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krimirezension ab 2003-2013

 

Jill Paton Walsh/Dorothy L. Sayers
"Mord in mageren Zeiten"
Rowohlt März 2004
ISBN 3-499-23617-6
8,90 €

Zuviel gewusst: "Windy Wendy"

von Barbara Keller


Zweiter Weltkrieg. Auf adligem Grund, fern von London, schlägt sich Krimiautorin Lady Harriet Wimsey tapfer mit einer Kinderschar Verwandter durch. Lord Peter ist in geheimer Mission absent. Zwei Morde, ein ursächlicher Fliegerstützpunkt, ein Täuschungsmanöver des britischen Geheimdienstes, eine Fremdsprachenstudierte und eine adlige Fliegerwitwe mit unehelichem Kind bilden den Stoff, aus dem Walsh gelungener Sayer-Roman ist. Mit Stil, Qualität und Humor auch durch "magere" Zeiten. Walsh macht es in Sayerscher Art vor.

1936 schreibt Dorothy L. Sayers an ihrem letzten - von ca. 20 - Lord Peter Wimsey Krimi. Sie hat bereits sechs provisorische Kapitel und ein Handlungsdiagramm entworfen, als sie die Arbeiten daran einstellt. Als das Material 60 Jahre später auftaucht, beauftragen Sayers literarische Treuhänder Jill Paton Walsh (*1937) - Autorin der Imogen Quy-Krimis - mit der Komplettierung des Romans. 1998 erscheint "Thrones Dominations" (Deutsch: "In feiner Gesellschaft. Lord Peters letzter Fall"), von dem Ruth Rendell in der Sunday Times sagt: "Es ist unmöglich zu sagen, wo Dorothy L. Sayers endet und Jill Paton Walsh beginnt.

Mit dieser positiven Erfahrung wagten sich Treuhänder und Walsh an ein weiteres Projekt: "A Presumption of Death" (2002) - Deutsch: "Mord in mageren Zeiten" (2004). Zwar schrieb D. L. Sayers keinen weiteren Wimsey-Roman. Aber sie veröffentlichte zwischen November 1939 und Januar 1940 im "Spectator" die als "Wimsey-Papers" bekannten fiktiven Briefe der aus ihren Kriminalromanen bekannten Protagonisten. Mit der Erzählung "Talboys" (ca. 1942) geben sie letzte Nachricht von den Wimseys. Die Lebenssituation der Absender, die Schilderungen zeitgeschichtlicher Gegebenheiten bilden den Hintergrund für Walsh spannende Mordgeschichte "Mord in mageren Zeiten", die mit dem Abdruck einiger dieser Briefe beginnt.

Frühjahr 1940. Lady Harriet Wimsey hat sich mit den Kindern aus Furcht vor deutschen Fliegerangriffen aus London nach Talboy/Paggleham zurückgezogen. Hier hütet sie neben den eigenen, die Kinder ihrer Schwägerin Marie. Lord Peter Wimsey befindet sich auf geheimer, gefährlicher Mission in Schweden oder Norwegen. Er wird von der liebenden Gattin aufs schmerzlichste vermisst.

Die Zeiten sind "mager", man behilft sich mit Wenigem und teilt alles. Standes- und Geschlechterprivilegien scheinen irrelevant geworden. Am Abend des 17. Februar 1940 richtet das Dorf eine Tanzveranstaltung aus, die in einem Probealarm mündet. Auch die feschen Jungs vom Fliegerstützpunkt kommen.

Doch dann gibt es eine Tote. Die attraktive, lebenslustige, studierte "windige Wendy". Erschlagen durch ein paar kundige Handkantenschläge. Hier war ein Profi am Werk. - Da Privatdetektiv Lord Peter nicht verfügbar ist, wendet sich der völlig überforderte Superintendent Kirk an Lady Harriet (alias Krimiautorin Harriet Vane). Die Ermittlungen beginnen.

Verdächtig sind einige Möchtegernliebhaber der unfreiwillig Verblichenen, die Jungs vom Stützpunkt, aber auch die verrückte Zahnklempnerin Mrs. Spright. Der Kreis der Verdächtigen nimmt zu. Zum Glück erscheint Lord Peter wieder auf der Bildfläche. Stilvoller, verliebter in seine Gattin denn je. Mit ihm kommt auch der Aspekt des Spionageverdachts hinzu. Am 30. April 1940 dann geschieht einen weiteren Mord: der Hauptverdächtige, brutal dahingemäht im Schlachtraum der Wimseys.

Dorothy SayersDorothy Leigh Sayers (1893*, † 1957), Pfarrerstochter von altem englischen Adel, studiert in Oxford moderne Sprachen und ist damit eine der ersten englischen Frauen, die einen Universitätsabschluss erwerben. Nach der Veröffentlichung eines Gedichtbandes arbeitet sie (seit 1922) zehn Jahre in einer Londoner Werbeagentur. 1929 zieht sie - nach dem Tod ihrer Mutter - in deren Haus in Witham/Essex und verbringt dort den Rest ihres Lebens. Sayers schreibt Erzählungen, Kriminalromane, theologische, literarische Abhandlungen, Versdramen und Hörspiele. In ihren letzten Lebensjahren beschäftigt sie sich mit Übersetzungen ins Englische. Darunter das "Rolandslied" und "Dantes Göttliche Komödie".

Jill P. WalshSayers Kriminalromane, die sie mit ihrem realistischen Stil auf das Niveau des Gesellschaftsromans hebt, machen sie weltberühmt. Seit den 30ern ins Deutsche übersetzt, wurden ihre Kriminalromane mit der sorgfältig editierten Neuausgabe bei rororo TB in den 70ern einem breiten Publikum bekannt.
Ihre unglückliche Ehe, der ein unehelich geborener Sohn voranging, mag Anstoß gegeben haben zur Kreation des idealtypischen Helden Lord Peter Wimseys, dessen nichtadelige Gattin, Harriet Vane, als Krimiautorin auch autobiografische Züge trägt.
(unteres Foto: Autorin Jill P. Walsh)



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