sitemap
Startnext Hexenberg Theater Kanzlei Hoenig
der Möhrenkiller
zur Startseite
Mitfahrgelegenheit, blablacar

berlinkriminell.de
krimirezension ab 2003-2013

 

Grimes, Martha
"Inspektor Jury spielt Domino"
rororo Deutsche Erstausgabe
320 S.,
Tb € 7,90 / sFr 14,10
ISBN 3-499-15948-1

Verschrobene Singleparadiese

von Barbara Keller


Martha Grimes (*1931). Wer hat noch nicht einen ihrer spannenden, griffig schlüssigen Krimis gelesen oder irgendwie schon einmal ihren Namen gehört. Anfang der 80er Jahre debütierte sie mit "The Man With A Load Of Mischief", deutsche Ausgabe: "Inspektor Jury schläft außer Haus". Bei Inspektor Jury, dem Single-Kommissar als Hauptsympathieträger, ist es seitdem geblieben.

18 Juryromane sind in der Zwischenzeit erschienen. Und sechs Nicht-Jury-Bücher. Die der Autorin allerdings auch zahlreiche Hasszuschriften von sich plötzlich verlassen fühlenden Fans eintrugen. Martha Grimes, Tochter einer Hotelbesitzerin in West Maryland und eines Pittsburgher Rechtsanwaltes ist heute 72 Jahre alt. Sie lebt in Washington D. C. und Santa Fe, New Mexico. Die Figuren ihrer Romane sind ausnahmslos verquaste Gestalten. Zumeist Single aus Überzeugung oder wider Willen - wie Inspektor Jury. Dessen potenzielle Braut nicht selten das Mordopfer selbst ist.

Der Handlungsort: in der Regel England. Alle Jurybücher tragen Titel englischer Pubs. Grimes, die im englischen Pub das "Herz Englands" sieht, dazu: "Pubs ... mein Gott. Ich glaube, ich könnte in einem Pub leben. Die Menge an Bier, die ich dort schon niedergemacht habe, ist fast peinlich." (Washington Post, Juli 1983) Zur Wahl ihres Protagonisten Inspektor Jury sagt Grimes: "... er sollte ein Mann sein, der Frauen wirklich mag und sie respektiert." Auf das Erscheinen des letzten Krimis auf dem deutschen Markt - "Foul Matter", eine knallharte Abrechnung mit dem amerikanischen Verlegermarkt - wird noch gewartet.

Warum sich in der Zwischenzeit nicht noch einmal einen von Grimes frühen Büchern vornehmen? Zum Beispiel "The Old Fox Deceiv'd" (1982), deutsch "Inspektor Jury spielt Domino" (1987). Grimes zweiter Krimi.

Rackmoor. Nebel, Schnee, Sturmböen, weite Moorlandschaften. Eiskalter Winter in einem Fischerdorf an der Nordseeküste. Es ist die Nacht vor dem Dreikönigsfest. Im "Alten Fuchs" hält Maler Adrian Rees Reden über Dostojewski und das sühnefreie Verbrechen. Auf dem schmalen Steig zur Kirche - der "Engelsstiege" - wird eine Frau ermordet. Sie ist als Domino verkleidet und geschminkt. Jetzt blutüberströmt. Verdächtig sind alle. Eine Spur führt zum adligen Anwesen Sir Titus Craels.

Der Hobbydetektiv Melrose Plant - kauziger, adliger Akademiker kommt ins Spiel. Und die nervige Tante Agatha - sozusagen als "running gag". Bis kurz vor Ende des Romans - des Mordens ist übrigens kein Ende - bleibt unklar, wer die Finger am Griff der Mordwaffe hat. Die schrullige Maud Blixenham, die Plant an eine Antilope erinnert und von der Jury meint: "Wo Maud Blixenham auch entlangging, hinterließ sie Schleier und Haarnadeln." Der schöne, blonde Nichtsnutz Julian Crael? Oder gar der von seiner Mutter verlassene, lebenstüchtige Bertie Arnold?


Martha GrimesDer einzig Normale in dieser Ansammlung von Exzentrikern scheint übrigens der durchgeknallte 16jährige Les, Amerikaner auf Besuch zu sein. Er macht schließlich die entscheidende Beobachtung. Grimes breitet vor dem Leser ein Dorf-Universum tragischer Verstrickungen aus. Trotz Mord und Totschlags sowie der Abwesenheit jeglicher Liebshändel fühlt der Leser sich behaglich. Über den Tabubruch helfen Grimes augenzwinkernd eingebrachte Slapstick-Elemente, die teils stilisierten Personen, der philanthropische Webteppich des Verständnisses, den Grimes dem Leser webt, und nicht zuletzt die Freude an Grimes Metaphern. Wie bei der Beschreibung der Bibliothekarin Miss Cavendish: "Ihr fahles Gesicht war wie ein altes Buch mit braunen Flecken übersät. Und wenn sie sich bewegte, hörte man ein Rascheln und ein leichtes Knirschen, als würden sich ihre Seiten lösen."



der MöhrenkillerMartha Grimes: Inspektor Jury spielt Domino
Eigenwerbung!Barbara Keller, Sieht so eine Mörderin aus?
Kanzlei Hoenig