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Gerichtsreportagen


"You are lying!"


von von Barbara Keller

9.12.2011, Moabiter Kriminalgericht, 40. Große Strafkammer
Im Prozess gegen den mutmaßlichen Mörder der in der Nacht des 18. April dieses Jahres in Kreuzberg getöteten Pilar Valadié (27) gab es am dritten Prozesstag eine entscheidende Wende. Der Angeklagte, aus dem Senegal gebürtige Oumar G. (29) ließ sich zum Tatvorwurf ein. Er beschuldigte einen bislang Unbekannten, die französische Künstlerin getötet zu haben. Der Täter, so Oumar G., soll ein aus Niger gebürtiger Drogendealer namens 'Joe' mit halblangen Rastahaaren sein.
Prozessauftakt 22.11.201 / Hauptseite...


"Dann kamen ein Mann, den ich vom Görlitzer Park her kannte, mit einer Frau in den Spätkauf", begann Oumar G. seinen Bericht. Das sei in der Nacht des vom Sonntag zum Montag gewesen. Der heute Angeklagte habe sich nach 1 Uhr nachts wie meistens in dem türkischen Spätkauf an der Schlesischen Straße aufgehalten und Bier getrunken.

Dann sei ein Afrikaner namens Joe in Begleitung des späteren Opfers mit der Bitte an ihn herangetreten, ihm doch für ein Schäferstündchen den Schlüssel für seine Unterkunft zu leihen. Hierüber sei man sich in afrikanisch loyaler Mannesart rasch einig gewesen. "Ich habe okay gesagt. Den Schlüssel sollte er im Hausflur deponieren."

Oumar G., der nachts in der Regel auf Achse ist und dabei auch seinen Drogengeschäften nachgeht, hält sich nach eigenen Angaben bis in die frühen Morgenstunden allein im Club Cassiopaia im Friedrichshain auf. Als er zurückkehrt in die Taborstraße, findet er den Schlüssel am vereinbarten Platz, die junge Frau jedoch tot vor. Auf dem Flur, in der Nähe der Küche, sagt er.

"Ich war geschockt", berichtet Oumar G. Der Angeklagte begibt sich auf die Suche nach Joe. "Das sollte er mir erklären. Ich wollte nicht ins Gefängnis wegen seiner Schuld", erklärte er dem Gericht. Nach erfolgloser Suche schlief Oumar G. im Görlitzer Park.

"Ich hatte Angst, in die Wohnung zu gehen", sagte er. Erst gegen halb Zwei Uhr nachts sei er in die Taborstraße zurückgekehrt. Mit Rücksicht auf seinen Freund Robert, dem die Wohnung gehörte, fasst er einen folgenschweren Entschluss. "Ich habe geglaubt, ich muss die Leiche aus der Wohnung verschwinden lassen. So ist es passiert. So ist es passiert", schließt Oumar G. beschwörend seinen Bericht.

Man möchte der Geschichte, nach der der freundliche, junge Mann aus dem Senegal unverschuldet in diese Sache hineinrutschte, gern glauben. Aber sie mangelt an mehreren Punkten der Plausibilität. So fragt der Vorsitzende Richter den Angeklagten: "Was ich nicht verstehe, ist, wie die Frau, die Sie tot aufgefunden haben, am nächsten Tag noch in einem Club gesehen werden konnte."

Widersprüchlich sind auch die Darlegungen des Angeklagten, wie er zu dem Handy der Getöteten kam, durch das die Ermittler auf ihn aufmerksam wurden. Oumar G. sagt: "Ich fand es drei Tage später beim Aufräumen hinter dem Bett." Doch der Vorsitzende Richter hält ihm vor, bereits in der Nacht zuvor mit dem Nokia X2 der Pilar Valadié telefoniert und auch zahlreiche Fotos, zumeist von sich selbst, geschossen zu haben.

"Ich bin geblieben, weil ich niemandem was getan habe", beteuert der Angeklagte. Doch auf die Frage des Richter, warum er die Tote entkleidete, bevor er sie in ein blaues Spannbettlaken und mehrere Mülltüten hüllte, wusste Oumar G. keine logische Antwort. Alles sei mit diesem 'ekligen Blut' durchtränkt gewesen. Damit es sich nicht überall verteilt, habe er die Sachen der Toten in den Hausmüll geworfen.

Neben einem früheren Freund des Angeklagten, ein schwer drogenabhängiger 29-jähriger Mann, der Oumar G. einen Monat vor der Tat aus seiner Wohnung schmiss, sagten weitere Kriminalbeamte des hiesigen LKA aus und belasteten den Angeklagten schwer. In einer zweiten Zeugenvernehmung am Tag seiner Festnahme am 26. April 2011 soll Oumar G. mit Hinweis auf die belastende Beweislage den Kopf gesenkt und auf die Frage, ob er verantwortlich für den Tod Pilar Valadiés sei, erklärt haben, er könne die Gefühle, die er in sich trage, nicht kontrollieren. Auf die Frage, ob der Todeskampf der jungen Frau lange dauerte, sagte Oumar G. laut polizeilichem Protokoll, das könne er nicht sagen, er sei betrunken und high, gewesen.

Oumar G. hatte während der Aussagen der Polizeibeamten am 9. Dezember 2011 wiederholt aufgebracht protestiert: "You are lying! Your are not true!" Zuletzt stand er sogar auf. Der Angeklagte wollte offenbar über die Brüstung steigen, um sich auf den Weg in seine Zelle zu machen. Der Anwalt des Angeklagten widersprach der Verwertung der 2. belastenden Zeugenvernehmung des Angeklagten vom 26. April 2011. Sein Mandant soll, so der Rechtsanwalt, nicht vernünftig belehrt und völlig übermüdet unter Druck gesetzt worden sein.

Der Prozess geht am 20.12.2011, 9:15, Saal 704 weiter. Es wird die psychiatrische Sachverständige gehört und mit den Schlussvorträgen von Staatsanwaltschaft, Verteidigung und Nebenklage begonnen.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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