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Gerichtsreportagen


Verhext


von von Barbara Keller

22.11..2011, Moabiter Kriminalgericht, 40. Große Strafkammer
Am 18. April dieses Jahres wird in einer Kreuzberger Mietwohnung die 27-jährige Künstlerin Pilar Valadié getötet und ausgeraubt. Der Täter wirft ihre Leiche gefesselt und und mehrfach mit Spannlaken und blauen Mülltüten verpackt in den Landwehrkanal. Eine Woche darauf verhaftet die Polizei einen aus Senegal gebürtigen Drogendealer vom Görlitzer Park als dringend tatverdächtig.
Bericht vom 5.12.2011
Bericht vom 9.12.2011
Bericht vom 20.12.2011
Bericht vom 03.01.2012
Bericht vom 06.01.2012 Urteil!


Pilar Valadié ist 27 Jahre alt. Perfomance-Künstlerin. Eine kleine, schmächtige Frau, 1,65 Meter groß. Sie trägt ein Nasenpiercing und ihre schwarzen Haare nachlässig aufgesteckt mit einem schnurgeraden Pony. Im April 2011 lebt die aus Louhosoa, Südwest-Frankreich, gebürtige Frau seit ein paar Monaten in Berlin Kreuzberg.

Pilar Valadié, mit Künstlernamen Pilar Bauman, wohnt zur Untermiete bei einem jungen Mann. Sie ist Vegetarien, trinkt wenig Alkohol, ist "immer nett, immer heiter". So sagt ihre Freundin Lili C. Im Grunde interessiert sich Pilar Valadié, die sehr zurückgezogen lebt, nur für die Kunst.

Kaum verlässt sie die Wohnung. Meist sitzt sie vor ihrem silberfarbenen Mac, raucht und arbeitet. Wenn Pilar Valadié ausgeht, dann meist in Clubs, in die sie von anderen Künstlern eingeladen wird. Manchmal begleitet sie eine Freundin, die sie vor vier Jahren in Paris kennenlernte und die sie wöchentlich sieht. Montags ist Pilar gewöhnlich im 'Madame Claude' in der Lübbener Straße, Kreuzberg zu finden. Einem sehr französischen Club mit experimenteller Szene.

I'm in Love

Berlin soll für Pilar V., die emsig arbeitet und ein schmales Künstlersalär aus Frankreich erhält, nur eine Zwischenstation sein. Eigentlich interessiert sie sich für Japan, für moderne, japanische Kunst. Derzeit sucht sie nach Auftrittsmöglichkeiten in Berlin. In der Neuköllner Galerie 'limbus europae' hat sie ihr neues Projekt "I'm in Love" bereits vorstellen können. Ein Projekt, das einen realen Hintergrund in einer unerfüllten, platonischen Liebe hat.

Zwar mag Pilar Valadié in ihrem frechen Outfit manchem durchaus als typisches 'Paris-Girl' erscheinen. Doch weder ihre Erscheinung noch ihre provokanten Videos können darüber hinwegtäuschen, dass sie imgrunde eher ein schüchterner Mensch ist.

Obzessionen

Nicht selten, das ist jedoch ihr verhängnisvolles Laster, versorgt sich die französische Künstlerin mit Speed oder Kokain, um nachts durcharbeiten zu können. Mehrere Bekannte bestätigen, von ihr einmal wegen Speed angesprochen worden zu sein.

Am Abend des 18. April 2011, einem Montag, will sich Pilar Valadié im 'Madame Claude' für einen Auftritt empfehlen. Ihre Unterlagen hat sie bereits vor einer Woche geschickt. Jetzt möchte sie, obwohl das eigentlich nicht üblich ist, noch einmal persönlich nachhaken. Sie hat ihr Equipment, darunter den Laptop, dabei und bestellt an der Bar ein Berliner Pilsner.

Doch Pilar Valadié wartet vergeblich. Julian B., der der jungen Französin per Email bereits einen Auftrittstermin für Juli anbot, hat sie schlichtweg vergessen. Offenbar begibt sich die junge Frau nun gegen Mitternacht in den Görlitzer Park, um sich dort mit Kokain oder Speed zu versorgen. Die Letzte, die Pilar Valadié lebend gesehen hat, ist die Bardame.

Eine Bar im Senegal

Es könnte auch Oumar G. (29) gewesen sein, der eine Woche zuvor mit einer freien Autorin von Amypink an einem Kreuzberger Spätkauf in ein angeregtes Gespräch kommt, das diese in ein Interview für ihr Blatt ummünzt (das Interview wurde entfernt). Darin lobt der junge Drogen-Dealer aus dem Senegal, der in guten Nächten schon mal einen Schnitt von 1.000 Euro macht, Berlin in den höchsten Tönen. Hier sei man toleranter, offener und nicht so fremdenfeindlich wie in Italien. Er träume davon, im Senegal eine kleine Bar aufzumachen.

Auch der aus Dhakar gebürtige, jetzt wegen Mordes angeklagte Oumar G., kam 2007 über eine Hochzeit nach Italien. Seine spätere Frau lernte er auf Kap Verden kennen. Drei Jahre sind sie mit ihrer gemeinsamen Tochter eine Familie. Es kommt zum Zerwürfnis. Oumar G. bittet seinen älteren, in Belgien lebenden Bruder Saliou G. um Geld, um zu ihm kommen zu können. Doch Oumar G. wird in Antwerpen nie angekommen.

Stattdessen strandet er in Berlin. Er bricht den Kontakt zu seiner Familie ab, dealt mit Drogen, prostituiert sich in der Schwulenszene, trinkt, nimmt Drogen. Am 26. April 2011, eine Woche nach der Tat, wird Oumar G., der sich im Besitz des Handys der getöten Pilar Valadié befindet, verhaftet. Sieben Monate später beginnt vor dem Berliner Landgericht der Prozess gegen den jungen Mann aus Senegal. Der Vorwurf lautet Mord.

Gewehrt wie eine Katze

Was in jener Nacht in der Taborstraße 3, in der der Angeklagte vorübergehend wohnte, passierte, weiß sicher nur Oumar G. Dass Pilar Valadié dort getötet wurde, steht außer Frage. Die Spurensicherung fand zahlreiche Spuren ihres Blutes an den Wänden der Küche und des Wohnzimmers. Die Person, die sie tötete, ging mit äußerster Gewalt vor. Die junge Französin wurde gewürgt, geschlagen, der Täter stach mit einem Messer auf sie ein. Pilar Valadié muss sich gewehrt haben wie eine Katze. Zuletzt verblutete sie.

Die Beweislage spricht deutlich gegen den Angeklagten. So fand sich in der Taborstraße 3 unter anderem eine Oumar G. zuzuordnende Cordhose mit dem Blut des Opfers. Auch auf dem Spannbettlaken, in das Pilar Valadié eingewickelt war, fand sich die DNA des Angeklagten. Zudem bezeugt ein Anwohner, nachts gegen 4:00 einen Farbigen dabei beobachtet zu haben, wie er einen Sack in Richtung Heckmannufer schleifte. "Der war sehr nervös", erklärte der Zeuge dem Gericht.

Intuition und Voodo-Zauber

Der Angeklagte macht indessen bislang einen weniger nervösen Eindruck. Am ersten Tag der Hauptverhandlung wollte Oumar G. zuerst seinen Anwalt entpflichten, der ihn, wie er bemängelte, zu selten in der Haft besuche. Zudem habe er kein Vertrauen in seinen Verteidiger, der seiner Meinung nach mit der Polizei zusammenarbeite. Oumar G.: "Meine Intuition sagt mir, dass geht nicht. Das passt nicht." Oumar G. soll auch behauptet haben, man habe ihn verhext.

Am zweiten Verhandlungstag sagte überraschend der ältere, in Belgien lebende Bruder des Angeklagten aus, der eine flammende Rede für den Angeklagten hält. Er und Oumar seien Söhne der weniger privilegierten zweiten Frau ihres im Senegal in Polygamie lebenden Vaters.

Die Brüder hätten sich beide geschworen, wenn sie groß seien, ihrer Mutter die ihr zustehende Würde zukommen zu lassen. Die dritte Frau ihres Vaters hätte jedoch nicht nur Oumar, sondern auch ihn verhext. Der Zeuge zählt auf: "Auf seltsame Weise geht das Geld weg, mein Sohn wird krank. Ich habe Rechnungen, die keinen Sinn machen, mein Auto wird abgeschleppt..." Auch soll der Angeklagte im Alter von 15 Jahren einen schweren Unfall erlitten haben, in dessen Folge er zwei Wochen im Koma lag. Er sei danach nicht mehr derselbe gewesen.

Saliou G., der eine enge Beziehung zu seinem Bruder hat und über dessen aktuelle persönliche Entwicklung entsetzt ist, sagt: "Oumar spricht zu mir wie zu einem Fremden." Sein Bruder soll ihm anvertraut haben, ob er die Tat begangen hat. Der Zeuge wollte sich hierzu jedoch nicht äußern.


Der Prozess wird am Freitag, dem 2.12.2011, 9:15 im Saal 704 fortgesetzt.


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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