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aus dem moabiter kriminalgericht


Schauspiel Raubüberfall

"Ich bin ein korrupter Bulle. Ich brauche Kohle!"
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von Barbara Keller

21. April 2008. Moabiter Kriminalgericht, 37. Große Strafkammer.
Einen Drogendealer abzuziehen, hielt Patrick Ba. (32) wohl für ein todsicheres Ding. Und für genial, sich als Zivilfahnder auf Drogenrazzia auszugeben. Gemeinsam mit dem berufs- und arbeitslosen Christian S. (26), der wie er ein Müßiggänger und knapp bei Kasse ist, plant der gelernte, aber arbeitslose Restaurantfachmann dieses "kleine Schauspiel", das die beiden Männer am 6. November 2007 in der Wohnung ihres Opfers Benjamin P. (20) in der Meyerbeerstraße, Hohenschönhausen, mit Spielzeugpistole und Handschellen tatsächlich durchziehen. – Doch der nun 'gesondert verfolgte' Fachabiturient erstattet, anders als gedacht, Anzeige.


Mitte Oktober 2007 stellen Patrick und "Steve", wie sich Christian S. lieber nennt, während eines Telefonates neben einigem gemeinsamen Kummer eine übereinstimmende Interessenlage fest: diversen Finanzbedarf. Patrick hat circa 30.000 Euro Schulden. Darunter unzählige offene Rechnungen beim Fitnessclub, bei Versandhäusern und für nicht zurückgebrachte Videokassetten.

Zuletzt war er, nach einem Crashkurs als Personenschützer, für fünf Euro die Stunde Türsteher in der "Alten Fabrik" in Lichtenberg, einer damals von rechtem Publikum besuchten Diskothek. Seit 2005 ist Patrick arbeitslos zufrieden.

"Steve" steht nur mit rund 3.000 Euro in der Kreide. Es sind vor allem Miet- und Handyschulden. "Steve", der seine Ausbildung als Koch im "Hotel Berlin" am Lützowplatz, nicht abschloss, leidet darunter, in einem russischen Restaurant als Azubikoch für 300 Euro 'verheizt' zu werden, wie er sagt. Er will kündigen.

Leichte Beute

Am 6. November 2007 überfallen Patrick Ba. und Christian S., um ihren Lebensstil und ihren Drogenkonsum - hauptsächlich Kokain, Haschisch, Cannabis, Amphetamin, Alkohol - zu finanzieren, Benjamin P. Der 20-jährige Abiturient dealt, nach Information von Christian S., in seiner Wohnung mit Haschisch und Marihuana. Von Benjamin P., der wegen seiner überzogenen Preise für "Steve" als Dealer nur ein "Notnagel" ist, wie er sagt, erwarten die Beiden keine nennenswerte physische Gegenwehr.

Und so erscheint "Steve" am Abend des 6. November 2007 verabredungsgemäß bei Benjamin P., um sich - angeblich - mit Haschisch zu versorgen. Als er sich wenig später an der Tür verabschiedet, erwartet sie bereits Patrick Ba. Der schiebt Beide in die Wohnung zurück, präsentiert erst eine Hundemarke, dann seine Spielzeugpistole und donnert: "Drogenfahndung!"

Auf zwei, drei Schläge mit dem Pistolenknauf in das Gesicht des geschockten Benjamin P. folgt die lauernde Frage: "Wer ist der Eigentümer der Wohnung?" Und: "Die Wohnung wird jetzt durchsucht!" "Steve" muss sich ebenso wie Benjamin P., den Patrick Ba. später im Bad mit den Handschellen an die Heizung fesselt, auf den Boden legen. Auch einen Tritt gegen den Fuß und einen Bettbezug über den Kopf gestülpt erduldet er.

Suche nach dem Depot

Doch den erhofften "Jackpot", das Depot mit den Drogen, findet der falsche Drogenfahnder nicht. Und auch im Safe, dessen PIN Patrick Ba. unter der Drohung, dem Opfer einen Finger abzuschneiden, erpresst, findet er nur Handyverträge, den Mietvertrag und andere Unterlagen.

Schließlich räumt Patrick Ba. das Feld, reichlich bepackt mit Beute, Beuteln und Koffern: Bargeld in Höhe von mindestens 600 Euro, eine Playstation, zwei Mobiltelefone, DVD's, einen 100-Gramm-Stein 'schwarzer Afghane', 150 Gramm Cannabis sowie diverse Schreckschuss- und Softairpistolen. Den Schlüssel der Wohnung wirft er wie angekündigt in den Briefkasten.

Benjamin P. kann sich schließlich aus einer Handschelle winden und die andere mit einem Hammer zertrümmern. Nach einer Viertel Stunde und einem gemeinsamen Joint trennen sich die beiden "Opfer". Wie erwartet, hegt Benjamin P., trotz der Gewissheit, dass der harsche Ermittler gespielt war, zunächst nicht die Absicht, die Polizei zu verständigen. "Steve" nimmt sich daraufhin ein Taxi, um sich, wie abgesprochen, mit Patrick Ba. in dessen Neuköllner Wohnung die Beute zu teilen.

Katzenstreu und Marihuana

Doch dann erstattet Benjamin P. am nächsten Tag doch Anzeige auf dem Polizeiabschnitt. Das allerdings erst erst, nachdem er, wie er bei der Polizei angibt, seine Katze, Katzenstreu und –futter zu einem Freund gebracht habe.

Über die Aussage eines gemeinsamen Bekannten und Mitwissers gelangen die Ermittler Patrick Ba. und Christian S. rasch auf die Spur. Schnelle Geständnisse, seitens Christian S., später von der Kanzlei Hoenig vertreten, übrigens ohne jeglichen rechtsanwaltlichen Beistand abgelegt, tun ihr übriges. – Das von Patrick Ba. genial geplante Schauspiel mutiert wegen der Schläge mit der Spielzeugpistole zu einem 'besonders schweren Raub', für den Haftstrafen von fünf bis 15 Jahre Haft vorgesehen sind.

Am Tag der Hauptverhandlung am 25. April 2008 sitzen sie da, die beiden Müßiggänger mit der genialen Geschäftsidee: zwei smarte, gepflegt wirkende, junge Männer. 'Lebemann' Patrick Ba., aufrecht, aufmerksam mit lebhafter Mimik, kurzes, welliges, schwarzes Haar, graues Hemd, Jeans, weiße Markenturnschuh.

Keine Gewalt

Christian S., in sich zusammengesunken, reglos, als warte er, dass der Kelch auch ohne seine Mitwirkung an ihm vorziehe: raspelkurzes dunkelblondes Haar, schwarzes T-Shirt, schwarze Stoffhose, schwarze Schuhe.

Beide wiederholen noch einmal ihre Geständnisse, beide bedauern die Tat und wie Christian S. bestätigt, beteuert auch Patrick Ba.: "Ich habe keinerlei Gewalt angewendet."

Allerdings widerspricht Benjamin P., der trotz des über ihm schwebenden Damoklesschwerts, dem bereits laufenden Ermittlungsverfahren und dem damit verbundenen Zeugnisverweigerungsrecht aussagt, vehement. Mit "Hör zu, ich bin ein korrupter Bulle. Ich brauche Kohle!" habe sich Patrick Ba. damals vorgestellt und zwei bis vier Mal zugeschlagen: "Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich überhaupt ins Gesicht geschlagen wurde", klagte Benjamin P. und fügte hinzu: "Er ist schon brutal vorgegangen, mit viel Kraft." Mehrmals habe Patrick Ba. die Pistole durchgeladen, wodurch Benjamin P. das Bedrohungsszenario sehr ernst erschienen sei.

So ernst übrigens, dass er nie wieder in seiner Wohnung wohnte, dort auszog und beim Bürgeramt eine Auskunftssperre beantragte: "Ich will nicht, dass die Angeklagten meine neue Adresse erfahren."

...im minder schweren Fall

Nachdem der Sachverständige Christian Winterhalter, Facharzt für Nervenheilkunde, sein umfängliches Gutachten zu den Angeklagten abgegeben hatte, in dem er zumindest für Christian S. eine zur Tatzeit verminderte Schuldfähigkeit wegen mangelnder Angaben nicht ausschließen konnte, erfolgten die Plädoyers und das Urteil.

Das Gericht unter Vorsitz von Richterin Dr. Römer meinte es gut mit den Angeklagten: drei Jahre und neun Monate Haft für Patrick Ba., zwei Jahre und sechs Monate Haft für Christian S. Zwar wurden beide, bislang unerheblich vorbestraft, des besonders schweren Raubes in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung für schuldig befunden, aber für beide auch auf einen minder schweren Fall erkannt.

Für Patrick Ba., dem es derzeit an einem bewohnbaren Zuhause mangelt, ordnete das Gericht Haftfortdauer an. Die Haft gegen Christian S. wurde jedoch ausgesetzt, womit ein offener Vollzug für ihn in greifbare Nähe rückt.

Bleibt zu hoffen, dass die so Verurteilten ihre Biografie nach diesem letzten Schreckschuss wieder in den Griff bekommen.


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Der mutmaßliche Drogendealer und Fachabiturient Benjamin P., den die beiden Angeklagten für leichte Beute hielten.



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