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Gerichtsreportagen


Fußballprofis auf Raubzug


von von Barbara Keller

15.11..2011, Moabiter Kriminalgericht, 39. Große Strafkammer
Zwischen Februar und April 2011 überfallen acht türkisch gebürtige Moabiter, junge Männer zwischen 18 und 22 Jahre alt, in unterschiedlicher Besetzung maskiert und bewaffnet sieben Weddinger Spielhallen und Cafés mit Spielautomaten. Die Beute: circa 22.856 Euro. Ihr Chauffeur ist der Fußballprofi Süleyman Koç. Das Motiv für die Cauffierten: Abenteuerlust, Geldsorgen. Das Gleitmittel: Koks, Kiff, Alkohol. Am ersten Verhandlungstag ließen sich Süleyman Koç (22) und ein 18-jähriger Mitangeklagter zu den Tatvorwürfen ein.
Bericht vom 24.11.2011
Bericht vom 1.12.2011
Urteil vom 22.12.2011


Moabit ist nicht nur ein Berliner Stadtteil. Für manche ist er Schicksal und das Ende aller Träume. Süleyman Koç sagt: "Ich kannte Tolga B. und Semih T. aus der Schule. Moabit ist ja eine kleine Gegend." Doch anders als seine beiden jetzt mitangeklagten Kumpels hatte es Süleyman Koç 'geschafft'. Zuletzt spielte er als Profifußballer beim Drittligisten SV Babelsberg mit einem Monatssalär von drei- bis viertausend Euro im Monat.

Aber damit ist es nun vorbei. Gemeinsam mit acht weiteren Angeklagten, darunter sein Bruder Sedat und sein Vereinskollege Guido Koçer, muss sich Koç wegen einer Serie von Raubüberfällen vor dem Berliner Landgericht verantworten. Direkt im eigenen Kiez überfielen laut Anklage die acht türkisch gebürtigen Berliner Automatenkasinos und Cafés mit Spielautomaten. Auch der aus Worms stammende Profifußballer Guido Koçer (FC Erzgebirge Aue) gab, offenbar aus Abenteuerlust, bei einem Überfall im April als 'Lockvogel' ein 'Gastspiel'.

 

Lass uns arbeiten gehen

Beussel-Stübchen, Aquaristik-Laden, China-Bistro, Polsterei, Waschsalon - das Automatenkasino in der Beusselstraße lag zu Koç's Wohnung fußläufig, das sechs der Angeklagten am 15. März dieses Jahres überfielen. 8.000 Euro sollen, so die Anklage, die Täter später in einem Park unter sich aufgeteilt haben. 'Lass uns arbeiten gehen', so leiteten die Moabiter Männer laut Süleyman Koç ihre Überfälle ein. Dabei raubten die jetzt Angeklagten zu nachtschlafender Zeit, maskiert und teils mit Reizgas, Messer und Machete bewaffnet, Cafés und Spielhallen in unmittelbarer Nachbarschaft aus.

Sie gingen nach immer dem selben Muster vor: Einer der bis zu sechs Täter kundschaftete als 'Lockvogel' den Laden aus und hielt zu Süleyman Koç Telefonkontakt. Bestellte dieser eine Cola, war das für Koç das Signal, durch Lichthupe oder Handzeichen das Startzeichen für den Überfall zu geben.

Reizgas, Faustschläge, Tritte

Die Täter gingen nicht zimperlich vor. Die Angestellten wurden teils mit Reizgas, Drohungen, Faustschlägen, Tritten in Schach gehalten, auch zu Boden gebracht und gefesselt. Einer brach die Geldspielautomaten auf, ein anderer sicherte die Kassetten mit dem Geld. Das Auto des Fußballprofis Koç diente als 'Bunker' für Beute und Waffen. Koç trank während des Überfalls im Laden seines Onkels Kaffee. Stunden später traf man sich in einem nahe gelegenen Keller, Park oder in der Regel beim Bruder Sedat K. und teilte die Beute.

Süleyman Koç hat die Tatvorwürfe gestanden. "Ich war auch bei dem ersten Überfall dabei", erklärt er darüber hinaus. Ergo war er bei sechs von sieben Überfällen dabei. Doch Anführer und Guru seiner Komplizen will er nicht gewesen sein. Koç gibt sich als Verführter. Er sagt: "Sie haben gesagt, dir passiert nichts. Du fährst ja nur. Sie haben mir ihr Ehrenwort gegeben." Dass ein bewaffneter Raubüberfall eine Haftstrafe von mindestens fünf Jahren nach sich zieht, will der Profifußballer erst von seinen Anwälten erfahren haben.

Dir passiert nichts, du fährst ja nur

Tatsächlich habe er aussteigen wollen, aber nicht den Mumm dazu besessen. "Ich kann nicht NEIN sagen", erklärt Koç nach einigem Sich-Winden. Er könne sich mit seiner Meinung nicht durchsetzen. Seinen Beuteanteil gab er nach eigenen Angaben stets seinem bedürftigen Bruder und in einem Fall der Mutter als 'Gespartes'. Der Überfall in den frühen Morgenstunden des 18. April 2011 auf ein Café in der Prinzenallee soll dann ohne Koç, der sich gegenüber seinen Kumpels schlafend stellte, und auch ohne seinen Bruder Sedat stattgefunden haben. Die Komplizen hätten gelärmt und herumgeschrien. Als sie mit der Beute zurückkehrten, folgte ihnen die Polizei bereits auf dem Fuß.

Mit dem Fußballprofi, einem Idol, auf 'Tour' zu gehen, muss für die Angeklagten, die bis auf Koç nicht selten unter Drogen standen, einen besonderen Kick gehabt haben. "Sie verschwanden häufig auf's Klo, um eine Linie zu ziehen", berichtet der Ex-Kicker. Sogar während der Raubzüge wurde 'nachgeladen'. Koç hielt dann seinen Wagen, einen Toyota, für einen Moment an.

Nimm mich doch mal mit

Augenscheinlich war Fußballprofi Süleyman Koç auch selbst stolz auf die kriminellen Beutezügen. Denn er schwärmte seinem Fußball-Kollegen Guido Koçer davon vor. Und das mit Folgen. "Nimm mich doch mal mit", bat Koçer. Bei diesem heiklen Gespräch soll auch die Freundin des aus Worms gebürtigen Kickers dabei gewesen sein. Sie bat: "Hört auf mit dem Quatsch!" Doch Koçer war bereits elektrisiert: "Schatz, wir können ja mal zusammen reingehen. Ich telefoniere und checke die Lage ab."

Süleyman Koç verscheucht die Bedenken der Bande gegen ein neues Mitglied und führt Koçer bei ihnen ein. Am Freitag, dem 8. April 2011, beim Überfall auf das Moabiter Kasino 77 bekommt Guido Koçer jedoch kalte Füße. Er soll als 'Lockvogel' in Erscheinung treten, hat aber Herzklopfen. Deshalb begleitet ihn sein Vereinsfreund Süleyman Koç. Während die Komplizen die Automaten aufbrechen, verkrümelt sich der Milieu-Neuling auf das WC. Später stellt er sich verabredungsgemäß der Polizei als unbeteiligter Zeuge zur Verfügung.

Die haben mich verarscht

Von der Beute soll Guido Koçer nichts abbekommen haben. Drei vier Stunden später beim Friseur beklagt er sich bei seinem Freund Süleyman: "Die haben mich verarscht." Zerknirscht und peinlich berührt zahlt dieser 90 Euro aus der eigenen Tasche. Süleyman Koç behauptete vor Gericht: "Ich war selber geschockt, dass er mitmachen will."
Fotos:
(oberes Bild)
Süleyman Koç war bei allen Raubzügen dabei. Er gibt sich als Verführter: "Ich kann nicht NEIN sagen."
(Bild darunter)
Guido Koçer, spielte einmal den Lockvogel. Er bat Süleyman Koç: "Nimm mich doch mal mit."


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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