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aus dem moabiter kriminalgericht


"Ich will mein normales Leben zurück!"


von Barbara Keller

04. Sept. 2004. Kriminalgericht Moabit. 30. Große Strafkammer.
Am frühen Nachmittag des 4. März 2004 vergewaltigt Sebastian M. (27) die erst 15jährige Susan T.*. Im Keller des Hauses in der Friedrichstraße (Kreuzberg), in dem Susan T. ihre Freundin besuchen will. Zwei Nachbarinnen hören die Hilfeschreie des sich verzweifelt wehrenden Mädchens. Sie helfen Susan T. und stellen den Täter. Vor Gericht allerdings steht keiner tougher Gesetzesbrecher, sondern ein smarter bebrillter Drogengestrandeter.


"Sex-Gangster", "Berliner Mädchen schnappten Vergewaltiger" - "Vergewaltiger mit Karatetritten überwältigt". So titelten die Bunten. Auf der Anklagebank erwartet wurde ein tätowierter, kräftiger Typ, gewohnt und gewillt, Grenzen zu überschreiten. - Was dann tatsächlich auf der Anklagebank hockte, machte betroffen. Betroffen, wie die von ihm begangene Tat mit seinen einschneidenden Folgen selbst.

Vom Sonnabend zum Sonntag übernachtet Susan T. (15) bei ihrer Freundin an der Friedrichstraße am Halleschen Tor. Tags darauf fährt sie nach Hause, um dann wieder zu ihrer Freundin zurückzukehren. Circa 14:15 steigt sie aus der U-Bahn Kochstraße. Sie hat einen fünf Minuten Weg vor sich. Schon auf dem U-Bahnhof fällt ihr der schmächtige, junge Mann mit der Brille auf. Er folgt ihr, versucht sie anzusprechen.

Susan T. denkt: "Schon wieder so ein Typ!". Und reagiert nicht. Der redet jedoch weiter auf sie ein: "Was machst'n heute noch so?" "Wirres Zeug", meint Susan T. später, "um sich sympathisch zu machen." Der junge Mann folgt ihr. Sie erreicht die Hausnummer in der Friedrichstraße, in der ihre Freundin wohnt. Susan T. klingelt, der Summer geht. Die Wechselsprechanlage ist schon seit langem defekt. Dieser Umstand wird ihr zum Verhängnis.

Susan T. tritt in das Gebäude und mit ihr der fremde, junge Mann. Am Aufzug will sie ihm sogar noch den Vortritt lassen, als dieser sie packt und mit den Worten, "Ich will dich jetzt Ficken!", die Kellertreppe hinunter stößt. Susan T., die noch keinerlei sexuelle Erlebnisse hatte, wehrt sich verzweifelt. Fällt aber rücklings die Stufen hinunter. Sie schreit und schlägt um sich. Kann aber nicht verhindern, dass der Mann sie vergewaltigt.

Während Susan T.'s Freundin und deren Mutter glauben, dass das Klingeln nur ein Klingelstreich war, und sich nicht weiter kümmern, hören zwei Nachbarinnen - Bann H. und Yasmin H. - das Schreien. Die Beiden wollen sich über die Lärmbelästigung beschweren. Gehen runter in den Keller. Als sie dort allerdings ankommen, finden sie sich mitten in einer Vergewaltigungsszene wieder. Yasmin H. stößt den jungen Mann von Susan T. und schreit: "Was machst du da!?" Es kommt zu einer handfesten Schlägerei, weil sie den Mann an der Flucht zu hindern suchen.

Wenig später kann der Flüchtige dann mit Hilfe einiger türkischer Männer und Jungendlicher gestellt werden. Die Männer fordern ihn auf: "Setz dich hin!" Als die Polizei eintrifft, findet sie einen am Boden Kauernden, Schicksalsergebenen vor.

Susan T., Yasmin H. und auch Bann H. erklären überstimmend: "Der Mann hatte keinerlei Mimik. Völlig tot. Leerer Blick." Sebastian M. war ihnen schlichtweg unheimlich.

Vor Gericht steht am 3. September 04 Sebastian M. (27). Ein kleiner, schmächtiger Mann mit Brille, Bürstenhaarschnitt und asiatischem Einschlag. Mit Erfolg beantragt sein Rechtsbeistand vorab den Ausschluss der Öffentlichkeit während der Aussagen seines Mandanten und den Ausführungen des Sachverständigen Psychologen. Gegenstand der Verhandlung wird § 21, verminderte Schuldfähigkeit, sein. Dem gibt das Gericht statt.

Während alles über das Opfer, Susan T. zu erfahren ist, darf die Öffentlichkeit dann aber doch auch einiges über den Täter erfahren. Sebastian M. ist eine mittels Drogen gestrandete Persönlichkeit. In Greifswald geboren, in Berlin aufgewachsen, macht er bis zu seinem zwölften Lebensjahr eine Ringerkarriere in der DDR. Sein Vater ist Doktor der Mathematik, Vietnamese. Die mit Sebastian M. allein lebende Mutter arbeitet erst bei der Kommunalen Wohnungsbaugesellschaft, dann bei der MITROPA. Sebastian M. wächst größtenteils sich selbst überlassen auf.

Nach der Wende ist mit dem Sport Schluss. Eine Sportschule wie in der DDR gibt es nicht mehr. Sebastian M. macht Abitur, fängt an zu studieren. Umweltwissenschaften. Und hier endet ein hoffnungsvoller Lebenslauf. Die auftretenden Pubertätsschwierigkeiten kompensiert Sebastian M. mit Drogen. Die typischen Stationen heißen: Techno, "Bunker", Drogen, Drogen indizierte Psychose, Drehtürpatient im Urbankrankenhaus, betreutes Wohnen.

Sozialpädagoge Sebastian L. war vier Jahre lang Betreuer des Angeklagten. Er traf sich monatlich mit Sebastian M., um mit ihm seine behördlichen Dinge zu regeln, das Geld zuzuteilen. Vor Gericht sagt er: "Die Mutter tat alles für Sebastian M. Räumte auf, wusch seine Sachen." Zu Sebastian M.'s sozialpsychologischer Betreuung erklärt er kritisch: "Man hätte wohl mehr machen müssen. Es gab zu wenig Angebote. Sebastian M. war unterfordert."

Was jetzt in der Friedrichstraße passierte, ist allen ein Rätsel. Für eine in Antriebslosigkeit gestrandete Vita wie die von Sebastian M. ist Aggressivität in der gezeigten Form eher ungewöhnlich. Sebastian M.'s Rechtsbeistand: "Da ist irgendwo ein schwarzes Loch bei meinem Mandanten." - Vielleicht aber waren auch, des Rätsels Lösung, Drogen im Spiel.

Nach § 177 StGB droht Sebastian M. jetzt eine Haftstrafe nicht unter zwei Jahren. Sebastian M.'s Rechtsbeistand strebt eine Strafminderung nach § 21, verminderte Schuldfähigkeit, an.

Für Susan T. aber ist jetzt nichts mehr wie vorher. Nach dem Geschehen war sie tagelang wie paralysiert. Zwar ging sie bereits nach zwei Tagen wieder zur Schule. "Ich wollte mein normales Leben wieder haben!", schluchzt sie vor Gericht. Doch die Normalität will sich bis heute nicht wieder einstellen.

Bleibt zu hoffen, dass Sebastian M. das Strafmaß und die psychologische Behandlung erhält, die eine Wiederholung des Geschehenen wirklich ausschließen.

*Name von der Redaktion geändert.

Urteil vom 10.09.04: Vier Jahre Haft und Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Sebastian M.
Sebastian M. (27), vergewaltigte in einem Keller der Friedrichstraße (Kreuzberg) die 15jährige Susan T.*.

Bann H. und Yasmin H.
Bann H. und Yasmin H. retteten Susan T. und konnten mit Hilfe türkischer Jugendlicher und Männer den Täter stellen.

Susan T.* mit Mutter und Schwester
Susan T.* (ganz re.) mit Mutter und Schwester.


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