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aus dem moabiter kriminalgericht


Tödliche Partnerschaft - ein Versicherungsfall


von Barbara Keller

04.01 2007. Moabiter Kriminalgericht, 32. Gr. Strafkammer.
Am 10. Oktober 2000 verunglückt der russische Rentner Vladimir P. mit seinem Fiat Punto in einer Seitenstraße der russischen Metropole Moskau tödlich. Die Unfallverursacher, Fahrer eines zwei Tage zuvor gestohlenen Armeelasters und mutmaßliche Auftragskiller, entkommen unerkannt. Als die russisch gebürtige Berliner Partnerin, jetzt Witwe, Tatiana B. (31) sofort die nun fällige Summe der erst kürzlich geschlossenen Risikolebensversicherung einfordert, beginnen die Mühlen der hellhörig gewordenen Versicherung - der Saarbrücker Cosmos Direkt AG - unerbittlich zu mahlen. Sieben Jahre später, am 4. Januar 2007 muss sich Tatiana B. wegen Mordes an ihrem Lebenspartner vor dem Berliner Landgericht verantworten. Mitangeklagt: deren Mutter Tamara E. (61) wegen Hilfe zum Betrug und uneidlicher Falschaussage.
Urteil...

Was kümmert es einen deutschen Versicherer, wenn in China ein Sack Reis umfällt oder ein Wodka verliebter, russischer Rentner in einem Nebengässchen der Moskauer Metropole unter die Räder kommt? Nicht das Geringste möchte man meinen. - Was aber, wenn der Herr mit der roten Nase teuer unfallversichert war - eben bei genanntem Versicherer?

Beispielsweise mit einer schlappen Millionen Deutscher Mark Risikolebensversicherung, die nun eine trauernde, junge Witwe postwendend geltend macht? Ja, da wird man schon hellhörig und greift zur Lupe.

Der teure Unfalltote

So bekommt Sachbearbeiter R. der Cosmos Direkt Saarbrücken Mitte Oktober 2000 einen Fall zugewiesen, der ihm irgendwie "undurchsichtig" scheint. Es geht um den teuren Unfalltod des Moskauer Rentners Vladimir P. eben dort in Moskau.

Vladimir P. wird am 10. Oktober 2000 in einer Seitenstraße Moskaus mit seinem Fiat Punto von einem zwei Tage zuvor gestohlenen Armeelastkraftwagen in einen tödlichen Unfall verwickelt. Die Fahrer des LKWs flüchten und bleiben unerkannt. Sechs Tage später macht die Witwe des hoch versicherten Unfalltoten die immense Versicherungssumme von 1.000.000 Mark geltend. Ein falscher Bestatteter, einige andere Seltsamkeiten - Sachbearbeiter R. zählt Eins und Eis zusammen und wendet sich an das Landeskriminalamt Saarbrücken.

Versicherer schlägt zurück

Während Witwe Tatiana B. hartnäckig selbstbewusst ihre Ansprüche aus dieser und zwei weiteren Versicherungen zivilrechtlich in Saarbrücken und Frankfurt am Main einfordert, arbeitet bereits die Moskauer Kripo am mysteriösen Ableben des Vladimir P.

Zunächst scheint alles nach Plan zu laufen: Zwei Jahre nach dem umstrittenen Unfall spricht die 14. Zivilkammer Saarbrücken Tatiana B. zunächst die Versicherungssumme nebst Zinsen zu. In einer Berufungsverhandlung vor dem Saarbrücker Oberlandesgericht jedoch - wieder drei Jahre später, Cosmos Direkt bleibt hartnäckig - weist der zuständige Senat die Klage der gelernten Reiseverkehrsfrau ab. Begründung am 25. Mai 2005: die Angaben von Tatiana B. entbehrten der Glaubhaftigkeit. - Die Schlinge beginnt, sich allmählich zu zuziehen.

Der traurige Rest

Auch zwei weitere Klagen, die die kinderlose Witwe gegen American Express Europe Ltd. und den Moskauer Vermieter des Unfallwagens Fiat Punto ab Oktober 2000 führt, entscheidet das Frankfurter Landgericht nicht zu Gunsten der Klägerin. Am 26. April 2001 setzt das Frankfurter Landgericht kurzerhand das Verfahren bis zur Erledigung des Berliner Strafverfahrens aus. - Von den anfänglich in Aussicht stehenden insgesamt rund 1.022.583 Euro bleiben nun nur noch strittige 204.516,75 Euro und die Aussicht auf eine lebenslange Freiheitsstrafe.

Das traurige Finale in Berlin (da Tatiana B. seit 1991 in Berlin Wilmersdorf ansässig ist, lautet der Gerichtsstand Berlin). Am Donnerstag, dem 4. Januar 2007, findet am Moabiter Kriminalgericht der Mordprozess gegen Tatiana B., seit dem 12. April 2006 in U-Haft, statt. Mitangeklagt ist ihre Mutter, Tamara E., ebenfalls seit dem 12. April 2006 inhaftiert. Die studierte Musikpädagogin, in Moskau zuletzt als Aufsichtskraft in einer Spielhalle beschäftigt, soll ihrer Tochter in den Zivilprozessen mit Falschaussagen bewusst den Rücken gestärkt haben.

Ein Mordplan

Das Mordszenatio, das die Berliner Staatsanwaltschaft entwirft, lautet wie folgt: Im Sommer 2000 beschließen Tatiana B. und die (gesondert verfolgten) Männer Nicolas K. und der russische Ex-Armee-Oberst Alexander Te. einen Millionenreibach. Nach ihrem Plan soll Tatiana B., seit 1991 Neu-Berlinerin, später mit deutscher Staatsbürgerschaft, ein leichtgläubiges Moskauer Opfer zum Schein ehelichen. Das planmäßige, plötzliche Ableben desselben im fernen Moskau nach Abschluss einer satten Lebensversicherung in Deutschland soll die Drei über Nacht und Nebel vermögend machen.

Gesagt, getan. Wenig später gelingt es Alexander Te., seinen Nachbarn, den alkoholkranken Rentner Vladimir P., zu überreden. Tatiana B. beabsichtige, in Moskau, "ihrer alten Heimat", ein Unternehmen zu gründen, erklärt er. Und es solle Vladimir P.s finanzieller Schaden nicht sein.

Lebenslange Aussichten

Nach dessen Zusage geht, laut Staatsanwaltschaft, alles sehr schnell. Am 14. Juli 2000 meldet Tatina B. verabredungsgemäß ihren Gatten in spe in Berlin Wilmersdorf an. Sieben Tage später dann die notariell beglaubigte Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrages. - Da hat Tatiana B. bereits tags zuvor (am 20. Juli 2000) den Antrag für die Lebensversicherung ausgefüllt. Die Tage ihres Zweckpartners sind nach Anklage nun gezählt.

Drei Monate dauert demnach das Scheinglück der Berliner Partnerschaft. Am 9. Oktober 2000, das ungleiche Paar hält sich in Moskau auf, mietet Tatiana B. für Vladimir P. einen Fiat Punto. Bereits einen Tag später hat Vladimir P. seinen bedauerlichen, tödlichen Unfall.

Die Berliner Staatsanwaltschaft hält die geflüchteten Unfallverursacher und Diebe des Armeefahrzeugs für gedungene Auftragsmörder. Ihr Vorwurf wiegt schwer, doch sie hält die Beweislast für erdrückend. - Die angeklagten Frauen schweigen am ersten Tag der Hauptverhandlung zu den Tatvorwürfen. Die smarte Reiseverkehrskauffrau ebenso wie ihre schlohweiße Mutter.

Acht Zeugen plant die 32. Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Hans Luther zu hören. Darunter zunächst die beiden Unfallzeugen, ein Mann und eine Frau aus Moskau. Und dann auch die beiden mit dem Versicherungsfall betrauten Sachbearbeiter der Cosmos Direkt.

Sollte das Gericht die Frauen für schuldig befinden, droht Tatiana B. u. a. wegen Mordes (§ 211 StGB) eine lebenslange Freiheitsstrafe von mindestens 15 Jahren. Aber auch die Mutter Tamara E. muss wegen falscher uneidlicher Aussage (§ 153 StGB) und Hilfe zum Betrug (§ 27 StGB) mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren rechnen.


Urteil: Das Gericht sprach Tatiana B. vom Mord- und Betrugsvorwurf frei; verhängte aber eine 18-monatige Bewährungsstrafe wegen Anstiftung zur uneidlichen Falschaussage. Ihre Mutter, Tamara E., erhielt eine elfmonatige Haftstrafe wegen uneidlicher Falschaussage.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Um eine millionenschwere Lebensversiche-
rungssumme ihres, laut Anklage, zum Schein Angetrauten zu kassieren, soll
Tatiana B. den Tod ihres pro forma Parters in Moskau in Auftrag gegeben haben.

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