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aus dem moabiter kriminalgericht


"Meine Rache wird fürchterlich sein!"


von Barbara Keller

07. April 2006. Kriminalgericht Moabit, 10. gr. Strafkammer
Im Sommer 2003 treibt im Weddinger Stadtbezirk ein Brandstifter sein nächtliches Unwesen. Zwei Autos, ein Motorroller, zwei Müllbehälter, ein Miet-WC und die Holzhäuser eines Kinderspielplatzes gehen in Flammen auf. Außerdem wird in zwei Wohnhäusern gezündelt. Zeitgleich flattern dem Abschnitt 16 der Polizeidirektion 1, Pankow, unflätige Bekenner- und Drohbriefe ins Haus. Im September 2003 verhaftet die Polizei die 40-jährige, verheiratete Krankenschwester Petra B., wohnhaft Osloer Straße, die wegen ihrer Kreislaufprobleme und Schlaflosigkeit nächtliche Fahrradspritztouren in den Berliner Osten unternahm.

Im Frühjahr 2003 empfiehlt der Hausarzt seiner schlaflosen, kreislaufschwachen Patientin Petra B., es mit frischer Luft und Fahrradfahren zu versuchen. Tatsächlich schwingt sich Petra B. nun nach der Arbeit nächtens auf ihr Rad, um für ein, zwei Stunden herumzufahren. Sie kurvt einfach nur so herum, um "abzuschalten", wie sie sagt.

Meistens geht es vom Wedding in den Osten rüber. Zwischendurch macht Petra B. eine Pause, trinkt Cola, raucht eine Zigarette. Bald macht sich die große, schlanke, androgyn wirkende Frau den Zivilfahndern verdächtig. Sie wird angehalten, soll sich ausweisen, muss Strafe wegen Fahrens ohne Licht bezahlen.

Irgendwann wird es der auf autoritären Druck empfindlich reagierenden Petra B. zu bunt. Sie fühlt sich von den Polizeikollegen des Abschnitts 16 verfolgt, glaubt, diese wollten ihr Verbrechen anhängen. Sie schlägt zurück und beginnt während ihrer nächtlichen Streifzüge ihrerseits den Abschnitt 16 zu observieren.

Das Parkett der strafrechtlich relevanten Welt betritt Petra B. als sie beginnt, den Polizeiabschnitt 16 mit anonymen Schreiben zu terrorisieren. Um keine Spuren zu hinterlassen, benutzt sie hierbei eine Buchstabenschablone von Karstadt und trägt beim Verfassen der Nachrichten Gummihandschuhe.

In ihren Depeschen heißt es unter anderem: "Hey, ihr Trottel in Uniform, wechselt doch mal eure Autos. Man seid ihr doof!" Oder: "Mich kriegt ihr nie, weil ihr so saublöd seid." Sie beschimpft die Polizeibeamten, hält ihnen die Ergebnisse ihrer Observationen vor, bezichtigt sich selbst diverser Brandstiftungen und bedroht sie mit dem Tod: "Ihr habt euch zuviel erlaubt. Meine Rache wird fürchterlich sein."

Sie legt Skizzen und Beschreibungen ihrer Straftaten bei und erklärt zu den Brandstiftungen in Reinickendorf im Sommer 2003: "Ein Fall war ich. Mich kriegt ihr nicht. Euer Tod rückt immer näher." Die zur Dekoration aufgeklebte Handgranate schneidet sie aus dem Wochenblatt "TIP" aus.

Ein halbes Jahr nachdem Petra B. am 17. September 2003 schließlich in der Nähe mehrer Brände verhaftet wird, meldet die "Berliner Zeitung": "Serienbrandstifterin angeklagt". Weitere zwei Jahre später steht Petra B. schließlich vor Gericht. Die Anklage lautet auf "Brandstiftung" und "Bedrohung".

Freitag, 7. April 2006, vor Gericht. Die über 1,80 Meter große, sportlich gekleidete Frau, kurzer Haarschnitt, wirkt weinerlich. Ihre Sprache erscheint infantil und ist durchsetzt von "Ausdrücken". Nach der Verlesung der Anklage durch den Staatsanwalt lässt die 40-Jährige Radfahrerin durch ihren Rechtsanwalt wissen, nur für die anonymen Schreiben und das Zerstechen der Reifen der Polizeiwagen verantwortlich zu sein.

Die Straftaten, derer sie sich in ihren Schimpfpamphleten bezichtigte, habe sie nicht begangen: "Damit habe ich nischt zu tun." Die Informationen stammten fast alle aus den Pressemitteilungen der Polizei, die auf deren Homepage frei verfügbar sind.

Larmoyant klagt Petra B., diese Schreiben aufgesetzt zu haben, "weil sie mich schikaniert haben". Sie sagt: "Ich weiß, das war Scheiße." Und: "Der Knast, das war die Hölle! Ich bin nur noch ein einziges Nervenbündel."

Als Auslöser und Knackpunkt für ihre Entgleisungen benennt Petra B. ihre 1999 verstorbene Mutter: "Sie sammelte Zeitungsausschnitte mit Polizeimeldungen, stellte es so dar, als ob ich das gewesen wäre und behauptete, ich wollte sie kaputtmachen und vergiften."

Richter Klaus Oplustil scheint diese Version, nach der aus der Luft gegriffene Fremdbezichtigungen zu latenten Selbstbezichtigungen mutieren, für glaubhaft zu halten. Aber er wendet ein: "Ein Strafzettel ist doch kein Grund, einen Reifen zu zerstechen."

Bisher sind für den Prozess vier weitere Verhandlungstage vorgesehen. Ob Petra B. die Serienbrandstifterin ist, für die sie gehalten wurde, muss sich noch erweisen.

Urteil: Wegen Bedrohung und Beleidigung in sechs Fällen erhielt Petra B. eine Freiheitsstrafe von einem Jahr (ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung) mit der Weisung, sich außerdem einer Therapie zu unterziehen und diese bei ihrem Bewährungshelfer nachzuweisen.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Petra B.
Die schlaflose Krankenschwester Petra B. (40) unternahm nächtliche Fahrradspritztouren in den Berliner Osten und tyrannisierte den Abschnitt 16 der Polizeidirektion 1, Pankow, mit Bekenner-, Schmäh- und Drohbriefen. Sie soll im Sommer 2003 als Serienbrandstifterin im Wedding ihr Unwesen getrieben haben.

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