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krimirezension ab 2003-2013

 

Thomas Flemming, Bernd Ulrich
"Vor Gericht"
be.bra Verlag 10.2005
ISBN: 3-89809-063-9
19,90 €

Vor dem Kadi: die letzten 50 Jahre

von Barbara Keller


Kurz vor Jahresende 2005 lassen die Autoren Thomas Flemming und Bernd Ulrich die deutschen Prozesshighlights der letzten 50 Jahre noch einmal Revue passieren. Angefangen mit der tragischen Geschichte Otto Johns, dem Präsidenten des Verfassungsschutzes, dem die deutsche Einheit so sehr am Herzen lag, dass er Mitte der Fünfziger eine konspirative Reise in die DDR unternahm, über die Prozesse des Juni-Aufstandes 1953, berühmte Morde wie beispielsweise des Jürgen Bartsch, die Baader-Meinhof-Prozesse und, und, und ... endend mit einem Beitrag über den Berliner Honnecker-Prozess (1992/93), der wegen der schweren Krebserkrankung des ehemaligen Staatschefs abgebrochen wurde. - Ein spannend aufschlussreiches Buch, das zeigt, wie und dass Rechtssprechung Geschichte macht.

Fünfzehn Gerichtsprozesse setzen die Autoren Flemming und Ulrich mit ihrem Buch in den passenden zeitgeschichtlichen Rahmen. Gut recherchiert und mit Querverweisen belegt. Insbesondere die politischen Prozesse geben dabei den spezifischen Geist der Zeit ob in Ost oder West wieder.

Während die DDR ihr wahres, weil despotisches Gesicht spätestens mit den "Waldheimer Prozessen" (1950) offenbart, vermeintliche Landesverräter in den Prozessen um den Juniaufstand 1953 aus dem Weg räumt und die Reformer Harich und Janka, die ermutigt durch die sowjetische Tauwetterpolitik ein kühnes Wort wagen, im Zuchthaus Bautzen landen, hat die BRD ihre späten Auschwitzprozesse 1963-65, das KPD-Verbot 1957, die "Spiegelaffäre" (1962), die Baader-Meinhof-Prozesse (1975-77), den Prozess um den "Kanzlerspion" Guillaume und den Prozess um den § 218, den Frauenarzt Dr. Horst Theissen (1989).

Aber nicht nur die politischen Prozesse geben das gesellschaftspolitische Flair jener Zeit wieder. So ist beispielsweise auch der Mord an der eigenwilligen Frankfurter Nobelprostituierten Rosemarie Nitribitt (1957) ein Barometer der moralischen Vertracktheit der Wirtschaftswunder-BRD. Nitribitt, eine selbstbewusste, tüchtige Geschäftsfrau, die wie keine andere den wirtschaftlichen Aufschwung beim Schopf packt. Mit einem Cabriolet und ihrem Hündchen durch die Gegend chauffiert und selbst die Freier vom Straßenrand sammelt, um schließlich nur noch die Feinsten der Besten als Kunden zu haben.

Oder das Verfahren gegen den Serienmörder Jürgen Bartsch (1967). Bartsch, damals mit 19 Jahren noch minderjährig, wird in einem Sensationsprozess zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Erst eine Revision, in der der heutige Staranwalt Rolf Bossi einen psychologischen Gutachter und die verminderte Schuldfähigkeit des Angeklagten ins Spiel bringt, ändert die Sicht der Dinge. Plötzlich geraten die Adoptiveltern des fehlgelenkten Delinquenten in den Focus der Beachtung. Sie schienen nun die wahren Schuldigen zu sein.

Mit ihrem Buch "Vor Gericht" zeigen die Autoren Flemming und Ulrich neben wichtigen zeitgeschichtlichen Reflexionen nicht nur die gewöhnlich systemnahe Schwerfälligkeit des juristischen Apparates, sondern auch seine schlangenhafte Wendigkeit, wenn er denn will. Zum Beispiel mittels der "Radbruch'schen Formel"* (1946) von der angenommenen naturrechtlichen Gerechtigkeit angewandt auf die Politiker des Unrechtsregimes DDR, die in den Prozessen gegen NS-Verbrecher jedoch nicht ins Spiel gebracht wurden. - Aber lesen und staunen Sie selbst.


"Thomas Flemming, geboren 1957, studierte Geschichte, Germanistik und Philosophie an der FU Berlin. Publizist und Historiker, zahlreiche Veröffentlichungen insbesondere zur Nachkriegsgeschichte und Geschichte Berlins, Mitarbeit an historischen Ausstellungen, u.a. zum Ersten Weltkrieg im Deutschen Historischen Museum. Im be.bra verlag erschien zuletzt: »Kein Tag der deutschen Einheit. 17. Juni 1953«."

"Bernd Ulrich, geb. 1956, ist Historiker und Publizist in Berlin. Mitarbeit an historischen Ausstellungen. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Militärgeschichte und zu den beiden Weltkriegen. Zuletzt erschien ein von ihm und Manfred Hettling herausgegebener Band zum Bürgertum nach 1945."
(... sagt der be.bra Verlag.)

*
Radbruch’sche Formel
Der Konflikt zwischen Gerechtigkeit und der Rechtssicherheit dürfte dahin zu lösen sein, dass das positive, durch Satzung und Macht gesicherte Recht auch dann Vorrang hat, wenn es inhaltlich ungerecht und unzweckmäßig ist, es sei denn, dass der Widerspruch des positiven Rechts zur Gerechtigkeit ein so unerträgliches Maß erreicht, dass das Gesetz als "unrichtiges Recht" der Gerechtigkeit zu weichen hat.
Radbruch, SJZ 1946, 105, 107 = NJ 1997, 1 ff..



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