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Mitfahrgelegenheit, blablacar

aus dem moabiter kriminalgericht


Endstation am Saupark Springe
für Bahnerpresser "Gerhard Schröder"


von Barbara Keller

22. Mai 2007. Moabiter Kriminalgericht. 3. Gr. Strafkammer.
Am 7. Februar 2007 fordert der verheiratete Informatiker Ciro St. (46), Vater zweier Kinder, in einem Erpresserschreiben von der Deutschen Bahn AG zwei Millionen Euro. Er unterzeichnet mit "Gerhard Schröder" und droht mit Anschlägen auf das Schienennetz der Bahn. Am 21. Februar 2007 scheitert sein Coup bei der Geldübergabe am Saupark Springe. - Ciro St. droht jetzt nach § 253 eine Haftstrafe von bis zu fünf Jahren.
Urteil vom 5. Juni 2007

14.03.1995: sieben Jahre, neun Monate Haft für Arno Funke (Dagobert),der den Karstadt-Konzern mit Bombendrohungen erpresste, 28.04.2000: zwei Jahre und sechs Monate Haft für einen Mann, der die Verkehrsbetriebe Hannover mit Bombendrohungen erpresste, 10.07.2000: acht Jahre, sowie vier Jahre und neun Monate für ein Ehepaar, das Nestlé-Produkte zu Erpresserzwecken mit Insektenvernichtungsmittel versetzten, 18.12.2000: drei Jahre und drei Monate Haft für einen 29-Jährigen der Danone mit der Vergiftung von Joghurts drohte.

"Das war's", denkt Ciro St., als er im Rückspiegel den Wagen mit großer Geschwindigkeit auf sich zurasen sieht. Gerade kommt er vom Saupark Springe (bei Hannover, Niedersachsen). Dort hat er sich die Tasche mit dem Erpressergeld, verabredungsgemäß deponiert neben einem Fahrradständer, geschnappt und seiner nichtsahnenden Frau in den Schoß geworfen. Sein zweijähriger Sohn schläft derweil den Schlaf des Gerechten auf dem Rücksitz. - Alles sollte wie ein Familienausflug aussehen.

Bervor Schlimmeres passiert, vielleicht sogar geschossen wird, entschließt sich Ciro St. aufzugeben und nach Springe zu fahren. Die Stadt kennt er. Hier hat er 18 Jahre gelebt. Knappe zwei Minuten bleiben Ciro St., seiner Frau die fatale Situation zu erklären und sich für das, was nun kommen wird, zu entschuldigen. Hundert Meter vor der Polizeidienststelle Springe wird Ciro St. von Kriminalbeamten gestoppt und verhaftet.

Klein, korrekt, redegewandt

Zu leugnen gibt es nichts. Ciro St. ist von Anfang an geständig. Fast erleichtert, so ein Kriminalbeamter später vor Gericht, habe der Verhaftete sein Geständnis abgelegt. - Das war am 21. Februar dieses Jahres. Bereits drei Monate später, am 22. Mai 2007, findet am Moabiter Kriminalgericht die Hauptverhandlung gegen den Erpresser statt.

Ciro St. mit dem klingenden Namen einer schillernden Hollywoodgröße ist ein kleiner, untersetzt kompakter Mann von korrektem Äußeren und Auftreten. Er trägt eine schwarze Anzughose, einen weinrot-grauen Schlips. Sein hellblaues Hemd ist steif gebügelt. Ciro St. hat einen Schnauzbart und sein mittelblondes, lichtes Haar zu einem Zopf gebunden. Ciro St. antwortet klar und deutlich. Er ist redegewandt und sieht bekümmert drein.

Schulden und Probleme mit der Gesundheit

Nachdem der Staatsanwalt die Anklage verlesen hat, geht das Gericht mit dem Angeklagten noch einmal die Tatvorwürfe durch. Danach ergibt sich folgendes Bild: Anfang Februar 2007 überkommt Ciro St. die spontane Idee, die Deutsche Bahn AG zu erpressen. Schulden und Krankheit veranlassen den gelernten Maschinenbauer, studierten Informatiker und damaligen Arbeitslosengeld II - Empfänger, Fortuna ein wenig auf die Sprünge zu helfen.

Am 7. Februar 2007 schickt Ciro St. der Deutschen Bahn AG ein Erpresserschreiben, in dem er zwei Millionen Euro in alten Scheinen à 50 und 100 Euro fordert. Er droht bei Nichtbefolgen seiner Anweisungen mit Anschlägen auf das Schienennetz. Das Ganze vertont Ciro St. mit einer aus dem Internet gezogenen Freeware, um Spracherkennung zu vermeiden, und brennt es auf eine CD. Sein an die Deutsche Bahn AG in der Lennèstraße, Mitte, gesandtes Erpresserschreiben unterzeichnet Ciro St. sinniger Weise mit "Gerhardt Schröder".

100.000 hätten auch gereicht

"Zwei Millionen brauchte ich gar nicht", sagt Ciro St. dem Gericht. "Ich wäre auch mit 100.000 Euro oder 200.000 Euro zufrieden gewesen." Doch er habe gefährlich und glaubwürdig klingen wollen. Zum Zeichen, dass die Drohung bei der Bahn AG angekommen sei, sollte auf Wunsch des Erpressers das Logo der Bahn unüblicher Weise im Impressum der DB-Homepage platziert werden. - Keine Polizei, keine Presse - so lautete seine Bedingung.

Noch am selben Tag wird ein Krisenstab bei der Bahn AG in Berlin installiert, ein Beamter des Landeskriminalamtes holt das Erpresserschreiben persönlich ab. Ein Strafverfahren wird eingeleitet. 20 Beamte der Kripo sind allein in Berlin in dieser Sache beschäftigt; der bald folgende Einsatz kostet den Steuerzahler eine fünfstellige Summe. Tags darauf erscheint das Erkennungszeichen im Impressum der DB Internetpräsenz. Ciro St. wähnt sich in Sicherheit. Der Erpresser vor Gericht: "Ich bin davon ausgegangen, dass die Deutsche Bundesbahn ihre Fahrgäste nicht in Gefahr bringen will."

"Was ist da los!?"

Doch dann passiert der erste Schnitzer. Die komplizierten Instruktionen für die Geldübergabe am 14. Februar 2007 vor dem Intercityhotel in Göttingen bleiben bei der Post hängen und erreichen die DB erst am 15. Februar 2007. Ciro St. wird nervös. Dabei hatte er doch mit der Zündung von acht Zeitbomben, dem größten Anschlag der Bundesrepublik, am 19. Februar gedroht.

Die geforderte Einstellung einer Handynummer im DB Impressum als Bestätigung und zur Übermittlung der Instruktionen in spe bleibt aus. Ciro St. kauft ein Handy und versucht, telefonisch einen Eingeweihten bei der Bahn zu erreichen. "Das Ergebnis war niederschmetternd", erzählt der Erpresser heute. Es mag sich, nach deutscher Behördenart, kein Ansprechpartner finden. Ciro St. wird von Anschluss zu Anschluss weitergeleitet und landet schließlich sogar bei der Polizei.

Aschermittwoch ist alles vorbei

Ciro St. schickt eine dritte Depesche, schriftlich und wieder vertont. Darin droht er noch einmal mit dem "größten Anschlag der Geschichte der Bundesrepublik", dieses Mal für den 22. Februar um 6:00. Und schiebt nach: "Die Übertragung der Sprengung können Sie sich dann im Fernsehen ansehen." - Der Termin der Übergabe des Erpressergeldes soll jetzt Aschermittwoch, der 21. Februar, sein.

Dieses Mal scheint alles nach Plan zu laufen. Via SMS lotst Ciro St. die beiden Mitarbeiterinnen von der Bahn (eigentlich Polizeibeamtinnen) von einer versteckten CD zur anderen. "Meine Idealvorstellung war, dass die Damen die Anweisungen auf der CD explizit befolgen", sagt Ciro St. Ziel dieser Art Schnipseljagd soll eine Anhöhe in der Nähe der Marienburg sein.

Doch schon von der ersten CD behaupten die Frauen, sie sei defekt. Sie zwingen Ciro St. zu einer direkten Kontaktaufnahme und damit zur Preisgabe seines Standortes. Schließlich gerät sein Zeitplan heillos durcheinander, das Wetter verschlechtert sich rapide.

"Ich hätte mich übergeben können..."

Gegen 21:00, das Katz- und Mausspiel hält bereits seit vier Stunden an, lädt Ciro St. unter einem Vorwand Frau und Sohn zur Tarnung in seinen Wagen. Zu diesem Zeitpunkt ist er bereits so zermürbt, dass ihm - wie er sagt - das Blut in den Schläfen pocht. Ciro St.: "Ich hätte mich übergeben können, so schlecht war mir."

Als Ciro St. eine Geldübergabe am Saupark Springe improvisiert, diktiert längst die Kripo das Spiel. Er sieht die Zivilfahrzeuge der Kripo am Waldrand und auf dem Parkplatz. Redet sich aber ein: "Ich bin im Naturschutzgebiet. Das kann der Förster sein." Dann ruft Ciro St. noch einmal die vermeintlichen Bahnmitarbeiterinnen an. Die Tasche mit dem Geld steht nicht wie vereinbart am Fahrradstand. Er lässt sich auf die Schippe nehmen: "Wieso", behaupten die, "die haben wir doch abgestellt. Wir sind schon auf dem Weg nach Hause." - Der Rest ist bekannt.

"Ich bin Erpresser, aber kein Mörder!"

Und die Bombendrohung? Alles nur Bluff, alles nur Fiktion: "Ich bin Erpresser, aber kein Mörder!", betont Ciro St. vor Gericht. Das mit dem Sprengstoff, sagt Ciro St., habe er sich wohl von Filmen abgeguckt. Zu keinem Zeitpunkt wünschte er einen Personenschaden und hätte auch nicht die Mittel dazu gehabt.

Anders als der gelernte Maschinenbauer und Unternehmer Klaus-Peter S. aus Sachsen, der 1998 als unterzeichnender "Freund der Eisenbahn" die DB um zehn Millionen Mark erpresste, seine Drohungen auch in die Tat umsetzte und Anfang 2000 zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. - Auch Klaus-Peter S. scheiterte an der Geldübergabe.

Vom Vorsitzenden Richter Degreif nach etwaigen Vorbildern befragt, antwortet Ciro St. trotz verblüffender Übereinstimmungen mit genanntem Fall jedoch: "Kenne ich nicht. - Ich habe mir einfach so eine Art Storieboard geschrieben."

Nach der Vernehmung zweier Kriminalbeamter und der Verlesung des Registerausszuges ging der erste Tag der Hauptverhandlung zu Ende. Am Dienstag, dem 5. Juni, werden die Plädoyers und das Urteil erwartet.

Urteil vom 5.06.2007
Knappe dreieinhalb Jahre Haft wegen versuchter räuberischer Epressung lautete am Dienstag, den 5. Juni 2007, das Urteil.


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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