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krimirezension ab 2003-2013

 

Joey Goebel
"Vincent"
Diogenes Verlag 09.2005
ISBN: 3-257-06485-3
19,90 €

Gehobene Notzucht

von Barbara Keller


Vincent Djapushkonbutm ist sechs Jahre alt, als er eines der 457 Begabtenstipendien der "New Renaissance", einem brandneuen Tochterunternehmen des marktbeherrschenden Medienkonzerns IUI/Globe Terner, erhält. Persönliches Leid soll den Lieferanten gehobenen Mainstreams in spe produktiv halten. Sein Manager Harlan Eiffler sorgt persönlich für Vincents Leiderfahrungen. - Die Idee des todkranken Medienmoguls Foster Lipowitz, die Unterhaltungsbranche damit qualitativ zu heben, scheint zunächst aufzugehen. Als Lipowitz jedoch stirbt, verselbständigt sich das Projekt auf beängstigende Weise.

Unterhaltungsmedien heute, das muss flutschen und peppen, "was darf ich für Sie tun?", "ich besorg's dir!", "mit Rubbelmax" - das verlängerte Werbeclo, ausgekippt in die gute, fernsehzentrierte Stube. Kauf dies: Harry Potter, Skandal, Windeln, Wunderkosmetik, kauf das: Jahresrückblick - die schönsten Morde, du darfst, Schokolade, das Bier für danach ...

In den USA sind Werbemedien schon lange die zweite Haut der Realität, das Fastfoodsofa der Nation. Newcomer Autor Joey Goebel ist mit ihr aufgewachsen und hat sie in seinem zweiten Roman "Vincent" (im Original: "Torture the Artist") gnadenlos aufs Korn genommen:

Ausgerechnet Medienmogul Foster Lipowitz will den Mainstream der Unterhaltungsbranche besser machen. Das Ende der Fahnenstange seines Lebens ist erreicht. - Er möchte etwas Bleibendes hinterlassen und gründet mit "New Renaissance" eine Tochtergesellschaft, die junge, begabte Künstler heranzüchtet, welche später gehobenen Mainstream produzieren sollen.

Lipowitz lässt Vollstipendien für seine Special Academy in Indiana annoncieren. 457 Plätze sind als Einstieg avisiert. Als die bildhübsche Veronica Djapushkonbutm, 22 Jahre alt, allein erziehend, gerade schwanger mit einem fünften Kind, diese Annonce liest, sieht sie eine Chance, ihren sechsjährigen, sensiblen Vincent loszuwerden.

Vincent wird das beste Pferd im Stall von "New Renaissance". Doch der Weg zum Ruhm ist steinig, denn vom Vize des Unternehmens, Drew Prorms, rührt die Idee, die Künstler aus dem Leid heraus produktiv zu erhalten. So bekommt Harlan Eiffler, Vincents Manager, den Auftrag, seinen Zögling künstlich unglücklich zu machen.

Der erfolglose Musiker, Kritiker und Bankierssohn Harlan Eiffler hält sich an seine Vorgaben. Er vergiftet Vincents Hund, zerstört seine Lieben, zündet sein Haus an und macht ihn zu einer heimatlosen Waise, zu einem Menschen "ohne Liebe, ohne Hoffnung voller Kreativität."

Vincent vertraut seinem Ziehvater Harlan Eiffler bedingungslos. Sein künstlerischer Ruhm scheint nach seinem ersten Hit "All Out For You" vorprogrammiert. - Doch auf dem Gipfel von Vincents künstlerischer Karriere und Harlans persönlichem Glück kommt es zu einer Krise, stirbt der Ideengeber Forster Lipowitz, zeigt der Moloch Medien seine Zähne. - Das Imperium implodiert und das Projekt verselbständigt sich in beängstigender Weise.

Wenn das Wachstum des Wachstum nicht mehr wächst und die Kaufkraft einer Nation nicht mehr so gut ist wie ihre Werbung, was bleibt? Gibt es ein Leben jenseits des billigen Glamours? - Der junge amerikanische Autor Joey Goebel parodiert die Medienbranche mit seinem Reagenzglasexperiment "Künstlerleid" und bietet erstaunliche Ausblicke.


"Joey Goebel ist am 2.9.1980 in Henderson, Kentucky, geboren und dort aufgewachsen. Mit fünf Jahren schreibt er seine erste Story, obschon er sich bald ein Leben als Punkrocker erträumt und als Leadsänger mit seiner Band The Mullets fünf Jahre lang durch den Mittleren Westen bis nach Los Angeles tourt. Sein erster Roman, The Anomalies, erschien 2003 in den usa und ist für Herbst 2006 unter dem Titel Freaks bei Diogenes in Vorbereitung. Joey Goebel hat einen B.A. in Anglistik vom Brescia College in Owensboro, Kentucky." (... sagt der Diogenes Verlag)


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