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Gerichtsreportagen


"Du Opfer!"


von von Barbara Keller

1.12.2011, Moabiter Kriminalgericht, 39. Große Strafkammer
Im Prozess gegen neun junge Männer, darunter die Profifußballer Süleyman Koc und Guido Kocer, die zwischen Februar und April dieses Jahres in wechselnder Besetzung in Moabit sieben Spielhallen und Cafés ausraubten, sagten am dritten Tag der Hauptverhandlung vier Angestellte der überfallenen Spielhallen und Cafés vor Gericht aus. Sie widersprachen in einem wichtigen Punkt den Geständnissen der Angeklagten...
Prozessauftakt 16.11.201 / Hauptseite...


So hatten die Angeklagten in ihren Einlassungen verharmlosend beteuert, während ihrer Raubzüge nur gewalttätig geworden zu sein, wenn sich die Angestellten der von ihnen überfallenen Lokalitäten wehrten. Das sei auch ihre Maxime und bindende Übereinkunft gewesen. Dem widersprachen jedoch die Aussagen der Zeugen.

"Sie schlugen mir mit einem Schlagstock ins Gesicht", erklärte beispielsweise Felix G. (57). Der in einem Automatenkasino in der Schwedenstraße beschäftigte russische Aussiedler ist noch immer erregt, wenn er von den Vorkommnissen in der Nacht des 9. März 2011 berichtet. Der letzte Kunde hätte morgens gegen halb Sechs "auf Wiedersehen" gesagt und den Tätern praktisch die Klinke in die Hand gegeben. Diese stürmten maskiert herein, schlugen Felix G. ins Gesicht.

Getreten und geschlagen

Dabei ging die Brille des Angestellten entzwei, der dann alles nur noch 'wie im Nebel' sah. Dann gab es noch eine Portion Pfefferspray ins Gesicht. Auf dem Boden liegend hätten mindestens zwei Personen auf den älteren Herren eingeschlagen, vielleicht auch eingetreten. "Alle Wunden wurden mir zugefügt, während ich auf dem Boden lag", sagt Felix G., der glaubt, fünf Minuten bearbeitet worden zu sein.

"Ich weiß nicht, was passiert wäre, wenn ich nicht meine Arme vor meinen Kopf gehalten hätte", sagt der Zeuge. Seine Unterarme waren nach der Tat von blauen Flecken übersät. Felix G., der einen Ohrmuschelriss, eine Gehirnerschütterung und eine Platzwunde davontrug, arbeitet jetzt wieder in einem Kasino. "Aber nicht den ganzen Tag, das kann ich nicht mehr", sagt Felix G. Seit dem Überfall ist seine Gesundheit nachhaltig aus dem Gleichgewicht geraten.

Opfer aus der Nachbarschaft!

Jawad Sa. (22), der Ende Februar 2011 in einer Shisha-Bar in der Perleberger Straße beschäftigt war, tritt in diesem Prozess auch als Nebenkläger auf. Am 28. Februar 2011 vertritt er eine Kollegin in der Nachtschicht. Morgens Zehn vor Sechs will er gerade die Musik leiser machen, als die Tür auffliegt und mit Skimützen maskierte Männer hereinstürmen. Sie schreien "Überfall". Einer von ihnen entleert ohne Vorwarnung eine Dose mit Pfefferspray in sein Gesicht. Von der Seite springt jemand auf ihn zu und schlägt ihm einen massiven Aschenbecher auf den Kopf. Die Angreifer rufen: "Kasse her!" Als die Täter schließlich mit der Beute, mutmaßlich sechseinhalb Tausend Euro, flüchten, schreit einer der Räuber den am Boden Liegenden an: "Du Opfer!"

"Haben Sie sich gewehrt", fragt der der Vorsitzende Richter den Zeugen. "Nein", entgegnet dieser. Auch Jawad Sa. erhält Faustschläge und Tritte. Seine Platzwunde am Kopf wird später mit 18 Stichen im Krankenhaus genäht. Er kann mehrere Monate nicht arbeiten, nimmt Schmerztablette und leidet noch immer an Kopfschmerzattacken. Jawad Sa. erklärt, zwei der Täter im Saal wiederzuerkennen: "Sehmi T. und Süleyman Koc. Die kenne ich vom Sehen."

"Möge Gott Ihnen verzeihen!"

Wie Jawad Sa. hat auch die Zeugin Frau V. nach dem Überfall Angst, allein zu arbeiten. Die damals in einem Lokal in der Beusselstraße als Kellnerin Beschäftigte weint und möchte am liebsten keine Aussage machen. Sie ist mit Rechtsbeistand erschienen. Es war am 15. März 2011, als die Angeklagten früh um Sieben ihr Geschäft überfielen. Frau V. hatte gerade die Tür für eine halbe Stunde zum Lüften geöffnet. Auch diese Zeugin ist nach der Tat längere Zeit nicht arbeitsfähig und sucht sich schließlich einen neuen Job. Frau V. wird psychologisch betreut und erhält Antidepressiva, die sie aber aus Furcht, abhängig zu werden, nicht nimmt.

Die Aussagen der Geschädigten zeigen, dass die Beutezüge der jungen Moabiter Männer alles andere als ein harmloser Bubenstreich waren. Ihre Versuche, Reue zu bekennen, verfingen daher auch nicht bei allen Zeugen. Felix G. beispielsweise schaute nach der Entschuldigungsfloskel eines der Angeklagten einigermaßen verständnislos drein. Felix G. glaubt nicht, dass er noch am Leben wäre, hätte er sich nicht mit seinen Unterarmen geschützt. Er empfiehlt dem Angeklagten: "Möge Gott Ihnen verzeihen!"

Der Prozess wird am 6.12.2011, 14:00, Saal 700 mit weiteren Zeugenvernehmungen fortgesetzt. Unter anderem sollen auch die Ausführungen der Mitarbeiter der Jugendgerichtshilfe gehört werden.


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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