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krimirezension ab 2003-2013

 

Henrik Tandefelt
"Lauf, Helin, lauf!"
dtv Juni 2004
ISBN 3-423-24404-6
15,00 €

Weggeschaut

von Barbara Keller


Eigentlich hat Kriminalkommissar Knut Lindström Urlaub. Es ist Herbst, Nachsaison. Gemeinsam mit seiner Frau Ingbritt - Ex-Mittelstufenlehrerin - bezieht er das neue Haus in Småland. Freund Josef Friedmann, Fotograf, noch vom letzten gemeinsamen Ermittlungsalleingang angeschlagen, nimmt bei ihnen Unterkunft. Doch dann wird es nichts mit der beschaulichen Urlaubs-WG. Beim Abtrennen der Tapeten stößt Ingbritt auf einen alten Zeitungsartikel und mit ihm auf einen mysteriösen Todesfall auf dem Nachbargrundstück Hackult im Jahr 1977, in Boköping wird eine Schülerin vermisst und schließlich eine Tote in der Kanalisation gefunden. Der klassische Krimieinstieg: das Urlaubssyndrom.

Während Ingbritt die Ermittlungen zu Hackult neben den Renovierungsarbeiten in gemäßigtem Tempo nebenher betreibt, bringt Lehrer Arvid Lönnholm den Stein zu der Vermissten in Boköping ins Rollen. Arvid Lönnholm ist Ingbritts ehemaliger Kommilitone. Damals heimlich verliebt in sie, jetzt anderweitig verheiratet. Er macht sich Sorgen um seine Schülerin Helin Aras. Ein sympathisches, hübsches Mädchen. Sie ist fleißig, fehlt nie. Nun kommt sie schon seit mehreren Wochen nicht mehr zur Schule.

Weder Schulbehörde noch Polizei nehmen die Sache ernst. Helin ist Tochter einer kurdischen Asylantenfamilie aus der Türkei. Dass das Kind nicht zur Schule kommt, die ganze Familie verschwunden scheint, wundert die Behörden nicht. Als dann eine unbekannte Tote bei der Reinigung des Kanalsystems - einer Arbeitsmaßnahme für arbeitslose Jugendliche - gefunden wird, fürchtet Lönnholm um Leib und Leben Helins und seiner Mutter. Er wendet sich an Ingbritt. Das Ferienhaus der Lindströms in Småland mutiert zu einer Ermittlungszentrale.

Henrik Tandefelt zentrales Thema in seinem Kriminalroman "Lauf, Helin, lauf" ist - neben dem Frauenhandel mit osteuropäischen Frauen in Schweden und der Asylanten- und Kurdenproblematik - der desolate Gemeinsinn der schwedischen Gesellschaft. Der allgemeine Ausländer- und Schwulenhass kommen ebenso zur Sprache wie die "organisierte Intoleranz" schwedischer Bürger, die einen tatverdächtigen Kosovaren vorverurteilt in den Tod treiben und die in einer Demonstration gegen Rechts die homosexuellen Mitbürger ausgrenzen und kriminalisieren. Ein weiteres Thema ist die im Tenor liegende, immer wieder plötzlich und unvermittelt auftretende Aggression männlich jugendlicher Kleingruppen gegen Einzelne. - Ein Problem nicht nur für den passionierten Pädagogen.

Bauchschmerzen, die übrigens auch das "Ermittlerteam in Urlaub", insbesondere der Jude Josef Friedmann, teilt. Am Ende des Romans tritt ein frustrierter Knut Lindström wieder seinen unterbezahlten Job bei der Kripo in Boköping an, eine Waise ist in gute Hände gebracht, die Fälle sind notdürftig gelöst und Knut Lindström ernsthaft verliebt. Viel Stoff, der das Zeug auch für zwei weitere Kriminalromane hätte.


Henrik TandefeltHenrik Tandefelt, geboren in Helsinki. Unterrichtet "Medien" an einem Gymnasium in Småland. In den letzten Jahren auch in Finnland und Schweden als Künstler und Fotograf, am Theater und als Journalist tätig. "Lauf, Helin, lauf!" ist sein zweiter Josef-Friedmann-Krimi.



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