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krimirezension ab 2003-2013

 

Barbara Apel/Lotti Nass
"Roter Morgen"
Rowohlt April 2004
ISBN 3-499-23566-8
8,90 €

Im Dunst der Fühllosigkeit: Kellerleichen

von Barbara Keller


Herbst 1990. Linda Oldham, geborene Ziener, kommt zur Regelung von Erbschaftsahngelegenheiten aus den USA nach Deutschland. Ihre Mutter ist gestorben. Sie beginnt, den Haushalt aufzulösen und fängt mit dem Dachboden des mütterlichen Hauses in Zehlendorf an. Beim Packen findet Linda alte Tagebücher ihrer Mutter und erfährt, dass sie eine Stiefschwester hat. Annegret. Sie möchte ihre Schwester kennen lernen und in die Erbschaft einbeziehen. Die immer mysteriöser und schließlich gefährlich werdende Suche beginnt. Sie führt in die psychiatrische Klinik nach Berlin Ost/Köpenick und in die Vergangenheit.

Sumpfgrube Osten. Wie wir jetzt immer öfter hören, war ja nicht alles schlecht in der DDR. Zum Beispiel das Ampelmännchen, die Brigadefeiern und -ausflüge sowie ganz besonders der Karriereschleimschneckenweg in das gesicherte Altersmittelstandsleben Marke "ATA".

Nicht mehr ganz präsent scheinen den verzückt Träumenden: der permanente politische Ausnahmezustand und die Grauzonen Krankheit, Alter, Psychiatrie. Alles Dinge, die in einem gesunden, strahlenden Sozialismus, in dem immer alles unentwegt vorwärts ging, sich weiterentwickelte und entfaltete, keinen rechten Platz hatten.

In diesen Grauzonen spielt auch der gelungene, spannende Krimi der Autorinnen Lotti Nass und Barbara Apel. Und ihr Roman erzählt einiges mehr über die deutsche Einheit, über pubertärromantisches, linksextremistisches Engagement in den Siebzigern, Kriegs- und Nachkriegsschicksale und die drastischen Folgen einer ratlosen Kindheit mit psychisch kranker Mutter.

Zwei Frauen treffen in einer psychiatrischen Klinik des Ostens aufeinander. In Berlin Köpenick, DDR. Annegret als Krankenschwester. Franziska als Patientin. Annegret wird 1946 als vermeintliches "Russenbalg", Vergewaltigungskind, gegen das Tafelsilber seiner Familie an Adoptiveltern verscherbelt. Während ihre Familie, einstige Gutsbesitzer von Preetzow (Brandenburg) in den Westen, später in die USA geht, bleibt sie in der Ostzone, wird DDR Bürgerin in spe.
Franziska ist die Frucht eines Inzests, Spastikerin, wird jedoch als geistig Behinderte unter Medikamenten bettlägerig gehalten. Annegret kümmert sich um Franziska. Macht neben ihrer Pflegetätigkeit eigentlich nicht vorgesehene Bewegungs- Sprechübungen mit ihr. Als Franziska eines Tages tot in ihrem Bett liegt, heißt es: Herzversagen. Annegret fordert eine Obduktion.

Nach der "Wende" war manch alte Rechnung offen, manch Leiche nicht gehoben. - In "Roter Morgen" geht es um eine solche offene Rechnung. Zwei Schicksalsstränge, die zufällig aufeinander treffen, verzahnen sich zu einer Vorwende-Tragödie - oder besser: in ein Vorwendeverbrechen. Wer "Roter Morgen" gelesen hat, weiß spätestens auf Seite 252 wieder, warum das Missgebilde DDR zu Recht den Weg alles Vergänglichen ging. Sehr interessant, sehr spannend!



der MöhrenkillerApel/Nass: Roter Morgen
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