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aus dem moabiter kriminalgericht


Stalking ist kein Bagatelldelikt


von Barbara Keller

30. Nov. 2007. Amtsgericht Tiergarten. Abt. 247.
Zwischen dem 23. Dezember 2006 und dem 6. Juni 2007 stellt der aus dem Libanon gebürtige Tarek El-I. (27) seiner ehemaligen Freundin Jenny O. (22) aus Steglitz und deren neuem Freund auf penetrante und bedrohliche Weise nach: Telefonterror, Sachbeschädigungen, beleidigende Nachrichten, Nachstellungen, eindeutig gewalttätige Gesten. Jenny O. und ihr Freund leiden unter Schlafstörungen, Angst- und Panikattacken und müssen ihre Lehre abbrechen. Sie wissen sich nicht mehr zu helfen und erstatten fast täglich Anzeige bei der Polizei, um dem Spuk ein Ende zu bereiten.
Verfahren wurde gegen Auflage (§ 56b StGB) nach § 153a eingestellt...

Im Herbst 2006 trennt sich Jenny O. (22) von ihrem langjährigen Freund Tarek El-I. Sechs Jahre waren die Beiden ein Paar. Doch zuletzt kriselt es mächtig in der Beziehung, man sieht sich nur noch selten. Und schließlich hat Jenny O. einen neuen Freund. Für Tarek El-I. ist das ein schwerer Schlag. In der Folge bedroht und tyrannisiert der schwer gekränkte junge Mann das frisch verliebte Paar.

Klingelterror, nächtliche Anrufe, Nachstellungen, Auflauern vor dem Haus, handgreifliche Überraschungsbesuche, ungewollte Geschenke, Verfolgungsfahrten mit dem Auto, eindeutig lebensbedrohliche Gesten, Beschimpfungen via SMS zwischen Dezember 2006 und Juni 2007 - das listet die Anklage gegen Tarek El-I. auf.

Zehn Fälle sind angeklagt, die seit dem 1. April 2007 nicht mehr nur unter einzelne Paragraphen des Strafgesetzbuches fallen, sondern mit dem Sammelparagraphen Gewaltschutzgesetz ("Stalking"-Paragraph) belegt sind.

So soll Tarek El-I. in nächtlichen Aktionen den PkW des neuen Freundes von Jenny O. mit "Ich bin ein schwuler Türke" beschmiert und die Heck- und Seitenscheiben seines Wagen eingeschlagen haben. Der Schaden: 900 Euro.

Ein anderes Mal klingelt er zwischen 1:10 und 1:35 bei den Beiden Sturm, dann leuchtet er stundenlang mit einem Laserpointer in deren Schlafzimmer. Am 19. März 2007 dringt Tarek El-I. in die Wohnung von Jenny O., schleudert sie durch die Wohnung, zerrt sie an den Haare, um in der Küche mit einem Messer bewaffnet seinen Suizid anzudrohen.

Trotz der am 23. März 2007 ergangenen polizeilichen Anordnung der Kontaktsperre und der verordneten 'Bannmeile', setzt Tarek El-I. seinen Terror per Handy fort. Am 24. April 2007 erhält der Freund von Jenny O. die SMS: "Buye, du Hurensohn. Ich habe Aids. Also lass dich mal untersuchen."

Und am 2. Juni 2007 folgt er, nachdem er bei der Ex-Schwiegermutter einen Blumenstrauß und ein herzförmiges Kissen mit der Aufschrift: "Ich liebe dich, ich vermisse dich!" hinterlassen hat, den Beiden in seinem schwarzen Volkswagen. Er fährt dicht auf, bremst sie aus. Als er verkehrsbedingt an der Ampel neben dem Wagen des verfolgten Paares zu stehen kommt, blickt er ihnen bedeutungsschwanger in die Augen und macht mit seiner Hand eine Geste quer über den Hals.

Soweit die Anklage, in der es auch heißt, dass Jenny O. und ihr Freund, die gemeinsam an einer Ausbildung für Kaufmännische Assistenten teilnahmen, diese schließlich abbrachen. Der Grund: Schlafstörungen, Angst- und Panikattacken sowie die ständigen Termine auf Polizeiwachen.

Ein halbes Jahr später, am 30. November 2007, muss sich Tarek El-I. vor dem Amtsgericht Tiergarten neben diverser anderer Straftaten wegen des Verstoßes gegen das Gewaltschutzgesetz verantworten.

Doch Tarek El-I., der sagt: "Es war die Hölle für mich. Die meiste Zeit saß ich zu Hause und starrte die Wände an.", widerspricht der Anklage. Tatsächlich sei es so gewesen, dass Jenny O. ihn gegen den anderen Mann ausspielte. Immer wieder habe sie ihm Hoffnungen gemacht.

Er wusste nicht, dass Schluss war, sagt Tarek El-I. Er habe wissen wollen, was los ist. Noch im Mai 2007 traf er sich, nach seinen Angaben, alle zwei bis drei Tage mit Jenny O. am Ende der Eythstraße, einer Sackgasse. Man wäre zusammen im Tropical Island gewesen, wo er ihr ein Handtuch schenkte. Und als er Jenny O. ein Foto zeigte, auf dem ihr neuer Freund mit einer anderen Frau zu sehen gewesen sei, soll Jenny O. sogar bereit gewesen sein, zu ihm zurückzukehren.

Die Aussagen der Zeugin Jenny O., deren neuer Freund als Nebenkläger auftritt, klingen dagegen anders. Mehrmals wiederholt sie, wie aufgeregt sie sei, wie wenig sie geschlafen habe. Sie bestätigt die bereits gemachten Aussagen, die man ihr trotz aller Konfusion gern glaubt. Sie sagt: "Weil es ihm schlecht ging, wollte er wohl, dass wir es auch nicht gut haben."

Die Verhandlung stockt, als die Rede auf eine SMS vom 19. April 2007 kommt, die Jenny O. dem Angeklagten geschickt haben soll. Doch Jenny O. beteuert, mit Tarek El-I. weder Kontakt zu haben, noch diesen gesucht zu haben. - Der Prozess wird daraufhin unterbrochen. Das Beweismittel soll einer näheren Untersuchung unterzogen werden.

Am nächsten Tag der Hauptverhandlung werden drei weitere Zeugen gehört. Darunter ein gemeinsame Freundin von Tarek El-I. und Jenny O., die möglicherweise auch die Absenderin der strittigen SMS sein könnte.

Das Verfahren wurde gegen Auflagen (vorläufig) eingestellt. Tarek El-I. hat 1.000 Euro an die "Kinderkrebshilfe" zu zahlen und die Kosten der Rechtsbeistände inklusive der Nebenklage zu tragen. Tarek El-I. hat laut Strafkammer Jenny O. und ihren neuen Lebenspartner nachgestellt. In welchem Ausmaß konnte durch die Beweisaufnahme nicht geklärt werden. Sollte Tarek El.-I. der Auflage (§ 56b StGB) nicht entsprechen, verkündete der Vorsitzende Richter: "... sehen wir uns hier vor Gericht wieder."


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Tarek EL.-I., der ein halbes Jahr seine ehemalige Freundin und ihren neuen Partner penetrant belästigt haben soll, widerspricht der Anklage und sagt: "Sie hat uns gegeneinander ausgespielt."


Stalkingopfer
Jenny O. leidet unter Angst- und Panikattacken und musste ihre Lehre zur Kaufmännischen Assistentin abbrechen.

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