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Gerichtsreportagen


Zwischen Skylla und Charybdis - Kronzeuge im Berliner Rockerprozess


von C. Rockenschuh

14.01.2015, 15. Große Strafkammer, Saal 500
Prozess um möglichen Auftragsmord im Café 'Expekt' vom Januar 2014. Befragung des Hauptbelastungszeugen, Hells-Angel-Aussteiger Kassra Z., durch die Strafkammer beendet. Kassra Z. kündet weitere Informationen an. Darunter Angaben über einen mutmaßlichen Maulwurf beim LKA oder (und) BKA...
Weitere Beiträge zu dem Verfahren...

"Diese Menschen, die hier sitzen, sind nicht beliebt", hastet Kassra Z. durch seine Aussage. Damit meint der Zeuge die Mitangeklagten, die ehemaligen Clubkameraden der "Hells Angels Berlin City". Eingeschlossen seinen Ex-Clubchef Kadir P. , auf dessen Geheiß am 10. Januar 2014 im Café 'Expekt', Wedding, ein Türsteher aus Rache getötet worden sein soll. Mit dabei Kassra Z.

Noch vor zwei Jahren gehörte Kassra Z., Spitzname 'der Perser', mit Haut und Haaren zu den Outlaws auf zwei Rädern. Er dachte wie sie, handelte wie sie. Im Sommer 2012 hatte Kassra Z. noch nie in seinem Leben gearbeitet, bestritt - wie Clubchef Kadir P. - den Lebensunterhalt seiner Familie offiziell mit Arbeitslosengeld II. Dabei fuhr er einen Mercedes der Klasse S. Natürlich ohne im Besitz eines Führerscheins zu sein.

Diese Menschen...

Ein Verfahren wegen Körperverletzung gegen den iranisch gebürtigen Kassra Z. endete in Hamburg im August 2012 mit Freispruch, weil der Geschädigte, ein Taxifahrer, aus Angst wohl untertauchte. Im April 2013 posiert Kassra Z. mit seinen Hells Angels Clubkameraden in einem Video des Rappers Fler namens "Echte Männer, Jihad & Silla" vor dem Vereinscafé 'Sahara', Wedding.

Doch ein Mörder sein, das will Kassra Z. nicht. Er schwört Stein und Bein, nichts von etwaigen Mordplänen gegen Tahir Ö. gewusst zu haben. Clubchef Kadir P. habe lediglich die Weisung gegeben, im Café 'Expekt' 'Präsenz' zu zeigen. Heute wirft der Zeuge seinen Clubkollegen vor, ihn, den unschuldigen Bruder, zu verraten.

Im März 2014, zwei Monate nach der Tat, sah sich Kassra Z. vor die Alternative gestellt, lebenslang in den Knast zu gehen oder auszusagen und damit lebenslang als 'vogelfrei' unter den Hells Angels zu gelten. Sein damaliger Verteidiger Rainer Elfferding riet ihm, so der Zeuge, zum Schulterschluss mit den angeklagten Hells Angels. Das Risiko für Leib und Leben schien zu groß, zumal unter den Kripobeamten mindestens ein Maulwurf ausgemacht war.

Doch ein Juristen-Kollege, Rechtsanwalt Steffen Tzschoppe, ermunterte Kassra Z. zur einer Aussage: "Wenn du das nicht warst, mach den Mund auf." Seitdem gibt Kassra Z. rückhaltlos sein Insiderwissen über die Hells Angels preis. Durch seine Zeugenaussage konnten im sogenannten 'Soda-Club-Mord' im Frühjahr 2014 die Täter dingfest gemacht werden.

Auch wenn Kassra Z. jetzt in einem Zeugenschutzprogramm aufgenommen ist, seine Lage bleibt prekär, eine Verurteilung ist trotz allem nicht ausgeschlossen. Auf der einen Seite die erbosten Hells Angels, auf der anderen die pragmatischen Justizbehörden. Kassra Z. beteuert: "Ich bin nicht gekauft!"

Zwischen Leyla und Lana

Am 13. Januar 2015 beendete die Strafkammer unter Vorsitz von Richter Thomas Groß die Befragung des Kronzeugen. Es ging um die Einschätzung weiterer ehemaliger Hells-Angels-Brüder. Darunter um den 'Boss' Kadir P. An ihm ließ der Zeuge kein gutes Haar und bezeichnete ihn als "durchtrieben, berechnend, emotional abgestumpft... sehr, sehr stark narzisstisch." Kassra Z.: "Der Club ist er."

"Sein Leben hat er ganz klar als Doppelleben geführt", erklärte der Kronzeuge. Zwischen Leyla und Lana. Mit einer lebte er die Ehe, der anderen versprach er sie und kaufte in Bulgarien den gleichen Ring, den er auch seiner Frau an den Finger steckte.

Zuletzt, so der Zeuge, soll Kadir P., der mutmaßlich Drogen zwar verkaufte, aber selbst nicht konsumierte, sehr dem Alkohol zugesprochen haben. Das bevorzugte Getränk: Vodka Grey Goose.

Über den Schützen, der Tahir Ö. im Januar vergangenen Jahres tötete, sagt Kassra Z.: "Kadir hat 'Richie' für noch minderwertiger betrachtet als die anderen." Weil er nichts auf die Reihe bekommen habe.

'Ein Haufen Krimineller'

Während Kassra Z. am 17. Prozesstag offenbar verzweifelt die Strafkammer für sich zu gewinnen sucht, hört Kadir P. dem Abtrünnigen teils amüsiert geschmeichelt, teils wütend zu und hält sich unentwegt mit Fußwippen in Bewegung. Auch die anderen Angeklagten blicken düster bis aufgesetzt heiter drein.

Zuletzt rügt Kassra Z., der weitere Informationen in Aussicht stellt, die Haltung der Strafkammer. Sie würde lediglich 'belastende Fragen stellen'. Der Kronzeuge, der über Facebook Morddrohungen erhalten haben will, hält eine Art Plädoyer. Darin beteuert er seine Unschuld und schwört den Idealen der Hells Angels ab.

"Das ist ein Haufen Krimineller, die sich hinter dem Scheiß Hells Angels MC verstecken", erklärt Kassra Z. und warnt: "Lassen Sie sich nicht täuschen, gehen Sie nicht in den Kinofilm." Damit meint der Zeuge wohl den Film "Ein Hells Angel unter Brüdern", ein Porträt des Präsidenten der Hells Angels Stuttgart, Lutz Schelhorn. (Kinostart: 15.01.2015)

Am Schluss seiner Ausführungen und nach seinem Appell an die 'Rocker der Welt' "Legt die Kutten ab!", erheben sich zwei Dutzend Muskelpakete im Zuschauerbereich von den Bänken und klatschen dem Kronzeugen mitleidig zulächelnd frenetisch Beifall.

Um seine Glaubwürdigkeit zu unterstreichen, will Kassra Z. am kommenden Prozesstag* eine Vernehmung vom September 2014 verlesen lassen, in der es um Klaus N., einem mutmaßlichen Maulwurf im Landeskriminalamt gehen wird.

*Donnerstag, 15. Januar 2015, 9:45, Saal 500.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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