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aus dem moabiter kriminalgericht


"Der arme Hund!"


von Barbara Keller

06. Sept 2007. Amtsgericht Tiergarten. Abt. 240.
Am 18.11.2006 geht Terriermix Susi in Folge eines turbulenten Partnerschaftskrachs gewaltsam über die Brüstung des Balkons. Die Kontrahenten, Frauchen Ilona F.-K. (47) und ihr Freund Michael F. (23), wohnen zusammen am Michael-Bohnen-Ring, Neukölln, sechster Stock. Susi überlebt den Sturz nicht. Die gelernte Pflegefachkraft Ilona F.-K., nun wegen Verstoßes gegen das Tierschutzgesetz angeklagt, schweigt. Fast wäre es zu einer geringfügigen Verurteilung oder Einstellung des Verfahrens gekommen, denn Partner Michael F. behauptete, Susi wäre Ilona F.-K. gelegentlich eines Suizidversuchs versehentlich aus den Händen geglitten. Doch dann stellt sich heraus: Ilona F.-K. nahm alles auf sich, um die Politkarriere von Michael F. nicht zu gefährden.
Bericht zum Prozessauftakt vom 14. Aug. 06...



Am ersten Tag der Hauptverhandlung ('berlinkriminell.de' berichtete) schien das Verfahren in Sachen Tierschutzgesetz noch ein klarer Fall von klein-kompaktem Format. Doch dann brachte ein Reporter des RBB eine bei Recherchen zufällig zustande gekommene Erklärung des Nachbarn Wilfried F. (49) bei, die alles veränderte.

Darin plauderte der gelernte Zahntechniker aus, wie sich Ilona F.-K. bei ihm ausweinte, weil ihr Freund den Hund während einer Streiterei vom Balkon geworfen hätte. Sie habe wegen seiner Karriere, Michael F. ist in einer Linkspartei und in der BVV, alles auf sich genommen. Doch nun zweifle sie, ob das richtig sei. Wilfried F. hatte ihr zugeredet, die Wahrheit zu sagen.

Am 5. September 2007, dem zweiten Tag der Hauptverhandlung, wiederholt Wilfried F. im Kern seine Aussage. Dass das Paar, das schräg links von seinem Balkon wohnte, sich oft stritt, sich Michael F. oft und zornig über Hundegebell mokierte. Und er sagt: "Ich fand das nicht gut, dass sie das auf sich nimmt."

Schließlich hält es die Angeklagte Ilona F.-K. doch nicht länger aus. Nach einer kurzen Unterredung mit ihrem Rechtsanwalt Hartwig Meyer sprudelt es aus ihr heraus. "Er hat Susi gehasst!", schluchzt sie. Denn Michael F. mag keine Hunde. Terriermix Susi hätte sich in der Regel vor ihm in der Ecke verkrochen. Ilona F.-K. weiß auch nicht warum. "Ich weiß nicht, was er mit ihr gemacht hat, wenn sie allein waren", presst sie weinend hervor. Michael F. sei einmal mit dem Messer auf Susi los. Ein anderes Mal hätte er sie geworfen wie einen Stein, einfach so.

Am besagten Sonnabend im November 2006 nimmt Ilona F.-K. eine gute Portion Tabletten, etwas Bier ist auch im Spiel. Grund: das Paar hatte sich schon die ganze Woche permanent in der Wolle. Als sie dann am Kulminationspunkt der Auseinandersetzung auf die Toilette ging, muss es wohl geschehen sein. Sagt Ilona F.-K.

Denn als sie vom WC zurück kam, war Susi nicht mehr da. Und Michael F. behauptete, sie, Ilona F-K., habe den Hund vom Balkon geworfen. In der Folge, erklärt sie, wollte Michael F. sie unbedingt einweisen lassen.

Auf die Frage des Vorsitzenden Richters Norbert Bäuml, warum sie die Sache denn auf sich genommen hätte, stößt Ilona F.-K. verzweifelt hervor: "Was sollte ich denn machen, der ist doch erst 23 und will was in Politik machen!" Die Karriere wollte sie ihm schließlich nicht verderben. Und man sei, auf seinen ausdrücklichen Wunsch, ja immer noch zusammen.

Nach dieser Erklärung von Ilona F.-K. wurde die Beweisaufnahme geschlossen. Die Plädoyers folgten. Der Staatsanwalt hielt jedoch weiter an der Schuld von Ilona F.-K. fest: "Was sie jetzt sagt, sagt sie, um sich aus der Sache herauszureden." "Eine ganz schön üble Geschichte" sei das, so der Staatsanwalt, für die das Tier überhaupt nichts könne. "Der arme Hund", endet er seinen Schlussvortrag und fordert 60 Tagessätze á 15 Euro als Strafzumessung.

Doch Richter Norbert Bäuml sieht das anders. "Freispruch auf Kosten der Landeskasse", verkündet er. Im Zweifel zu Gunsten der Angeklagten. Michael F. habe eine "klare Falschaussage geliefert". Letztendlich aber wissen man nicht, wie Hund Susi vom Balkon gekommen sei. Drei Möglichkeiten führt Richter Bäuml ins Feld: Ilona F.-K. war es doch. Oder Michael F., weil er seine Partnerin bestrafen wollte oder weil er Susi hasste. Oder, fügt er scherzhaft hinzu: "Der Hund hat selbst das Weite gesucht, weil ihm der Beziehungskrach zu viel wurde."

Da wäre sie wieder, die Situation im Couleur des Hornberger Schießens. War es das jetzt, fragt man sich. Bleibt Susis Tod ungesühnt? Der Staatsanwalt jedenfalls, der Ilona F.-K. weiterhin für die Täterin hält, sieht kein weiteres Verfolgungsinteresse. Und wo kein Kläger, ist bekanntlich auch kein Richter. - Aus die Maus.


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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In dubio pro reo: Freispruch für Ilona F.-K.


Hund Susi kam in der permanenten Krise einer desolaten Partnerschaft am 18.11.2006 gewaltsam zu Tode.

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