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krimirezension ab 2003-2013

 

Thea Dorn
"Die Brut"
Manhattan Februar 2004
ISBN 3-442-54566-8
19,90 €

Reagenzglaskrimi:
Neues von der Spielwiese Mord

von Barbara Keller


Lifestile-Moderatorin Tessa Simon (Mitte 30) moderiert die hübsche Fernsehsendung "Auf der Couch". - Pseudopsychoanalytische Gespräche mit prominenten Talkgästen. - Ihr Partner Sebastian Waldenfels (Ende 40) ist ein erfolgreicher Schauspieler. Beide führen ein Bilderbuchleben des Wohlstands und Glücks, das sie selbst nicht begreifen. Natürlich ist alles Lüge und Tand. Und als der arme, kreischende Säugling, Victor Liam, über die Balkonbrüstung geht, hilft nur noch ein Märchen, um das alte Puppenleben weiterführen zu können.

1994 erschien Thea Dorns "Berliner Aufklärung" (bei Rotbuch). Seitdem ist die gebürtige Offenbacherin (*1970) als Enfant terrible und "Deutschlands brutalste Schreiberin" aus dem medialen Literaturbetrieb nicht mehr wegzudenken. Sie hat alles, was im Unterhaltungsbetrieb der Tagespresse gut durchläuft: Ansehnlichkeit, Jugend, Schlagfertigkeit, Intelligenz, Humor. Die Philosophin Thea Dorn - eigentlich Christiane Scherer - ist ihre eigene Pressestelle. Und: sie hat die von vielen gefürchtete, von anderen erhoffte, real nicht existierende Serienmörderin mit romanhaftem Leben erfüllt.

Mit ihrem ersten Roman ("Berliner Aufklärung") zieht die damals 24Jährige gegen den eitlen Universitätsbetrieb zu Felde. Eigentlich sollte Thea Dorn - damals Philosophiestudentin an der Freien Universität Berlin Dahlem - ihre Magisterarbeit schreiben. Aber dann legt sie stattdessen einen Krimi vor, in dem das Opfer - ein Professor - in 54 Gefrierbeutel verpackt in den Uni-Postfächern landet. Das provokante Thema ihrer Magisterarbeit wird später lauten: "Wie täusche ich mich selbst?"

Seit "Berliner Aufklärung" sind drei weitere Kriminalromane erschienen. Alle drei provokant und eigensinnig. So lässt Thea Dorn in Hirnkönigin aus blankem Eigensinn eine Serienmörderin ihr bluttriefendes Unwesen treiben. Die Opfer: Bibliothekare, Chefredakteure, Musikkritiker und Bildhauer. Serien- und Lustmörder sind aller Erfahrung und wissenschaftlich psychologischer Kenntnis nach männlich. Einem höheren Sinn ist Thea Dorns Reagenzglasmischung serienmordende Frauenpsyche allerdings nicht geweiht. "Just For Fun!" und Provokation.

"Just For Fun" ist wohl auch der jetzt bei Manhattan erschiene Kriminalroman "Die Brut". Provokation sowieso, wo derzeit in Deutschland mit allem Krampf Familiensinn und Nachwuchsbewusstsein beschworen werden. In "Die Brut" haben ein erfolgreicher Schauspieler fortgeschrittenen Alters (Sebastian Waldenfels, Ende 40) und eine erfolgreiche Moderatorin (Tessa Simon, Mitte 30) zueinander gefunden. Alles läuft wie nach Drehbuch. Die Karriere, das schöne Haus, der gediegene Lebensstil, die gehobenen Ansprüche, die traumhaften Quoten. - Eine zauberhaft geschniegelte Paparazzo-Vorlage. Aber dann beschleicht den Leser das Gefühl, "hier stimmt was nicht". Das dünne Eis. Es ist doch ein Krimi? Und richtig, da gibt es eine Email, die den Bilderbuch-Lover Sebastian der Untreue zeiht, anonyme Anrufe. - Aber dann passiert doch wieder nichts.

Thea DornEin Kind wird geboren, die Karriere beackert. Es kommt zu einem dramatischen Heiratsantrag am Löwenkäfig. Und als der Leser schon resigniert aufgeben will: "doch kein Krimi!" - auf Seite 290, 69 Prozent der "Brut" sind durchfrustet - da passiert es: das Kind fällt vom Balkon. Mit diesem Kind geht allerdings plötzlich lawinenartig auch der Rest des gloriosen Glanzes des aseptischen Paares Waldenfels den Bach herunter. In Windeseile startet eine weibliche Rettungsaktion a lá "wie die Katze den Dreck verscharrte". Denn "mein Gott, wie peinlich: ein totes Kind!" Die Aktion gelingt mit einigem Anteil Märchen. Ungläubig klappt man das Buch zu: Ist schon schlimm so ein Promileben. (Thea Dorn Bild links!)



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