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Gerichtsreportagen


Frikadellen und Schinkenknacker gratis


von Barbara Keller

Amtsgericht Tiergarten, 273.Abt. , 28.09.2012
Es ist nichts los am heutigen Freitag in der zweiten Etage des Amtsgerichts Tiergarten. Kaum Termine, kaum Aushänge. Nur vom Saal 672 her hallt ein reges Schnattern von Jugendlichen herüber. Schüler einer achten Schulklasse diskutieren aufgeregt ein gerade laufendes Verfahren. Für sie ist alles neu und spannend.

Sieben Termine stehen an diesem Tag auf dem Plan der 273. Abteilung des Amtsgerichtes. Darunter ein Diebstahl, eine grobe Beleidigung, versuchte Tätlichkeiten zweier türkischer Frauen im Zusammenhang mit einem Familienzwist, ein Prozess gegen zwei mutmaßliche Fahrraddiebe und ein Verfahren gegen einen sympathischen, leider hoffnungslos heroinabhängigen Dreißigjährigen.

Etwa gegen 9:45 wird Norbert P. (71) mit den jungen Menschen in den Saal und durch die rechte Tür in den Zuschauerbereich gespült. Der hutzlig wirkende Angeklagte ist circa 1,68 Meter klein. Er trägt eine graue Windjacke, grau-braune Kordhosen. Der kahle Kopf ist zwischen den Schultern eingesunken. Der Hinterkopf fällt gefährlich steil nach unten ab.

Während Norbert P. energisch aber mit mäßigem Erfolg gegen den Strom jugendlicher Zuhörer ankämpft, fragt Richter Schwanitz wiederholt: "Ist ein Norbert P. unter den Anwesenden?" Aber Norbert P. ist schwerhörig. Und so verzögert sich das Verfahren ein Weilchen, bevor es beginnen kann.

Schließlich schält sich der Angeklagte doch noch aus der Schar der Zuhörer. Er arbeitet sich vor an den Richtertisch. Bevor er sich jedoch setzt und Richter Schwanitz das Wort an ihn richten kann, stürzt es bereits aus ihm heraus: "Ich habe mir die Hüfte kaputt gehauen. Ich bin auf den Boden geknallt. Das war am 4. April. Seit dem Tag kann ich mich an nichts mehr erinnern."

Ein klärendes Wort zur unrechten Zeit. Denn zunächst muss erst einmal die Anklage verlesen werden. Es geht um einen Diebstahl, erfahren wir. Norbert P. soll für 11,32 Euro bei REWE am Ostbahnhof eingepackt haben, Frikadellen und Schinkenknacker, ohne zu bezahlen. Eine Wiederholungstat. Das Bezahlen scheint nicht zu Norbert P.s Tugenden zu zählen.

Der alte Mann gibt sich unerschrocken. "Ich will nichts beschönigen", erklärt er. Aber er könne sich eben beim besten Willen nicht mehr erinnern. Die Worte des mutmaßlich diebischen Alten klingen abgehackt. Er spricht laut, wie aus weiter Ferne. Als könne er seinen Sprachfluss nicht kontrollieren.

Dann fragt Norbert P. plötzlich verwundert: "Wo ist denn meine Rechtsanwältin, Dr. Renate Hörmann?" Das 'meine' und 'Frau Doktor' betont er. So recht glauben mag man dem Angeklagten nicht. Richter Schwanitz versucht, den Prozess abzukürzen, indem der dem Angeklagten die Folgen einer komplizierten Beweisaufnahme vor Augen hält.

Aber Norbert P. will nun nur noch mit seiner Rechtsanwältin weitermachen. "Sie wollte doch längst da sein", insistiert er. Richter Schwanitz gibt auf. Er setzt das Verfahren erst einmal aus und kündigt einen neuen Termin für Ende Oktober, Anfang November 2012 an.

"Bringen Sie doch Ihre Anwältin das nächste Mal einfach mit", empfiehlt die Staatsanwältin dem Angeklagten. "Is jut", antwortet Norbert P., die Ironie in diesem Hinweis nicht bemerkend. "Schönen Dank, bis später!", entgegnet er noch und trollt sich.

Der nächste Prozess gegen den türkischen, zügellosen Beleidiger ist bereits im vollen Gange, als die Tür des Gerichtssaales aufgeht und Rechtsanwältin Dr. Hörmann plötzlich in den Saal strömt. Damit hätten wohl weder Richter Schwanitz noch die Staatsanwältin gerechnet. Dass es eine Frau Dr. Hörmann tatsächlich gibt.

Die aus Marzahn-Hellersdorf angereiste Verteidigerin wurde am Bahnhof Lichtenberg aufgehalten, so erfahren wir. Ein anwaltliches Schreiben im Namen ihres Mandanten scheint das Gericht aus unerfindlichen Gründen nicht erreicht zu haben. "Dann muss da ein medizinisches Gutachten her", erklärt sie.

Man sieht sich wieder. In ein paar Wochen. Wie dieses Verfahren dann ausgeht, werden die wissbegierigen Schüler dieser achten Schulklasse bedauerlicher Weise aber nicht mehr erfahren.





NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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