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Hier lasen Sie im Herbst 2007 in wöchentlicher Folge Axel Bussmers Debütkrimi "Ein bisschen Luxus".
Jeden Montag neu...

krimidebüt mit folgen...

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Axel Bussmer, "Ein bisschen Luxus" (11/28)


In seinem Zimmer klingelte das Telefon. Schroff begann loszulaufen. Er gehörte zu der alten Garde, die beim Klingeln eines Telefons alles stehen und liegen ließen. Außerdem war der Anrufbeantworter, wie immer, aus.

Er schnappte den Hörer und stieß ein atemloses "Ja?" aus.

"Herr Schroff?"

"Ja."

"Bentele hier. BaFin."

"Oh, meine Anfrage."

"Sie haben nach Kontobewegungen bei einem gewissen Robert Brandt gefragt."

"Ja. Er wird vermisst."

"Nicht mehr."

"Was?" Sollte es wirklich so einfach gehen? Hatte er wegen einer fehlenden Anfrage die Eltern einen guten Monat im ungewissen gelassen? Allerdings, beruhigte er sich gleich wieder, sie hatten ebenfalls nicht daran gedacht und sie hatten nicht, wie sie ihm gegenüber immer wieder beteuerten, alles über ihren Goldschatz gewusst.

"Ja. Er ist in Bali."

"Nein."

"Doch. Daran gibt es anhand seiner Abbuchungen keinen Zweifel. Er nahm am 13. Juli von Zürich nach Bali ein Flugzeug. Dort reist er anscheinend herum. Oder er hat sein Hotel noch nicht bezahlt. Jedenfalls gibt es hier verschiedene Abbuchungen. Mal für ein Essen, mal hebt er Geld ab."

"Toll. Können Sie mir die Daten zufaxen?"

"Kein Problem."

"Tausend Dank. Das wird seine Eltern freuen."

"Wir helfen immer gerne."

Schroff sank erleichtert auf seinen Besucherstuhl. Die Eltern hatten sich geirrt. Er tippte die Handynummer der Privatdetektivin ein und wartete. Hoffentlich ging sie dran und nicht die Mailbox.

"Schäfer hier."

"Hier Schroff. Sie werden es nicht glauben."

"Was denn?"

"Wir haben ihn.", sagte Schroff. Schnell setzte er nach: "Lebend!"

"Sind Sie sicher?"

"Er ist nach Bali geflogen."

"Uh, schon überprüft?"

"Ich habe gerade erst von der BaFin die Mitteilung erhalten. Die schicken mir auch eine Aufstellung der Buchungen rüber."

"Gut. Ich, ähem, ich komme dann gleich bei ihnen vorbei. Können Sie die Kollegen in Bali anrufen? Ich denke, ehe wir den Brandts etwas sagen, müssen wir ganz sicher sein."

"Es ist doch alles klar."

"Und falls jemand seine Karte benutzt?"

"Äh. Also gut."

"Bis gleich."

Sie legten auf. Schroff ließ sich über die Zentrale zur Deutschen Botschaft nach Bali verbinden. Hoffentlich konnte er diese Sache jetzt über den kurzen Dienstweg erledigen und musste nicht LKA und BKA dazwischenschalten.

"Deutsche Botschaft Bali. Helm am Apparat."

"Hier Linus Schroff. Ich bin in Konstanz Kriminalpolizist."

"Eine schöne Stadt.", antwortete die dunkle Stimme am anderen Ende der Welt.

"Könnten Sie mir bei einem Vermisstenfall helfen? Vor einem Monat ist ein Robert Brandt von hier verschwunden. Nach meinen derzeitigen Informationen hält er sich in Bali auf."

"Sie kennen doch den Dienstweg."

"Ja. Aber ich möchte seinen Eltern möglichst schnell die frohe Botschaft sagen. Sie sind krank vor Angst. Sie glauben, dass er tot ist."

"Nun, ich bin selbst Vater von zwei Töchtern. â Wenn Sie mir die Anfrage zuschicken, werde ich sehen, was ich herausfinde."

"Tausend Dank."

"Kennen Sie sein Hotel?"

"Nein. Nur einige Adressen, an denen er mit seiner Karte bezahlte oder Geld abhob."

"Hm, dann kann es etwas dauern. Aber ich werde es prioritär bearbeiten. Wenn Sie mir seine Passnummer und die Kartennummer geben."

Schroff gab sie ihm. Helm gab ihm seine Fax-Nummer und E-Mail-Adresse. Schroff legte sanft den Telefonhörer auf. Jetzt hieß es für ihn wieder warten.

Diana überflog die Liste der Abbuchungen. "Kein Zweifel, jemand benutzt diese Karte regelmäßig."

"Robert Brandt. Wer sonst?"

"Ich weiß nicht." Diana gab Schroff das Fax zurück. "Es passt einfach nicht zu ihm. Er verschwindet ohne etwas zu sagen."

"Na, er hat doch diesen Brief geschrieben."

"Niemand hat etwas von dieser großen Liebe mitbekommen."

"Liebe auf den ersten Blick. Soll es geben."

"Nicht bei ihm. Er war dafür zu vernünftig."

"Kann sein. Kann nicht sein."

"Und dann hier die Abbuchungen aus den Vergnügungsmeilen Balis. Das sieht doch nach Puffbesuchen aus."

"Ja und?"

"Mit seiner großen Liebe direkt in den Puff?"

Schroff zuckte mit den Schultern: "In Bali suchen sie nach ihm und wenn wir ihn dann am Telefon haben, können Sie ihn das alles fragen."

"Gut. Aber sagen Sie bitte seinen Eltern noch nichts. Ich denke, sie verkraften keine auf und abs."

"Bin sowieso mit dem Seenachtsfest beschäftigt.", sagte Schroff. Innerlich ärgerte er sich über diese Frau, die ihm, ohne die nötigen Kompetenzen, Anweisungen gab. Dummerweise sogar sehr vernünftige Anweisungen. "Ausnahmezustand."

"Ich weiß. Bin ja selbst ein Kind des Sees."

"Hm?"

"Meine Mutter sagte immer, ich sei während des Feuerwerks auf einer Jolle gezeugt worden."

"Stimmt das?"

"Keine Ahnung. Ist jedenfalls eine gute Geschichte."

Wieland zog sich vor der Uni-Bibliothek aus dem Automat einen Kaffee. Dann schlenderte er die Treppe hoch und ging betont zufällig zur Leitwarte.

"Ist der Chef da?"

"Er müsste gleich wieder kommen.", sagte der Pförtner.

"Wo ist er?"

"Keine Ahnung."

"Na, gut. Ist auch nicht so wichtig." Wieland schlürfte einen Schluck heißen Kaffee und machte eine verabschiedende Handbewegung. Draußen sah er sich um. Wo war Münchner? Und wie könnte er das Gespräch unauffällig auf den Keller lenken?

Münchner kam von der Menseria. Asta lief schwanzwedelnd neben ihm her.

"Hallo, Herr Münchner."

"Guten Tag?" Offensichtlich kannte er ihn nicht.

"Wieland. Ich arbeite bei den Verwaltern."

"Ah?"

"Robert Brandt besuchte eines meiner Seminare."

"Schlimme Sache."

"Ja. Und weil ich sie gestern mit Frau Schäfer gesehen habe, wollte ich mal nachfragen, ob es etwas Neues gibt."

"Keine Ahnung."

"Ich würde gerne helfen ihn zu finden."

"Nun, wir haben uns den Keller angesehen. Aber natürlich nichts gefunden. Ich meine, wenn er hier wäre, hätten wir ihn schon lange gefunden."

"Wahrscheinlich haben Sie Recht."

"Sie war später noch einmal alleine im Keller. Aber da hat sie auch nichts gefunden. Jedenfalls hat sie mir nichts gesagt."

"Nun, dann. Einen schönen Tag noch." Es war schon nach vier Uhr und er hatte heute noch einiges zu erledigen. Verärgert feuerte er den halbleeren Kaffeebecher in einen Mülleimer.

Wieland lauschte. Es war nichts zu hören. Anscheinend war er alleine im Keller. Mit weit ausholenden Schritten ging er zum ersten Versteck. Er hatte nicht viel Zeit und die verschiedenen Verstecke lagen verstreut unter der Uni. Das erste war unterhalb des verwaltungswissenschaftlichen Traktes. Sie hatten einfach die Stapel studentischer Arbeiten bei einem schon lange emeritierten Kollegen umgeräumt und dahinter mehrere kleinere Gemälde versteckt. Die Temperatur war gleichmäßig und niemand interessierte sich mehr für diesen Professor. Erst wenn es im Keller keinen Platz mehr gäbe, würde die Verwaltung einige Angestellte losschicken und diese Zelle leer räumen. Seit ihrem letzten Besuch war niemand mehr in dieser Ecke gewesen.

Zufrieden schloss Wieland hinter sich die Tür. Das nächste Lager war unterhalb des literaturwissenschaftlichen Bereichs und, im Vergleich zu den anderen, auf seinem jetzigen Weg schwer zu erreichen.

Wieland sprang einen Absatz hinunter. Federnd kam er etwa einen Meter fünfzig tiefer zum Stehen. Unter der Treppe gab es einen knapp ein Meter hohen Gang. Von oben war er nicht zu sehen. Auch er hatte ihn nur zufällig entdeckt. Am Ende des vier Meter langen Ganges war eine Stahltür. Er holte aus seiner Hosentasche eine kleine Taschenlampe und schaltete sie an. Langsam fuhr er mit dem Strahl die Tür ab. Sie war unberührt. Zufrieden nickte er und machte sich auf den Rückweg.

Gerade als er den Gang verlassen wollte, hörte er sich nähernde Stimmen. Wieland drehte sich um und setzte sich auf seinen Hintern. Die Stimmen kamen näher. Ein Hund bellte. Wieland stand auf und kroch hastig zur Tür. Vor der Tür holte er mit zitternden Fingern den Schlüssel und öffnete sie. Hoffentlich quietschte sie nicht. Die Stimmen kamen näher. Wieland drehte den Schlüssel um. Zog ihn aus der Tür und zog sie auf. Es waren eine männliche und eine weibliche Stimme. Und der Köder. Wieland kroch auf die andere Seite. Also schnüffelten Münchner mit seinem Hund und der Detektivin hier unten herum. Mist. Er durfte ihnen nicht über den Weg laufen. Er schloss die Tür hinter sich ab. Er machte die Taschenlampe an. Vor ihm lag ein Saal voller, kaum versteckter, gestohlener Gegenstände. Auf der anderen Seite war der Ausgang.

Wieland klopfte sich den Staub von seinen Kleidern. Zum nächsten Versteck musste er jetzt den gut dreifachen Weg zurücklegen.

"Asta, hierher."

"Was hat er?"

"Keine Ahnung, Frau Schäfer. So benimmt sie sich sonst nur, wenn sie im Wald ein Kaninchen verfolgt.", sagte Münchner.

"Was ist denn da unten?"

"Nichts."

Diana sprang den kleinen Absatz hinunter. "Die könnten hier einen Tümpel anlegen."

Asta kam schwanzwedelnd aus dem Gang zurückgelaufen, durch den vor einigen Minuten Wieland gekrochen war. Sie lief um Diana herum. Diana ging vor dem Gang in die Knie. Mit ihrer Taschenlampe leuchtete sie in den Gang hinein. Auf dem Boden waren Spuren. Hier war jemand entlanggekrochen. Außerdem hatte Asta ihre Pfotenspuren verteilt. "Wo geht denn die Tür hin?"

"Äh, in einen leeren, von niemandem benutzten Zwischenraum."

"Haben Sie ihn sich schon einmal angesehen?"

"Nein. Das war nie nötig."

"Na dann wollen wir mal." Sanft schob Diana Asta etwas aus dem Weg und kroch zur Tür.

Resigniert sprang Münchner hinunter und folgte ihr. Er war ganz froh, bei der Arbeit niemals seine besten Kleider anzuziehen.

Diana versuchte die Tür zu öffnen. Es ging nicht. Sie holte aus ihrer Tasche ihren Dietrich. Nach einigem Fummeln hörte sie ein Klacken.

"Voilá. Wir können." Diana richtete sich auf. Der Strahl ihrer Lampe wanderte durch den Saal. "Leer?"

"Sollte er.", sagte Münchner. Ungläubig starrte er auf die von einer Taschenlampe beleuchteten Kisten und verpackten rechteckigen Rahmen. Wer hatte das alles hierher geschleppt? Und was war in den Kisten?

"Gibt es hier keinen Lichtschalter?"

"Müsste neben der Tür sein.", sagte er und ging zur Eingangstür. Neben ihr war, wie er vermutet hatte, ein Lichtschalter. Er drehte ihn um und nach dem Bruchteil einer Sekunde blinzelten sie in kaltes Neonlicht. Diana versuchte eine Kiste zu öffnen. Aber sie war abgeschlossen. Wieder benutzte sie ihren Dietrich. Dann holte sie einen in ein dunkles Laken gehüllten Gegenstand heraus. Sie entfernte das Laken und hielt eine Monstranz in der Hand.

"Die war doch im Kloster Birnau."

Diana nickte.

"Und was sucht die hier?" Ehe Diana antwortete, ging Münchner zu den mit Laken eingehüllten Gegenständen und riss die Laken weg. Er starrte fassungslos die Landschaftsbilder an. Einige hatte er in Kunstbüchern gesehen, über einige hatte er in der Tageszeitung gelesen, und einige kannte er nicht. "Und die Bilder?"

"Ich denke â"

"Was ist in den Kisten?"

"Keine Ahnung."

"Dann machen Sie sie auf."

"Gut." Diana kniete sich vor eine weitere Kiste und begann sie zu öffnen. Münchner stand auf und ab wippend hinter ihr. "Sie wissen doch, was drin ist?"

"Das sind doch sicher alles Fälschungen?", fragte Münchner. Seine leicht zitternde Stimme verriet allerdings, dass er selbst nicht daran glaubte. Er war kein Kunstexperte. Museen besuchte er nur sehr selten und Kirchen überhaupt nicht. Sogar im Hochsommer suchte er lieber irgendwo sonst ein schattiges und kühles Plätzchen.

"Ich sehe mir nachher die Bilder an."

"Verstehen Sie etwas davon?"

"Wenig. Es dürften allerdings die Originale sein."

"Das kann nicht sein."

"Warum?", fragte Diana, während sie die Kiste öffnete. Eines hatte sie in den vergangenen Minuten herausgefunden. Münchner gehörte nicht zu den Einbrechern. Sogar ein guter Schauspieler wäre hier überfordert gewesen. Außerdem hatte Diana ihre Erfahrungen mit notorischen Lügnern bei ihrer Arbeit als Streifenpolizistin in Berlin gesammelt.

"In meinem Keller."

In der Kiste lagen verschiedene Reliquien im Stroh.

"Das ist unglaublich.", fuhr Münchner fort. "Da haben die unter meinen Augen hier Diebesgut gehortet."

"Nicht nur hier."

"Was?"

"In der Nähe von der Ausfahrt â"

"Welche Ausfahrt?"

"Na, in der wir gestern das Auto sahen."

"Ah, ja."

"Da habe ich in einer Kammer einige Bilder gefunden." Diana richtete sich auf. Anscheinend bestand Münchner nicht mehr darauf, dass sie weitere Kisten öffnete. Sie hätten ihnen sowieso nicht viel Neues verraten.

"Gehen wir hin." Münchner drehte sich um und ging zu der Tür, durch die sie hineingekommen waren. "Das ist der schnellere Weg. Komm, Asta."


Axel Bussmer beim Ausbrüten feinteiliger Straftaten (rein literarischer Natur)
AXEL BUSSMER
iM INTERVIEW


(mit ULrike Duchna, Franka Plaschke und Barbara Keller im AREMA/Moabit
vom 31.07.2007...)


Kanzlei Hoenig