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krimirezension ab 2003-2013

 

Norbert Juretzko/Wilhelm Dietl
"Bedingt dienstbereit"
Ullstein TB 11.2005
ISBN: 3-548-36795-X
8,95 €

BND auf dem Prüfstand
– das Buch zum Tagesthema -

von Barbara Keller


Als Norbert Juretzko, Topagent des BND, Ende der 90er einen spektakulären Spionagefall innerhalb der Chefetage des BND aufdeckt, sind seine Tage bei seinem Brötchengeber gezählt. Denn der auf höchster Ebene verordneten Vertuschung der Affäre verweigert er sich hartnäckig. Den Klarnamen seines russischen Informanten, Deckname "Rübezahl", behält er - zur Sicherheit für seinen Mann - für sich. Nach seinem unerfreulichen Abgang beim BND schreibt Norbert Juretzko mit Koautor Wolfgang Dietl "Bedingt dienstbereit" (Ullstein, 09.2004), eine Abrechnung mit seinem Dienstherren, dem jetzt ein zweites, bestsellerverdächtiges Buch folgte: "Im Visier" (Heyne, 05.2006)
Gerichtsreport zum Verfahren vom April 06 gegen Norbert Juretzko (wegen 'Verletzung des Dienstgeheimnisses'), das mit Freispruch endete.

Meine Nachbarin Anna Schmidt, geb. Krumnow und Ur-Berlinerin, wurde nie müde zu unterstreichen: "Die Großen lassen 'sie' laufen und die Kleinen kriegen 'sie' am Arsch." Wenn dieser Erfahrung, gemacht während eines langen Lebens in der Weimarer Republik, dem Dritten Reich und der DDR-Realität, auch ein gewisser Wahrheitswert nicht abzusprechen ist, bestätigt hat sie sich in der Praxis offenbar doch nicht immer, jedenfalls nicht folgenlos.

So vertuschte der Bundesnachrichtendienst Ende der 90er Jahre eine Spionageaffäre innerhalb der eigenen Chefetage. Federführend Staatsminister Schmidtbauer (jetzt folgerichtig aus dem Parlamentarischen Kontrollgremium des Bundestages, PKG, ausgeschieden), der am Ende einer streng geheimen Runde im abhörsicheren Keller des Bundeskanzleramtes erklärte: "Meine Herren, und dass das klar ist: Dieses Gespräch hat niemals stattgefunden!"

Das berichtet so jedenfalls Autor Norbert Juretzko, ein ehemaliger Topgeheimdienstler, der von seinem Moskauer Informanten "Rübezahl", einem russischen Offizier, den Hinweis auf das Leck im BND erhielt, die peinliche Affäre seinerzeit auslöste und sich der genannten Vertuschungsaktion verweigerte.

Der vermeintliche Spion verschwand, schön wie ein javascript-programmiertes Bild, lautlos von der Bildfläche. Norbert Juretzko jedoch, der vergeblich nach Reformen innerhalb seiner Behörde verlangte, sollte büßen. Zuerst verklagte der BND ihn wegen Betrugs. Angeblich behielt Juretzko die für "Rübezahl", mit dem er keinen Kontakt mehr gehabt haben soll, bestimmten Agentengelder für sich. Heute behauptet der BND gar, "Rübezahl" hätte es nie gegeben.

Jetzt fällt dem BND allerdings seine kurzsichtige Nabelschschau doch noch auf die Füße. Nach der Bagdad-Affäre und den medialen Tumulten um bespitzelte deutsche Journalisten fordert auch das Parlamentarische Kontrollgremium des Bundestags (PKG) Reformen, darunter die Möglichkeit, dass Mitarbeiter der Geheimdienste auch ohne Einschalten ihrer Vorgesetzten dem PKG Unzulänglichkeiten melden können.

In "Bedingt dienstbereit" ist von all dem zu lesen. Von den erfolgreichen Aktionen des Agententeams Juretzko/"Fred" ebenso wie von den Beschwerlichkeiten eines sich verbürokratisierenden BND-Apparates. Auch wer Bedenken gegen jedwedes Geheimdienstgemauschel hat, bekommt genügend Stoff zum Nachdenken.


Norbert Juretzko, Jahrgang 1953, war ab 1984 Berufsoffizier und bis Ende 1999 beim BND tätig. Er wurde mehrfach für seine Dienste ausgezeichnet und trat am 1. Januar 2000 aus gesundheitlichen Gründen in den frühzeitigen Ruhestand. Juretzko lebt mit seiner Frau und seinen drei Kindern in der Nähe von Celle.

Wilhelm Dietl, Jahrgang 1955, Redakteur und freier Autor, war in den vergangenen 25 Jahren unter anderem für "Stern", "Spiegel", "Quick" und "Focus" tätig. Er ist Mitbegründer und stellvertretender Leiter des Essener Instituts für Terrorismusforschung und Sicherheitspolitik und hat bereits zahlreiche Bücher mit den Themenschwerpunkten Naher und Mittlerer Osten, Südasien, Geheimdienste und Terrorismus veröffentlicht.


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