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krimirezension ab 2003-2013

 

daniel s. kallen
"und töte frauen, kinder & säuglinge ..."
sequenz 2003
ISBN 3-935977-16-6

Der Markion aus Sutz-Lattrigen

von Barbara Keller


"Kriminell" ist auch Daniel S. Kallens Leugnen der Bibel als Grundlage des christlichen Glaubens. "Kriminell", weil er praktizierender Pfarrer in der Schweiz ist. Kallen lehnt die "heiligen Texte" als faschistoid und frauenfeindlich ab. Ja, er fühlt sich von ihnen regelrecht "angewidert". Das Sturmfeuer, das Kallen damit innerhalb der geistlichen Zunft entfachte, wird hoffentlich neben ersten Zurückweisungen auch Diskussion auslösen. Unter den Gläubigen ist sein Buch längst populär.

Wäre Daniel S. Kallen einige Jahrhunderte früher geboren, hätte es im vergangenen Jahr sicher ein pompöses Autodafé gegeben. Eine Ketzerverbrennung zur allgemeinen Läuterung, Abschreckung und nicht zu vergessen: zum gemein ergötzlichen Amüsement. Ein paar Jahrhunderte hieße im Übrigen für Preußen - diese Rezension stammt aus Berlin - nur sechs Generationen zuvor. Denn eine letzte, vereinzelte Hexe brannte in hiesigen Landen noch Anfang des 19. Jahrhunderts lichterloh.

Der Anlass? Kallen - Pfarrer in Sutz-Lattrigen (Schweiz) - unterzieht die Grundlage des christlichen Glaubens, die Bibel, seiner gnadenlosen Kritik. Nicht nur das Alte Testament, auch das Neue Testament ist seiner Meinung nach dem Glauben einer heutigen, kosmischen, globalisierten Welt nicht mehr zumutbar.

In zwölf Essays entwickelt Kallen seine Gedanken hierzu, die sich nicht an den auserwählten Leserkreis der Theologen wendet. (Die dürften kraft ihres Theologiestudiums bestens unterrichtet sein.) Nicht nur. Vor allem möchte Kallen den zweifelnden Gläubigen Denkstoff in die Hand geben und sie in ihren Zweifeln bestärken.

Worum geht es? Das Alte Testament als auch das Neue sind vor zwei und mehr Jahrtausenden kanonisierte, zusammengestellte Texte. Textauswahlen summiert zu der Bibel, die den Gläubigen noch heute als jungfräuliche Wundergeburt präsentiert wird - als das alleinseligmachende Wort Gottes. Die Texte des alten Testamentes sind vor allem national dogmatische Schriften, die den Hebräern politischen Zwecken dienten. Die Texte des Neuen Testaments sind nicht weniger dogmatisch und dienen den nämlichen Zielen - politisch bezogen jedoch auf eine mögliche Weltherrschaft. Ließ sich mit dem Alten Testament gerade mal der Nahe Osten beherrschen, erlaubt der christliche Glaube die Bekehrung aller Ungläubigen der Welt mit dem Schwert. - In seiner Intention angelegt wie der islamische Glaube.

Alles Auslegungssache? Die moralischen Winke und Anleitungen des Alten und Neuen Testamentes gehören ihrem Wesen nach in eine patriarchale Kultur des Vorderen Orients vor ca. 2000 Jahren. Welche rhetorischen Verrenkungen ein moderner Theologe vollführen muss, um "Gottes Wort" seinen ihm anvertrauten Schäfchen heute glaubhaft zu machen und wie viel Fantasie - das kann man wohl erahnen. Vielleicht gehört auch eine Portion Zynismus dazu, Bruder- und Vatermordgeschichten, entsprungen den Mythen israelitischer Stämme von "anno dunnemals", einen zeitgeschichtlichen Sinn anzudeuten.

Kallen geht in seinen Essays ganz ins exemplarische Detail. Wozu diese patriarchalen Brummbären, Mord und Todschlag, Rache, Drohungen und Rinnsale voll Blut? Wo ist das historische Erbe weiblicher Götter, fragt Kallen? Auch auf den unhistorischen Erlöser des Neuen Testaments - den griechischen Mysterienkulten entsprungenen Jüngling - kann Kallen laut Essays verzichten.

Kallen sagt es klar und deutlich und macht es vor allem:
p o p u l ä r. Er ist nicht der Erste, der diese Tatsachen aufdeckt und erklärt. Aber er ist einer der Ersten, die folgerichtig eine innerkirchliche Reform verlangen. Und sich damit vehementen Angriffen seitens opportunistischer Geistlicher und Kollegen aussetzt.

Selbstverständlich wirft Kallens Buch auch jede Menge Fragen auf: wie soll der christliche Glaube dann zelebriert, worauf gegründet werden? Diese Fragen sollen jedoch von der Kirche und deren Gläubigen beantwortet werden, die einen lebendigen Glauben vertritt.

daniel s. kallenDie Wertschätzung des geschriebenen Wortes hat ihren Ursprung übrigens im Nahen Osten. Es veranlasste die Schriftgläubigen jeder Zeit dazu, den Glauben zu Papier zu bringen. Wie sich eine skurrile Abart davon - das statische Verehren weder in den Kulturkreis noch in die Zeit passender Texte - in die Schweizer Berge festsetzen konnte. Fragezeichen. Vielleicht denkt man einmal darüber nach, die Bibel - wie einmal üblich - einfach weiterzuschreiben. (Daniel S. Kallen Bild links!)



der Möhrenkillerdaniel s. kallen:
Eigenwerbung!Barbara Keller, Sieht so eine Mörderin aus?
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