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krimirezension ab 2003-2013

 

Gisela Friedrichsen
"Ich bin doch kein Mörder"
(Gerichtsreportagen 1989-2004)
DVA München 2004
ISBN 3-421-05781-8
22,90 €

Von Honecker, "Dagobert" und Mannesmann zum "Heidemörder"

von Barbara Keller


Wer noch nicht genug hat von Gerichtsreportagen auf ‚berlinkriminell’, sei auf die gesammelten Gerichtsberichte von Gisela Friedrichsen "Ich bin doch kein Mörder" (1989-2004) hingewiesen. Die wohl derzeit bekannteste Gerichtsreporterin der Bundesrepublik schreibt seit 1989 für den "Spiegel", vorher in der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Im Spiegel Buchverlag erschienen jetzt ihre zwischen 1989 bis 2004 entstandenen Reportagen. Reportagen, die einfühlsam sowie kenntnisreich die schwierige Problematik Strafprozess angehen und sich eigene wichtige Positionen erlauben. – Ein Buch, das auch auf Probleme, Grenzen der Rechtssprechung aufmerksam macht. Ein wichtiges Stück Zeitgeschichte.

In 38 Gerichtsreportagen á acht Kapiteln berichtet die Autorin über die spektakulärsten Strafprozesse der Nachwendezeit. Dazu gehören natur- und zeitgemäß die Prozesse gegen Mitglieder des ehemaligen Politbüros der DDR und gegen Spione innerhalb des BND. Aber auch Prozesse zu so genannten "Altlasten", die das Ende des Kalten Krieges erst ermöglichte. Weitere Berichte betreffen Prozesse wegen Straftaten aus rechtsradikaler Gesinnung (Hoyerswerda), Mord (Mord des Wiener Volksschauspielers Walter Sedlmayr), Totschlag (Hooligans von Lens/Fußball-WM), sexuell motivierte Straftaten (Ronny Rieken), Betrügereien (Arno Funke alias "Dagobert"), Beziehungstaten (Pastor Klaus Geier). Ein letztes Kapitel beschäftigt sich mit problematischen Fällen der Rechtsfindung und des Strafvollzugs.

Dabei sind sie es alle. Die Prozesse. Nicht nur spektakulär, sondern auch problematisch. Zum Beispiel der Prozess Honecker & Co. – Darauf hatten viele gewartet. Dass es dem senilen Patriarchen endlich an den Kragen ginge. Nichts schien natürlicher, als ihm und seiner Gattin Margot einen festen Wohnsitz in einer kleinen Neubauwohnung in Berlin Marzahn zu verordnen. Unter den Seinen und an einem Ort, den er den Untertanen schließlich selbst als selig gepriesen hatte. Doch dann mutiert der Prozess 1992 zu einem Wettlauf mit der Krankheit Krebs. – Aber auch so stellt sich die Frage: wie kann ein seriöses Gericht auf dem Boden demokratischen Rechts jenseits von Guantánamo-Lösungen Diktatoren angemessen richten?

Oder der Prozess gegen den Grafiker Thomas Holst, den "Heidemörder". Ebenfalls 1992. Bevor Holst weitere Frauen vergewaltigte und ermordete, tat er einer 19jährigen Gymnasiastin Gewalt an. Trotzdem das Mädchen schilderte, mit dem Messer bedroht worden zu sein, erkannte das Gericht nur auf "Nötigung", nicht auf Vergewaltigung. Denn es fand sich an ihr nicht genug Spuren der Gegenwehr. "Heidemörder" Holst war am Vorabend von seiner Verlobten abgewiesen worden. Das Gericht ging von der Möglichkeit aus, Holst habe in seiner "sexuellen Not" das Fehlen von Gegenwehr als Zustimmung gedeutet. – Mit dem Messer in der Hand und nachdem er der Gymnasiastin den Hals ritzte?

Gesetze bedürfen berufener Auslegung. Sicher ist deren Spielraum wesentlich kleiner als der des Alten Testaments. Aber immer noch groß genug, um über Glück und Unglück eines Menschen zu entscheiden. Wie schmal der Grad ist, der den Einen mit bloßer Verwarnung davonkommen lässt, den Anderen lebenslang hinter Gittern verbannt, erschreckt. Gesetze sind nur das Geländer, an dem sich das soziale Leben der Gesellschaft orientiert. Vollstreckt, gehandhabt oder auch ausgenutzt werden sie durch Menschen. Die Verantwortung und sein Gewissen trägt jeder letztendlich selbst. Das machen Gisela Friedrichsens Reportagen immer wieder deutlich. Neben gelobten Richtersprüchen wie zum Beispiel der des Hamburger Vorsitzenden Wolfgang Göhlich 2000 gegen den seinerzeit als Amtsrichter fungierenden Ronald Schill gibt es deshalb immer wieder auch Kritik von Seiten der Autorin.

Manchmal reißt es allerdings auch Gisela Friedrichsen mit. Wie im Prozess um den Tod des 11jährigen Jakob von Metzler (2003). Soviel Verständnis die Autorin für die "unheimlichen Kinder" von Mölln aufbringt, die ihren Kumpel eiskalt mit einem "Bordsteinkick" erledigen. Für den geschniegelten Jurastudenten Magnus Gäfgen (28) und seine pekuniären Gelüste fehlt ihr offenbar einfach die Empathie. – Auch Gerichtsreportagen sind von Menschen gemacht.

"Gisela Friedrichsen ist die bekannteste Gerichtsreporterin Deutschlands. Ihre journalistische Arbeit führte sie zunächst zur "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Seit 1989 erscheinen ihre Reportagen im SPIEGEL. Sie veröffentlichte zuvor Bücher über den Mordfall Weimar (1988) und den Memminger Abtreibungsprozess (1989)." (DVA-Klappentext)



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