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Gerichtsreportagen


Rezension zu:
Mathias Illigen, "Ich oder Ich"


von von Barbara Keller

Im Januar 2007 meldet der Sloterdijk-Doktorand Mathias Illigen (29) den Vorarlberger Polizeibehörden in Dornbirn, Österreich, einen Unfall. Sein 65-jähriger Vater, so gibt er an, sei bei einem Treppensturz verunglückt. Was man dem smarten Akademiker nicht zutraut, wird wenig später offenbar. Illigen hat seinen Vater mit dem Bügeleisen erschlagen und nachträglich final erstickt. Ein dreiviertel Jahr später ist der junge Philosoph wegen seiner psychischen Erkrankung von jeder Schuld freigesprochen und verschwindet im Maßnahmenvollzug. Vier Jahre danach entlässt ihn ein Richter in die Normalität des zivilen Lebens. Illigen schreibt ein Buch, "Ich oder Ich", das jetzt im Buchhandel zu haben ist.
- Interview mit Mathias Illigen: "Ich bin ein Vatermörder" in Blick.ch



Als Mathias Illigen im Januar 2007 seinen Vater aus Rom anruft, sind die Messen bereits gelesen. Illigen im Interview mit der BLICK.chIlligen, Musterstudent, angehender Doktorand des Medien-Philosophen Peter Sloterdijk in Wien, hat sich in etwas verrannt. So verrannt, dass sich eine Stimme in seinem Kopf eingenistet hat, die nun den Ton angibt. Nach dem Scheitern seiner Weltrettungsaktion beim Papst, begibt sich Illigen an den Inkubationsherd der vermeintlichen Verschwörung. Zu seinem Vater. Die Stimme hetzt: Du oder er! Und initiiert damit ein Blutbad. Vier Jahre nach der Tat ist Mathias Illigen genesen und erklärt sich und seinen Neubeginn.

Wer sagt, dass eine akademische Kaderschmiede ein Zuckerschlecken ist? Und wer, dass ein Dozent ein wohlmeinender Pädagoge und nicht nur ein eingefleischter Selbstdarsteller sein soll? Mathias Illigen hält das Hauen und das Stechen an der Uni Wien jedenfalls als naturgegeben, als er 2007 alle Hoffnungen hat, seine Doktorarbeit bei dem bekannten Philosophen Peter Sloterdijk zu schreiben.

Illigen hält mit und dagegen. "Das postkybernetische Skriptum" heißt der Arbeitstitel seiner Doktorarbeit. Eine gewagte Provokation, wie er findet. Er will dem Philosophen, der auch ein Held der Medien ist, gefallen. Ja, er hofft, ihn zu übertreffen. Fatal nur, dass Sloterdijk, der zwar seit 2001 eine Vertragsprofessur am Ordinariat für Kulturphilosophie und Medientheorie in Wien hat, auch anderweitig als Gastdozent, Schirmherr und Rektor engagiert ist.

In das Universum Marke 'Eigenbau' des aus einem kleinen Ort aus Vorarlberg gebürtigen Mathias Illigen lässt sich Sloterdijk jedenfalls nicht einbinden. Illigen gerät in einen Leerlauf seiner hoch ambitionierten Ziele, als Sloterdijk sein Anerbieten nicht sofort goutiert. An dieser Stelle muss bei dem sensiblen, ehrgeizigen Studenten wohl die Birne durchgebrannt sein. Vielleicht ein Déjà-vu des als Halbwaise ähnlich vergeblich um die Nähe des Vaters bemühten Illigen aus Kindertagen.

'Böse Menschen' leuchten für Illigen plötzlich Orange auf. Der junge Mann sieht sich im Epizentrum einer Verschwörung und meint, die Welt retten zu müssen. Nach einer gescheiterten Reise nach Rom, wo er den Papst über die Lage der Welt aufzuklären hofft, kehrt er zum Ort seiner Kindheit zurück, nach Dornbirn in Vorarlberg. Der Besuch beim Vater endet mit einem gemeinsamen Gebet des Erzeugers, dem Illigen in geistiger Umnachtung bereits den Schädel eingeschlagen hat. Danach erstickt er ihn mit einem Plastiksack.

In 35 Kapiteln schildert Mathias Illigen, der von einer Kammer am Landesgericht Feldkirch von jeder Schuld freigesprochen wurde, in "Ich oder Ich" ausführlich den fatalen Höllenritt seiner irregeleiteten Sinne. Einen breiten Raum nimmt darin auch sein Weg durch die Psychiatrie ein, den dornigen Weg des Maßnahmenvollzugs.

"Ich merkte schnell, dass der Umgangston auf Einschüchterung und Provokation beruhte", schreibt Illigen über seinen Aufenthalt im Wohnbereich der forensischen Psychiatrie auf der Baumgartner Höhe, Wien. Illigen schaltet auf den Modus, den er in seiner Kindheit verinnerlichte: Anpassung, Wohlgefallen. Und hat damit Erfolg.

Mathias Illigen kommt, vier Jahre nachdem er seinen Vater erschlagen hat, wieder auf freien Fuß. Wie man mit einer solchen Last lebt, ist der Autor offenbar gerade frisch dabei medienbegleitet zu erproben.

Aktuelle Presse zum Tötungsdelikt Illigen:
- "Vater und Sohn in Todeskampf" (26.01.2007 in VOL.AT)
- "30-Jähriger erschlug Vater mit Bügeleisen:
Wurde als unzurechnungsfähig befunden"
(7.09.2007 in NEWS.AT)



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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