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Gerichtsreportagen


Ich habe gelogen. Sonst stimme alles, was ich gesagt habe.


von Barbara Keller

29. gr. Strafkammer , 4.07.2012
Im Verfahren gegen den polnischen Ex-Berufssoldaten, Fremdenlegionär und mutmaßlichen Auftragsmörder Adam M. sagten an den letzten Verhandlungstagen ein Hauptbelastungszeuge sowie der Chauffeur des Angeklagten aus. Der Hauptbelastungszeuge hatte Adam M. einen Monat nach der Tat bei der Polizei angezeigt, den Namen des Fahrers den Behörden preisgegeben und 50.000 Euro Belohnung kassiert.
Bericht zum Prozessauftakt vom 11. Juni 2012
Prozess zum Verfahren aus 2009/10

Die Aussagen des 'Rico' genannten Recai C. decken sich mit denen aus 2009/2010. Der Bordellbetreiber, der Adam M. in einem seiner Bordelle kennengelernt haben will, speiste am Tatabend nach dem Mord mit dem Angeklagten. Zeuge Mehmed T."Ich habe einen umgenietet", soll Adam M. ihm da zwischen zwei Bissen 'eiskalt' mitgeteilt haben. Und ergänzend auf Nachfrage: "Kannst du morgen in der Zeitung lesen."

Ein Kreuz geschossen

Nicht ohne Stolz soll der Angeklagte sein Täterwissen preigegeben haben. Wie er dem Opfer Sodenkamp zunächst einen 'Fangschuss' versetzte und dann final mit zwei Schüssen in das Herz und den Kopf tötete. Ein 'Kreuz' habe er geschossen: "Ich mache das immer so." Wenige Tage später schickte Adam M. seine Geliebte mit einem Passbild zu Rico, er möge ihm einen Pass für die Flucht erstellen.

Daraus soll nichts geworden sein. Wohl aber aus dem Plan, für Adam M. gemeinsam mit dessen Ex-Frau die Auftraggeber des Mordes zu erpressen. Mindestens 20.000 Euro sollten für den Zeugen dabei herausspringen. "Ich dachte, das ist doch schön so", sagte Rico vor Gericht aus. Er benötigte selbst gerade dringend 25.000 Euro Auslöse für ein neues Bordell.

50.000 Euro Belohnung

Dass seine Geldsorgen zuletzt eine viel höhere Summe beendete, wollte der Zeuge am vorletzten Prozesstag nicht bestätigen. Mehrfach hatte Staatsanwalt Bernhard Gierse an das Erinnerungsvermögen des Zeugen appelliert. Aber Rico bestritt, von der Polizei eine Belohnung erhalten zu haben. Am letzten Verhandlungstag erklärte Rico nun: "Ich habe gelogen. Ich habe 50.000 Euro von der Polizei bekommen." Sein Gewissen sei nach dieser Klärung aber nun beruhigt. Sonst stimme alles, was er gesagt habe. Der Hauptbelastungszeuge Recai C., der angab, wegen seiner Aussage Angst zu haben, lebt inzwischen in der Türkei.

Von diffusen Ängsten berichtete auch der zweite Zeuge des Tages, der ehemalige Chauffeur des Angeklagten, Mehmed T. Der aus Guben stammende, gelernte Dreher soll 2008 10.000 Euro in ein Bordell investiert haben, das 'Rico' im selben Jahr übernahm. Über Rico lernte er im Sommer 2008 auch den Angeklagten kennen. Mehmed T.: "Ich suchte gerade einen Job." Adam M., der keinen Führerschein besass, bot ihm 2.000 Euro Festgehalt als Fahrer. Es ging darum, so der Zeuge, Außenstände des Angeklagten einzutreiben.

Mann mit Alibi

Mehmed T. stand im Sommer 2008 nach einer Verurteilung wegen Schleusens von Ausländern noch unter Bewährung. Er will, um Ärger zu vermeiden, Adam M. lediglich an den Bestimmungsort gefahren und dann einen Straßenzug weiter im Auto gewartet haben. Mehmed T. erhielt nach eigenen Angaben von dem Angeklagten insgesamt lediglich 350 Euro Honorar, Spesen und Benzingeld.

Mit Recai C. waren die Ermittler zunächst davon ausgegangen, dass der Zeuge Mehmed T. den Angeklagten am 3. November 2008 auch zum Tatort chauffierte. Es war sogar die Rede davon, dass der Fahrer des Mörders am Tatabend auch sein Auftraggeber gewesen sein könnte. Doch Mehmed T. gibt zunächst an, mit seiner Frau mehrere Tage in Kassel gewesen zu sein. Später, anhand von Telefonaten überführt, variiert er sein Alibi. Eine russische Geliebte verbrachte nach neuesten Erkenntnissen mit ihm den Abend in der Wohnung seiner Mutter in Kreuzberg.

Das Kaninchen verfehlt

Der Angeklagte Adam M. kichert während der Aussagen des Mehmed T. wiederholt amüsiert in sich hinein. Zum Beispiel, als der Zeuge berichtet, wie er ihn an einem Abend im Oktober 2008 gegen 20:30 in einen Park an der Alten Jakobstraße fuhr, wo Adam M. mit einer Armbrust offenbar einen ersten Anschlag auf Friedhelm Sodenkamp unternahm. Nach circa 15 Minuten sei der Angeklagte völlig verärgert zurückgekehrt. Der angeblich ahnungslose Chauffeur will Adam M. gefragt haben: "Hast du das Kaninchen nicht getroffen?"

Auch zu Kaufverhandlungen mit einem, inzwischen bei einem Schusswechsel mit der Polizei vor einem Berliner Sexshop getöteten, Waffenhändler, fährt Mehmed T. den Angeklagten Anfang Oktober 2008. Der Jugoslawe wird in Tiergarten abgeholt. (Einschlägige Kontakte soll Adam M. möglicherweise als Fallschirmjäger der Fremdenlegion durch seinen Einsatz im Kosovo gemacht haben.) In einem Café in der Sonnenalle finden erste Gespräche statt, 800 Euro wechseln den Besitzer. In einem Waldstück südwestlich von Berlin, Nähe Dreilinden, findet wenige Tage später ein Probeschießen statt. Wieder ist Adam M. verdammt schlechter Laune. "Die Scheiße kannst du behalten", soll er den Jugoslawen angefahren haben.

Wenn du im Krieg warst...

In Gesprächen von Mann zu Mann berichtet Adam M. dem Zeugen auch über seine Dienstzeit in der Fremdenlegion. Über die harten Trainingseinheiten und die unverbrüchliche Kameradschaft, die er nun vermisse. Es sei 'sehr brutal abgegangen' in Afrika, teilte der Angeklagte dem Zeugen im Gespräch über afrikanische Kindersoldaten mit und erklärte: "Wenn du solche Sachen erlebst wie Krieg, dann wirst du kälter." Adam M. soll allerdings nicht den Anschein erweckt haben, als leide er unter seinen Erlebnissen bei der Fremdenlegion. Vielmehr verstand sich der heute Angeklagte laut Zeugenaussage lediglich als 'Befehlsempfänger'.

Rico hat der Polizei und auch Mehmed T. berichtet, dass der inzwischen in Indien auf der Flucht befindliche Adam M. seinen Ex-Chauffeur als missliebigen Zeugen habe ermorden, nach Krakau locken, mit einem Stahlseil habe erdrosseln wollen. Zur Verschleierung der Identität seines Opfers soll Adam M. beabsichtigt haben, seinem Ex-Chauffeur die Finger abzutrennen. Mehmed T. betont, Adam M. nicht der Täterschaft zu bezichtigen, sich mit Rico nicht gemein gemacht und keine Belohnung empfangen zu haben. Dennoch fürchtet er um seine Gesundheit wegen seiner Aussage.

Wie heißt noch mal der Paragraf?

Die Verteidigung hat die Rechtschaffenheit auch dieses Zeugen an mehreren Stellen auf den Prüfstand gestellt. "Haben Sie selber mal versucht, Geld einzutreiben", fragt Verteidigerin Marianne Zagajewski den ehemaligen Chauffeur ihres Mandanten. Der gerät sofort aufgeregt ins Schwimmern. "Wie hieß noch mal der Paragraf, mit dem man die Aussage verweigern darf?" wendet er sich Hilfe suchend an den Vorsitzenden Richter.

Dann erklärt er sich doch: "Ich lebe seit 42 Jahren in Deutschland. Ich hatte zwei Gaststätten." In manchen Kreisen sei es nicht üblich, 'Zettel', sprich Rechnungen, zu schreiben. "Wenn er sich nicht erinnert, dann geht man ihn erinnern", berichtet Mehmed T. "Ich persönlich habe kein Geld eingetrieben", sagt der beredete Zeuge.

Wie weiter...

Zum zweiten Mal wartete am 4. Juli 2012 der Zeuge Vito Le. vergeblich auf seine Aussage. Wieder dauerte die Vernehmung der weiteren Zeugen länger als von der Strafkammer angenommen. Vito Le. soll persönlich mit dem Angeklagten Adam M. über die Tötung des Friedhelm Sodenkamp verhandelt haben. Die Vernehmung dieses wichtigen Zeugen ist nun für Montag, den 30. Juli 2012, 13h, Saal 501 vorgesehen. Am selben Tag sagt auch noch einmal der Geschäftsfreund des Getöteten, Udo K., aus. Die Verhandlung wird mit einem kurzen Termin am Montag, dem 23. Juli 2012, 9h, Raum 501 fortgesetzt.

Foto:
Mehmed T., der Chauffeur des mutmaßlichen Auftragsmörders Adam M. (nicht jedoch am Tatabend des 3.11.2008).



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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