekte Latin Lover. Mitte zwanzig, athletisch, fast ein Meter achtzig, perfekte strahlende Zähne. Warum waren nur alle gut aussehenden Männer schwul?
"Robert.", sagte Antonio. "Wir lernten uns in Zürich kennen. Letztes Jahr auf dem CSD. Wir feierten die Nacht durch. Am Morgen verabschiedeten wir uns. Ich sagte, ich müsse auf den Zug nach Konstanz. Er sagte, er habe den gleichen Weg. Allerdings mit seinem Auto. Und in ihm sei noch ein Platz frei. In den folgenden Wochen trafen wir uns immer öfter."
"In der Wohngemeinschaft –"

Antonio winkte ab: "Da waren wir uns fast nie. Robert dachte immer, die anderen hätten etwas dagegen. Er kam immer zu mir."
"Robert soll ruhig und unauffällig gewesen sein."
"Nicht bei mir."
"Hm?"
"Das war der äußere Schein. Er hatte sich eine Tarnkappe zugelegt. Er war angepasst, höflich, strebsam, wenn er unter Heteros war. Unter uns war er, nun, ein richtiger Mann. Wild, unruhig, voller Energie. Er konnte die ganze Nacht durchtanzen, sich dann duschen und in eine Vorlesung gehen."
"Sie halten ihn für tot?"

"Er hätte mich nie verlassen. Jedenfalls nicht so." Antonio hörte auf zu reden. Diana wartete. Er hatte noch nicht alles gesagt. Er suchte nach den richtigen Worten. Worten, die ihre intensive Beziehung umreißen könnten, ohne falsch oder überheblich zu klingen. "Ich, wir." Er brach ab. Seine Augen tasteten den Biergarten ab. Zwei Tische weiter flüsterte ein junges Pärchen miteinander. Der Golden Retriever von Marlis lag gelangweilt neben dem Eingang. Vom angrenzenden Parkplatz war das Knattern eines startenden Mopeds zu hören. "Klingt es pathetisch, wenn ich sage, dass er die Liebe meines Lebens war und ich seine?"
"Nein." Nur traurig, wenn Robert wirklich tot war. Dann hätte Antonio noch Jahrzehnte voller Trauer vor sich. Oder er fand irgendwann eine neue, größere Liebe.

"Werden Sie ihn finden?"
"Ich versuche es. Allerdings gibt es kaum Spuren. Anscheinend ist er nach der Vorlesung einfach spurlos verschwunden."
"Er wäre nie zu einem Fremden ins Auto eingestiegen."
"Robert kann auch den Bus benutzt haben. Oder zu Fuß weggegangen sein."
"Und wenn er noch in der Uni ist?"
"Die Polizei hat da alles abgesucht. Auch die nähere Umbebung. Sie hätten ihn bestimmt gefunden." Diana hatte zwar nichts von einer großen Suchaktion der Polizei mitbekommen, aber es gehörte zum normalen Verfahren, sich die nähere Umgebung anzusehen. In Richtung Bodensee waren die Konstanzer Stadtteile Egg und Allmansdorf. Da wäre eine Leiche schnell gefunden worden. Der Mainauwald war schon größer, aber ziemlich licht. Schroff und seine Kollegen hätten mit einigen Spürhunden das Gebiet schnell durchsuchen können. Das war Standard und hatte zu nichts geführt.

Und wenn Robert in den Katakomben lag? Wie groß war der Keller der Universität? Sie hatte keine Ahnung. Die Uni selbst war ein großes, zusammenhängendes Gebäude. Man konnte den ganzen Tag in ihr bleiben: Vorlesungen besuchen, in die Bibliothek gehen, Bücher kaufen, Essen gehen, Bankgeschäfte erledigen und manchmal am Abend einen Film sehen. Das ging alles, ohne das Gebäude einmal verlassen zu müssen. Inzwischen studierten fast 10.000 Menschen in ihr und es herrschte nur zu den wenigen Stoßzeiten, wie beim Mittagessen um kurz vor zwölf Uhr, ein wirkliches Gedränge. In den vielen, etwas abgelegeneren Teilen des Gebäudes war es fast immer ruhig. Dort verirrten sich nur wenige hin. Wenn die Uni vollständig unterkellert wäre, dann könnte Robert irgendwo dort liegen und niemals gefunden werden. Sie müsste morgen Linus Schroff und Laurentius Münchner fragen, ob sie die Katakomben durchsucht hatten.

"Ihnen ist etwas eingefallen."
"Ja. Die Katakomben."
"Äh?"
"Hat er irgendetwas gesagt bevor er verschwand?"
"Was?"
"Ich weiß nicht. Hat er vielleicht etwas entdeckt? Oder jemand erwähnt? Pläne geschmiedet?"
"Ja. Da war was. Am Sonntag sahen wir uns eine DVD an. The Score. Mit dem süßen Edward Norton, Robert De Niro als Profi-Einbrecher und Marlon Brando. Netter Film. Danach sagte er, wir könnten bald in unser Paradies fliegen. Ich sagte, wir hätten dieses Jahr nicht genug Geld und nicht die Zeit für einen Bali-Trip. Da lächelte er nur und küsste mich. Damals hielt ich es für einen Scherz. Aber jetzt? Ich weiß nicht."
"Was kann er in der Uni gefunden haben?", fragte Diana nachdenklich. Einige zerlesene Bibliotheksbücher führten hundertprozentig nicht zum Paradies unter Palmen.
Antonio zuckte mit den Schultern: "Mehr hat Robert nicht gesagt. Nur, dass wir bald in unser Paradies fliegen könnten. Für uns war es immer ein Traum, eine kleine Cantina an einem Strand zu eröffnen und dann einfach das Leben genießen. Ohne finanzielle Sorgen. Ich denke, davon träumt jeder."



Axel Bussmer beim Ausbrüten feinteiliger Straftaten (rein literarischer Natur)
AXEL BUSSMER
iM INTERVIEW


(mit ULrike Duchna, Franka Plaschke und Barbara Keller im AREMA/Moabit
vom 31.07.2007...)


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