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krimirezension ab 2003-2013

 

Elfi Hartenstein
"Moldawisches Roulette"
dtv November 2004
ISBN 3-423-24431-3
14,50 €

Gefangen in Stalins Katakomben

von Barbara Keller


Kein Vergleich mit dem entfesselten Horror, der einem im postsozialistischen China über den Weg laufen kann. Einem riesigen Land und mächtigem Kontrollstaat, der Klaustrophobie erfunden zu haben scheint. Aber die Krakenarme der osteuropäischen Mafia reichen schließlich auch nach Moldawien, um sich dort mit den Interessen hiesiger Politiker zu verschränken und blutige Spuren zu hinterlassen. Circa 4,5 Millionen Einwohner zählt Moldawien, das einst zu Russland gehörte, überwiegend russisch-orthodox glaubt und Moldovanisch spricht. Eine fast dem Rumänischen identische Sprache. Hierhin verirrt sich die nach Abwechslung und Anreizen hungrige Pia Ritter aus Niedersachsen. Als Dozentin für Deutsche Sprache unterrichtet sie in Chisinau. Und landet schließlich in einem vergessenen unterirdischen Gulag, dem ehemaligen stalinistischen Vernichtungslager für missliebige Personen. Weil sie zu neugierig ist und schließlich zuviel weiß.

Pia Ritter lebt als Single mit fester Liebschaft, die den Namen Wolf trägt. Innere Unzufriedenheit und Unruhe lässt sie eine Stelle in Moldawien als Dozentin für Deutsch annehmen. – Dabei scheint weder die Stelle noch das Land in irgendeiner Weise reizvoll. Auch sprachlich wird Pia nicht auf ihren Aufenthalt in Moldawien vorbereitet. Irgendwie lieblos. Ist ja nur Osteuropa. Und Pia unterrichtet schließlich Deutsch.

Wie bereits geahnt gestaltet sich das Dasein in Chisinau etwas eintönig. Trist sind Architektur und Menschen. Es gibt kulturell nichts zu erleben. Als Pia eines Nachts von Schüssen aus dem Schlaf geschreckt aufwacht, ist das der Beginn einer Abwechslung, die sie sich so ganz sicher nicht gewünscht hat.

Mosaikstein fügt sich an Mosaikstein. Im Spielscasino des "Seabeco", einem renommierten Hauskomplex, beobachtet Pia wie ein Spieler pausenlos gewinnt. An mehreren Tagen. Das "Seabeco" genießt in den westlichen Medien einigen Bekanntheitsgrad. Es soll mit den verschwundenen Millionen der KPDSU, dem KGB und der Mafia in Verbindung stehen. Das Unternehmen hat seinen Sitz in Zürich und gehört dem Schwiegersohn des Staatspräsidenten. Was liegt näher als an Geldwäsche zu denken?

Pia besucht mit dem österreichischen Lifestyle-Journalisten Rudi Pacher, eine nächtlichen Zufallsbekanntschaft in einer Bar, den Weinkeller in Cricova. Der Weinkeller, Perle des Landes, soll den Göhringschen Weinkeller beherbergen. Ion Rusnac, Manager des Weinkellers, führt die Beiden durch das feuchte Raritätenkabinett.

Wenig später werden sie und der bereits wieder nach Österreich zurückgekehrte Pacher des Diebstahls an mehreren Göringschen Weinflaschen bezichtigt. Das Lasso ist bereits ausgeworfen. – Als Pia ihren Exfreund Wilhelm in Odessa, der angrenzenden Ukraine, besucht, versucht jemand, in seine Wohnung einzubrechen. Wilhelm ist Manager und arbeitet in einer BMW-Niederlassung. Pia folgt dem Einbrecher und begibt sich dabei in Lebensgefahr. - Die Fäden, die Normalität und Sicherheit bedeuten, beginnen allmählich zu reißen.

Dann geschehen – Pia kehrt nach Chisinau zurück - zwei Bombenattentate. Eines auf das "Seabeco", wenig später auch auf die Banca de Economii. Als Pia schließlich Aliona, die Dame vom Croupiertisch des "Seabeco", in ihrem Aufzug findet. Erschossen. Weiß sie, dass sie die Nächste sein wird. Ein Wettrennen beginnt. Pia hofft, dem Damoklesschwert zu entrinnen und nimmt einen vorgezogenen Weihnachtsflug nach Deutschland. Zu spät - wie man weiß.

"Moldawisches Roulette" ist Elfi Hartensteins erster Roman. Die Autorin, die selbst als Deutschdozentin in Moldawien lebte, hat ihre Ortkenntnis und –liebe in diesen Krimi einfließen lassen. Neben einem spannenden Krimi schrieb Elfi Hartenstein einen Roman, der das unbekannte Moldawien Europa ein Stück näher bringt und verständlich macht. Mit all seinen Qualitäten aber auch Defiziten. Und seiner grausamen Vergangenheit, zu der auch der unterirdische Gulag, ein Vernichtungslager, der stalinschen Ära gehört, das erst Mitte der 90er Jahre wieder entdeckt wurde.

"Elfi Hartenstein (*1946) in Starnberg. Studierte Germanistik und Geschichte. Sie war viele Jahre Lehrerin in Bremen, arbeitete im dortigen Frauenliteraturverlag Zeichen & Spuren und war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift "Schreiben". Seit 1989 lebt sie als freie Autorin, Übersetzerin und Lektorin in Regensburg – mit gelegentlichen Abstechern als Deutsch-Dozentin nach Moldawien, Rumänien, in die Ukraine, nach Kasachstan und Kirgisien. Sie erhielt bereits zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen. Im Mai 2003 war sie Gast der Weidener Literaturtage. Zuletzt von ihr erschienen: "Geschichten im herbst" (2001). www.elfi-hartenstein.de " (dtv)



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