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aus dem moabiter kriminalgericht


Das Familiengeheimnis - Stiefopa missbrauchte jahrelang Enkelin sexuell


von Barbara Keller

14.11.2006. Kriminalgericht Moabit. 30. Große Strafkammer.
Nach fünfmonatiger Verfahrenspause geht der Prozess gegen Peter M. (60) wegen schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern weiter. Bereits während des ersten Termins der Hauptverhandlung bestätigte Stiefenkelin Jaqueline* (17), auch in der Nebenklage, glaubhaft die Vorwürfe der Anklage. Nach der soll Peter M. die damals anfangs elfjährige Tochter seiner Schwiegertochter drei Jahre lang regelmäßig sexuell missbraucht haben. Auch sein leiblicher Sohn Felix M.* (34) belastet Peter M. schwer. Sein Vater habe ihn geschlagen und 'nach Lust und Laune' missbraucht.

zum ersten Beitrag vom 2.06.2006
Termin vom 14.12.2006.
Gerichtsbericht vom 12.02.2006
Zum Urteil vom 02.07.2007

Noch immer schweigt Peter M. zu den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft. Stattdessen schreibt er fleißig mit, tuschelt mit seinem Anwalt, schüttelt wiederholt wie fassungslos den greisen Kopf. Dabei spricht alles gegen ihn.

Der erschütternde Bericht seines eigenen Sohnes, der angesichts der Missbrauchsvorwürfe seiner Nichte nicht mehr länger schweigen wollte, ebenso wie die Darstellungen der Beklagten.

Die Beweisaufnahme hätte so bereits im Juni 2006 geschlossen, das Urteil gesprochen werden können. Doch trotz der überzeugenden Beweislage sollten auf Wunsch der Verteidigung weitere Zeugen gehört werden. Geladen waren deshalb am 14.11.2006 noch einmal die Mutter der Geschädigten, Birgit P., als auch die beiden ersten Liebsten von Jaqueline*.

Man hat geschwiegen

Tatsächlich bestätigen beide Zeugen am 14.11.2006 die Aussage Jaquelines, sie habe beiden von ihrem Missbrauch berichtet. So lernt Jaqueline* 14-jährig Özcan K., damals 22 Jahre alt, kennen. Ein halbes Jahr ist Jaqueline* mit dem arbeits- und wohnungslosen jungen Mann zusammen. Als sie zum ersten Mal miteinander intim werden, gesteht Jaqueline* ihrem Freund, dass sie nicht mehr Jungfrau ist.

Sie erzählt Özcan K. vom jahrelangen Missbrauch durch ihren Opa. Özcan K. fühlt sich völlig überfordert, schweigt, unternimmt nichts. Trotzdem ihm klar ist, dass, wie er sagt, Jaqueline* "seelisch daran kaputt ging". "Man hat geschwiegen", sagt er. Schließlich sei der durch die ungeklärten Verhältnisse entstandene Druck dann so groß gewesen, dass die Beziehung scheiterte.

Auch ihren zweiten Liebsten, den Landschaftsgärtner Fabian S. (damals 26), den sie, jetzt 15-jährig, gemeinsam mit ihrer Mutter auf dem Oktoberfest in Spandau kennen lernt, weiht Jaqueline* in ihr trauriges Geheimnis ein. Aber auch Fabian S. übt sich in der Familiendisziplin des Schweigens. Stattdessen geht er mit Opa Peter M., Jaqueline* und den beiden Hunden abends regelmäßig Gassi. Weil das immer so lustig ist.

Spiel ohne Grenzen

Da ist Fabian S. allerdings nicht mehr mit Jaqueline* zusammen. Denn nach den Vorhaltungen der Mutter Birgit P., ihre Tochter sei zu jung für ihn, wechselt Fabian S. bereits nach zwei Wochen die Partnerin. Er wendet sich Birgit P. zu, die bereits ihre Bereitschaft signalisiert hat. Trotz verzweifelter Vorhaltungen von Jaqueline: "Warum nicht ich, warum die Mutti?!" - Letztgenannte Bereitschaft signalisierte Mutter Birgit P. übrigens auch gegenüber Özcan K., mit dem sie, nachdem er sich von ihrer Tochter trennte, zusammenging.

Birgit P. steht zu ihrer Tochter. Die Missbrauchsvorwürfe von Jaqueline* nimmt sie ernst und schaltet seinerzeit den "Weißen Ring" ein. Dennoch wohnt sie jetzt in Spandau noch immer mit den Großeltern in einem Haus, lebt ihr 14-jähriger Sohn Max* bei Peter M.* "Er will das so", sagt sie.

Starke Kinder

Und sie erklärt auch: "Jaqueline* ist ein starkes Mädchen, das alles mit sich selbst ausmacht. Außen stark, innen weich. Sie will niemanden mit ihren Problemen belästigen." - Alles mit sich selbst ausmachen, das musste die mit ihren Ängsten allein gelassene Jaqueline*, die sich das letzte Mal zu Beginn diesen Jahres das Leben nehmen wollte, wohl auch. Denn genau wie ihr missbrauchter, ebenfalls suizidgefährdeter Onkel Felix M.* vertraute sie sich seinerzeit erfolglos ihrem Großonkel H. an. Jaquelines* seit dem Missbrauch anhaltende Kopfschmerzen werden deligiert, bagaellisiert, bleiben frei von Diagnose und werden mit dem leichen Medikament Hyperforat kaschiert.

Durch diese und weitere Berichte von Özcan K., Fabian S. und auch der Mutter wird vor allem eines deutlich: wie groß die Bereitschaft aller war, wegzusehen und zu verdrängen. Wie schwimmend die Grenzen, wie bedeutungslos Tabus nicht nur in Hinblick auf Peter M. waren.

*Name von der Redaktion geändert



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Noch immer schweigt Peter M., der jahrelang seine Enkelin und den leiblichen Sohn missbraucht haben soll, zu den Tatvorwürfen.

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