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Gerichtsreportagen


Therapie mit Drogen: 300 von irgendwas


von Barbara Keller

Mi., 22.4.2010, 35. gr.SK
Im Prozess gegen einen Psychologen, der in seiner Hermsdorfer Praxis Psycholyse als Therapieform anwandte, im September vergangenen Jahres dabei Ecstasy (MDMA) sowie Neocor an seine Patienten abgab und damit den Tod zweier Patienten verschuldete, wird in kürze die Beweisaufnahme geschlossen. ('berlinkriminell.de' berichtete) Am vergangenen Prozesstag traten ein Gerichtsmediziner, ein Toxikologe, die Leiterin der Tatortermittlungen sowie die Witwe eines verstorbenen Patienten in den Zeugenstand.


Garik R. traf es wie ein Schlag. Dass ihm die seit Jahren von ihm in seiner Praxis durchführte, in Fachkreisen umstrittene Psycholyse einmal auf die Füße fallen würde, wäre ihm wohl im Traum nicht eingefallen. Aufgrund des anhaltenden Erfolges hatte er verdrängt, dass einige der von ihm gegenüber den Patienten zu Therapiezwecken offerierten Substanzen hierzulande verboten sind.

Zustände der Klarheit

Garik R. vertraute wohl einem besonderen Schutzengel, als er, das Drogenköfferchen inhaltlich diverser verbotener Substanzen im Praxisbüro, mit seinen Patienten Sondersitzungen unter Drogeneinfluss vornahm. Dabei wussten seine Kassenpatienten, die diese besonderen Sitzungen mit 130,- € bis 225,- € aus eigener Tasche zahlten, weitgehend über den Charakter dieser besonderen Therapietage Bescheid.

In Intensiv- und Abschlusssitzungen gab Garik R. laut Zeugenaussagen allerlei Drogen, darunter psychedelische Pilze, Neocor, Ecstasy und eventuell LSD, das er auch selbst nahm, an seine Patienten ab. Um 'das Herz zu öffnen' oder seine Patienten in einen besonderen 'Zustand der Klarheit' zu versetzen. Die Einnahme der Stimulanzen stilisierte der Psychologe als Ritual. Es wundert wenig, dass einige Hilfe suchenden Patienten mehr an dem Erfolg ihrer Therapie als an der Beschaffenheit der illegalen Drogen interessiert waren.

Garik R. hatte, trotz verfügbarer Literatur, jedoch zudem verdrängt, dass der Konsum von Ecstasy auch tödlich sein kann. Am 19. September 2009 wurde der Albtraum Wirklichkeit. Zwei seiner Patienten kollabierten nach der Einnahme von Ecstasy und Neocor, das eine ähnliche Wirkungsweise wie Ecstasy hat. Ob die Praxis-Waage des Psychologen den ordnungsgemäßen Dienst versagte oder das MDMA, dass man vor einer Woche noch als tauglich getestet hatte, in der Zwischenzeit verfälscht wurde, ist unklar.

Die Crux der Substanz

Laut Aussage des Toxikologen Dr. Benno Rießelmann (61) jedenfalls sollen die Patienten Joachim K. und Marcel Ko. anders als von dem Angeklagten ausgesagt ein Vielfaches, mehr als das Zehnfache, der üblichen Menge MDMA eingenommen haben und an einer Überdosis gestorben sein. In wieweit der Mischkonsum mit dem offenbar aus einem australischen Labor stammende Neocor, das in Deutschland bislang weder verboten noch zertifiziert war, dabei zum Tragen kam, kann nicht mit Bestimmtheit gesagt werden.

Gerichtsmediziner Dr. med. Edwin Ehrlich, der die beiden Drogentoten untersuchte, zeigte sich erstaunt über die Körpertemperatur, mehr als 40 Grad Celsius, des sechs Stunden vor der Obduktion verstorbenen Joachim K. Die ansonsten intakten Körperorgane seien Opfer einer 'großen Katastrophe' geworden, so der Sachverständige, der nach Abschluss seiner Untersuchungen sofort auf eine Ecstasy-Intoxikation tippte.

"Das ist die Crux der Substanz", erklärte Dr. Rießelmann, eine 'unbedenkliche Dosis' gäbe es bei Ecstasy nicht, weshalb es in Deutschland auch verboten sei. Der Toxikologe berichtet von einem Fall, bei dem ein mit Drogen völlig unerfahrenes Mädchen auf der Loveparade zwei Tabletten MDMA zu sich nahm und daran verstarb. Ob eine Person hierfür dispositioniert sei, könne ein Arzt aber nicht erkennen.

Ich weiß nicht, was ich da soll

Zuletzt sagte Monika K. (60) aus, die Witwe des am 19. September 2009 verstorbenen Joachim K. (59). Monika K. war, wie sie berichtete, 2006 durch ihre Kosmetikerin auf den Psychologen Garik R. aufmerksam geworden. Sie belegte sporadisch Einzelsitzungen bei der Frau des Angeklagten, Elke P. (41), und nahm an zwei, sich über ein Jahr ziehende Gruppentherapien teil.

Garik R. strebte mit Monika und Joachim K. eine Paartherapie an. Doch Joachim K. wusste mit der Therapie nicht viel anzufangen und erklärte zweimal: "Ich weiß nicht, was ich da soll." Er hatte sich schließlich von seiner Frau, die an ihrer Missbrauchsproblematik arbeitete, überreden lassen mit dem Hinweis: "Du bist nicht umsonst trockener Alkoholiker".

Mehr Gefallen fand Joachim K. wohl an der TM-Meditation, die der Schöneberger Ekkehard N. (55), veranstaltete, mit dem er gelegentlich ein Tütchen rauchte und die er ohne Monika besuchte. Ekkehard N., der auch als Patient des Angeklagten figurierte, soll für die Praxis des Angeklagten auch die Drogen besorgt haben.

Ob Joachim K. mit seiner Suchtproblematik bei Garik R. gut aufgehoben war, steht in Frage. So berichtete seine Frau der Strafkammer von Gruppensitzungen, in denen ihr Mann nach dem Konsum von psychedelischen Pilzen vollkommen weggetreten mit den Zähnen knirschte. Oder davon, wie Ekkehard N. ihn 'voll daneben', weil Bienen halluzinierend, nach Hause brachte. Da soll er '300 irgendwas von irgend einer Droge' bekommen haben.

Als Kassenpatient vertraut

Trotzdem Monika K. einen Therapieerfolg verneint, konnte sie sich, wie sie vor der Strafkammer aussagt, von der Autorität des Psychologenpaares nicht lösen. Viermal traf sie sich noch mit Elke P., die ihr 900,- € 'als Trostpflaster' gibt, wie Monika K. sagt. Dann bricht sie den Kontakt telefonisch ab. Offenbar waren wie Monika K. auch andere Patienten privat mit dem Angeklagten verbunden. So half der verstorbene Joachim K. als gelernter Gas-Wasser-Installateur in der Praxis aus, eine andere Patientin putzte. Mal gegen, mal ohne ein Endgeld. Als säße man im selben Boot, bittet Elke P., deren Mann nun in Untersuchungshaft sitzt, die frisch verwitwete Patientin, ihre Kinder zu hüten. Das erzählt Monika K. und erklärt zornig: "Das war alles so klebrig!"

Dabei erscheint, oberflächlich betrachtet, alles seriös und transparent. So hatte Garik R. von seinen Patienten zu Beginn der Therapie einen Anamnesebogen erhoben. Auch Broschüren, wie sie in Suchtberatungszentren zu haben sind, lagen für die Patienten aus. Wer die richtigen Fragen zu den offerierten Substanzen stellte, bekam von Garik R. entprechende Antworten. Monika K., die sich in der Praxis und der therapeutischen Gruppe liebevoll aufgehoben und angenommen fühlte, etwas, das sie in ihrem Leben vermisste, sagt hierzu: "Es ist mir unangenehm zu sagen, aber ich habe mir nichts vorgestellt unter den Intensivsitzungen." Sie stellte keine unbequemen Fragen und erklärt dem Gericht: "Ich nahm die Substanzen. Ich hatte als Kassenpatientin Vertrauen."

Verabredungsgemäß schwieg sie auch. Darüber, wer die Substanzen beschaffte, dass die Waage defekt gewesen sei, dass das MDMA und von wem eine Woche zuvor getestet wurde und sicher hätte Monika K. sich auch der Anweisung des Psychologen gefügt: "Wenn die Polizei kommt, legt ihr euch alle auf den Boden und sagt: 'Wir meditieren hier.'" Doch eine Fortsetzung und Paartherapie, wie vor drei Jahren angestrebt, wird es ja nun nicht mehr geben.

*Auf dem Foto: Monika K.


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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