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Hier lasen Sie im Herbst 2007 in wöchentlicher Folge Axel Bussmers Debütkrimi "Ein bisschen Luxus".
Jeden Montag neu...

krimidebüt mit folgen...

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Axel Bussmer, "Ein bisschen Luxus" (15/28)


Kraft stand im Schatten der Bäume. Bis jetzt war noch niemand aus dem Casino gekommen und hatte seinen Kollegen gesucht. Vielleicht hatte er auch jemand von einem privaten Sicherheitsdienst getötet. Egal. Der Trottel war zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen. Und er war zu neugierig gewesen. Kraft überlegte, ob er dessen Leiche nicht doch zu einem anderen Ort transportieren sollte. Vielleicht im Krematorium verbrennen. Oder einfach in Meier-Neffs Kofferraum liegen lassen. Würde ihm bestimmt einige unangenehme Stunden in einem Verhörzimmer bescheren.

Drei Uhr Fünfundzwanzig.

Bald konnte er die Bomben wieder entfernen.

Da ging auf einem der Boote ein Licht an.

Kraft zählte schnell nach. Könnte die Esmeralda sein. Er ging in die Hocke, drehte sich vom Parkplatz ab und suchte etwas Schutz. Er drückte die Schnellwahl seines Prepaid-Handys.

Synchron flogen vier Luxuskarossen in die Luft.

"Was?" Sibling zuckte zusammen und drehte seinen Kopf in die Richtung, aus der er die Explosionen, die sich wie eine anhörten, kamen. Wieland nutzte seine Chance. Er drückte ab. Dreimal hintereinander.

Die Kugeln verwandelten Siblings fettes Gesicht in eine undefinierbare Masse aus Blut, Knochen und Gehirn, die sich halbwegs gleichmäßig in dem Gang verteilte. Die Harpune fiel auf den Holzboden.

Wieland und Lade stürmten aus dem Boot. Sie sprangen auf den Steg.

Als die Autos in die Luft flogen, zuckte Haller kaum zusammen. Er hatte mit so etwas gerechnete, nachdem er den Lichtschein auf der Esmeralda gesehen hatte. Er sicherte die Pistole wieder, schob sie dabei in seinen Hosenbund und sprang zum Steg. Er startete den Motor. Ließ ihn im Leerlauf tuckern. Wieland und Lade müssten bald kommen â oder er müsste ohne sie fahren.

In den anderen Booten gingen Lichter an.

Haller zog eine Stoffmaske über sein Gesicht. Dann machte er die Leinen los.

Wieland und Lade liefen zu Haller. Lade hatte aus reiner Gewohnheit seine Maske übergezogen. Er fand, das sehe cooler aus. Wieland dachte eher an faschistoid. Außerdem trug keiner der von ihm in Buch und Film bewunderten Einbrecher eine Maske.

"Wieland?"

Lade sprang zu Haller in das Boot. Wieland drehte sich zu der Stimme um: "Herr Direktor?"

Lade knallte im Boot unsanft auf seinen Rücken. Der überraschende Schmerz raubte ihm den Atem. Haller hob seine Beretta und gab einen ungezielten Schuss in Richtung des Universitätsdirektors ab. Dabei flog sein Arm nach oben.

Der Direktor zuckte zusammen: "Wasâ?"

Zu mehr kam er nicht. Haller stabilisierte jetzt den Schussarm mit seiner anderen Hand. Er drückte ab und verwandelte den Kopf des auf der anderen Seite stehenden nackten Mannes in eine spritzende Masse. Er war tot, bevor er auf dem Schiffsboden aufschlug.

Wieland schnappte kurz nach Luft. Hoffentlich hatte niemand seinen Namen verstanden. Er sprang in das Boot.

"Los.", sagte er.

Haller gab Gas, während Wieland sich auf den Boden legte. Neben Lade. Jetzt war nur noch ein schwarzer Mann in einem sich schnell aus dem Hafen bewegenden Boot zu sehen.

Während die letzten Metallteile der Autos auf den Asphalt flogen â niemand hörte nach dem Knall die von ihnen verursachten Geräusche; alle waren noch taub und desorientiert von der vierfachen Explosion â sprang Kraft auf und lief zu seinem Fluchtauto.

Aus dem Casino stürmten Personal und Gäste auf den Vorplatz. Auf den Schiffen gingen Lichter an. Nur die Polizeistation blieb Dunkel. Wahrscheinlich war sie für die Nacht geschlossen worden. Warum, fragte Kraft sich jetzt, hatten sie sich dann um die Bullen Gedanken gemacht?

Niemand beachtete die auf ein Auto zulaufende dunkle Gestalt. Die brennenden Wracks waren interessanter. Besonders, wenn es das eigene Auto war.

Kraft startete. Der Benz sprang sofort an. Ohne Licht fuhr er in die Hebelstraße. Nachdem er die asymmetrische Kreuzung Neuhauser Straße/Hinterhauser Straße passiert hatte, machte er das Fahrtlicht an. Leicht unterhalb der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit fuhr er zur Mainaustraße, bog â mit einem vorschriftsmäßig gesetzten Blinker â nach rechts Richtung Staad ab.

Die anderen drei fuhren in ihrem Boot um das Hörnle herum. Das Chaos im Hafen würde die Bullen die erste Zeit beschäftigen. Aber sie hatten jetzt keine Sekunde mehr zu verlieren.

Keiner sagte etwas. Aber sie dachten alle das gleiche: Sollten sie jetzt aufhören? Schließlich ging jetzt langsam alles schief. Oder sollten sie sich an eine andere Universität bewerben? Berlin? Hamburg?

Haller und Lade zerlegten ihre Pistolen und warfen die einzelnen Teile in den See.

Keine fünf Minuten nachdem die Polizeistation Konstanz am Benedektinerplatz den Anruf erhielt, dass vor dem Casino einige Autos in die Luft geflogen waren, fuhren bereits die ersten Polizeiautos mit Blaulicht und Martinshorn auf den Parkplatz. Dabei vernichteten sie keine wichtigen Spuren.

Von den beiden ermordeten Mitgliedern der High Society erfuhren sie erst kurz vor vier Uhr.

Freitag, 12. August, Kapitel 13
"Wasnlos?", murmelte Diana verschlafen, während Jörg Dessau in seine Hose schlüpfte.

"Ich muss. Am Casino sind einige Autos in die Luft geflogen. Und zwei Männer umgebracht worden."

Diana saß jetzt kerzengrade im Bett: "Wer?"

"Ein gewisser Sibling und Kromer."

"Uh."

"Mehr weiß ich nicht. Jedenfalls werden jetzt alle angerufen." Dessau zog sein T-Shirt über den Kopf. "Und dann noch das Seenachtsfest. Als wäre eine Sache nicht genug."

"Ich." Diana brach ihren angefangenen Satz nach dem ersten Wort ab. Sie hatte eigentlich sagen wollen âIch komme mit.â, aber sie war keine Polizistin mehr. Sie müsste auf der falschen Seite der Absperrung stehen und einer der Gaffer sein. Außerdem, was hatte diese Sache mit ihrem Fall zu tun?

"Was?"

"Ach, nichts."

"Du bist nicht mehr bei der Polizei."

"Ich weiß. Komm, küss mich zum Abschied. Schließlich werde ich dich die nächsten Tage nicht mehr sehen."

"Leider."

Als Diana ihr Gesicht mit Wasser besprengte, hörte sie von draußen ihren Freund wegfahren. Es war vier Uhr dreißig und sie hatte keine Ahnung, wie sie in ihrem Fall weiterkommen könnte. Inzwischen wäre ihr ein Anruf vom anderen Ende der Welt ganz Recht. Mit einem zerknirschten Robert Brandt am Telefon. Bis dahin würde sie einfach ihrer einzigen Spur folgen und mit den Herren Wieland, Haller, Kraft und Lade reden. Nach einigen weiteren Stunden Schönheitsschlaf.

Schroff stand fassungslos auf dem Parkplatz des Casinos. Unter der aufgehenden Sonne zeichnete sich das von den Gangstern verursachte Chaos mit jeder Minute deutlicher ab. Das Gelände war bereits weiträumig von Streifenpolizisten abgesperrt worden. Sie versuchten die Neugierigen halbwegs auf Distanz zu halten. Einige seiner Kollegen befragten die Gäste und Angestellten des Casinos. Andere die Menschen, die die Nacht auf ihren Booten verbracht hatten. Die Spurensicherung hatte bereits ihre Arbeit aufgenommen. Aber es waren noch weitere Männer angefordert worden. Die Grenze zur Schweiz war geschlossen worden und die deutsche, schweizer und österreichische Seewacht kontrollierten den Bodensee. Die Sanitäter standen ratlos herum. Es hatte anscheinend keine Verletzten gegeben und die Leichen fielen nicht in ihre Zuständigkeit. Einerseits hätten sie wieder wegfahren können, aber andererseits waren sie auch neugierig. Gaffer in einer besseren Position.

Der Polizeireporter des Südkuriers näherte sich auf einem Fahrrad. Schroff kannte ihn. Ein zuverlässiger Mann. Er ging zu ihm.

"Morgen."

"Morgen."

"Weiß man schon etwas?"

"Nee. Vier Autos explodierten und im Hafen wurden zwei Männer umgebracht. Später wirdâs eine Pressekonferenz geben."

"Ein Anschlag?"

"Wie würdest du es denn sonst nennen?"

"Ich meinte, ob es einen terroristischen Hintergrund gibt."

"Keine Ahnung. Wirklich keine Ahnung."

"Darf ich dann einige Bilder machen?"

"Eigentlich nicht." Schroff drehte sich um. Warum sollte er dem Journalisten verbieten zu arbeiten, während die Zeugen mit ihren Fotohandys Bilder ohne Ende schossen und inzwischen wahrscheinlich bereits zu ihren Freunden und Bekannten schickten. Einige mit exzellenten Verbindungen zu den Medien. "Schließ dein Velo ab. Ich führe dich herum."

"Okay."

Philipp Fraunhofer schloss sein Fahrrad ab. Aus seiner Fototasche holte er seine Spiegelreflex mit einem 28 â 50 mm-Objektiv. Den Blitz schraubte er an seine Canon. Er hatte einen Farbfilm drin. 36 Aufnahmen.

Gemeinsam gingen sie über das Schlachtfeld. Er schoss einige Aufnahmen von dem Parkplatz. Von den Autos. Von den auf dem Boden liegenden Teilen. Von den Gaffern. Da sah er im Gebüsch ein Handy.

"Da, ein Handy."

"Hm." Schroff zog sich Latexhandschuhe an. Dann nahm er es in seine Rechte. Es war noch an. Er drückte auf die Wahlwiederholung und wartete, ob jemand abhob. Nach dem ersten Klingeln brach die Verbindung ab.

Als Schroff die Wahlwiederholung drückte, aktivierte er die Bombe unter dem Mercedes 190 von Meier-Neff. Er und seine Frau hörten einen lauten Knall, sprangen aus dem Bett und liefen zu ihrem Küchenfenster. In ihrer Einfahrt brannte ihr Auto.

Kraft hörte nichts von der Explosion. Er befand sich bereits auf dem Heimweg.

Münchner stand um fünf Uhr auf. Er war schon immer ein Frühaufsteher gewesen. Er duschte, zog sich frische Kleider an und rief Asta. Sie stand bereits schwanzwedelnd vor seinem Auto. Gemeinsam fuhren sie von seinem Hof bei Langenrain zur Universität. Wie jeden Morgen begann er seinen Arbeitstag mit einer Kontrolle des Uni-Sportgeländes. Gerade im Sommer war das wichtig. Denn immer wieder benutzten Studierende das Gelände, mal mit, mal ohne Genehmigung, als Partyplatz. Er sah deshalb nach, ob nichts verschwunden oder zerstört worden war oder ein Student im Gebüsch seinen Rausch ausschlief.

Er parkte sein Auto direkt vor dem Tor, ohne auf die abgezeichneten Parkplätze zu achten. Münchner stieg aus und ging mit Asta über das Gelände. Niemand hatte hier in der Nacht eine Party gefeiert. Nur eines der Boote war nass.

Seltsam, dass jemand um diese Uhrzeit auf den See fährt, dachte Münchner.

"Asta! Wir gehen."

Einige Minuten später warf er dem Nachtwächter eine Seele zu.

"Danke, Chef."

Münchner holte sich einen Kaffee: "Wie war die Nacht?"

"Ruhig. Eine Pizza für einen Studenten bestellt. Dann gabâs wieder einen falschen Alarm bei den Naturwissenschaftlern."

"Gut. Ich gehe nachher wieder in den Keller."

Schweigend aßen sie ihr Frühstück auf.

Wieland sank auf seinen Bürostuhl. Er breitete die Beute vor sich aus. Gold. Diamanten. Etwas Schmuck. Genau wie Hans von Kirn es ihnen gesagt hatte. Er überschlug den Wert der vor ihm liegenden Gegenstände. Einige hunderttausend Euro. Dafür lohnte sich schon etwas Mühe. Er verpackte die Beute sorgfältig und legte alles in die oberste Schreibtischschublade.

Und was hatte Sibling außerdem in seinem Safe gehabt?

Wieland zog die Papiere aus der von Peter Lade auf dem Schiff vollgepackten Stofftasche. Bootspapiere, Pässe, ein Vertrag. Die Zeilen verschwammen vor seinen Augen. Er schob die Papiere zusammen und legte sie in die zweitoberste Schublade. Dann schloss er seinen Schreibtisch ab. Er legte sich auf den Boden auf den Rücken und schlief sofort ein.


Axel Bussmer beim Ausbrüten feinteiliger Straftaten (rein literarischer Natur)
AXEL BUSSMER
iM INTERVIEW


(mit ULrike Duchna, Franka Plaschke und Barbara Keller im AREMA/Moabit
vom 31.07.2007...)


Kanzlei Hoenig