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Gerichtsreportagen


Kein Mord ohne Auftrag - Kronzeuge im Prozess gegen Hells Angels


von C. Rockenschuh

20.12.2014, 15. Große Strafkammer, Saal 500
Seit Anfang November verhandelt eine Schwurgerichtskammer des hiesigen Landgerichts gegen elf Männer, großteils Mitglieder der Hells Angels, die Anfang dieses Jahres einen Türsteher ermordet haben sollen. Als Auftraggeber des mutmaßlichen Racheakts gilt Hells-Angels-Präsident Kadir P. Lediglich ein Angeklagter, der Schütze, hat sich bislang teilweise eingelassen und die Tat als Notwehrakt geschildert. Ein mitangeklagtes Ex-Member der Hells Angels, Aussteiger Kassra Z., sagt nun rückhaltlos gegen seine ehemaligen Club-Brüder aus ...
Weitere Beiträge zu dem Verfahren...

Im bürgerlichen Leben tauchen die militärisch strukturierten Hells Angels (neben-)beruflich oft als Türsteher auf. Selbst seriöse Veranstalter nutzen gern den verlässlichen Securitydienst Zeuge Kassra Z. mit Sicherheitsbeamtender martialisch auftretenden Herrn. Als Einkunftsquelle der Hells Angels werden jedoch immer wieder Drogenhandel, Zuhälterei, Schutzgelderpressung ausgemacht. Schnittmengen zwischen Rechtsradikalen oder radikalen Islamisten und den Rockern bieten sich indes trotz teils geistiger Nähe nur theoretisch. Faktisch stört das laute Getöse von Nazis oder Salafisten und Co. das Geschäft und ruft die Ordnungshüter auf den Plan.

König von Deutschland

Besondere Empfindlichkeiten gibt es aktuell zwischen türkischen und deutschen Hells Angels um die Führung in Deutschland. Nach der Inhaftierung des Hells-Angels-Präsidenten Frank Hanebuth kämen der aus der Türkei agierende Neco Arabaci ("Der Schönling") aber auch Präsident Walter B. ("Schnitzel-Walter") für die Tronfolge in die engere Wahl. Es sei denn die Club-Chefs machen es wahr, wie kürzlich auf einer geheimen 'Weltkonferenz' in Izmir erwogen, und nehmen Neco Arabaci und seinen Gefolgsleuten die Kutten ab.

Der jetzt in Berlin angeklagte Hells-Angels-Präsident Kadir P., der sich vor seiner Festnahme auch einige Chancen auf den Tron der Hells Angels in Deutschland hätte ausrechnen dürfen, wird, wie Frank Hanebuth erst einmal einige Zeit aus dem Rennen sein.

Kronzeuge - 'der Perser'

Kassra Z., ein mitangeklagter Hells-Angels-Aussteiger und Kronzeuge nicht nur in diesem Verfahren, legt derzeit umfassend Zeugnis ab über den mutmaßlichen Mord vom Januar des Jahres. Seit dem 18. November 2014 lässt sich der Zeuge zu den Tatvorwürfen ein. Über mehrere Prozesstage verlasen die Anwälte Steffen Tzschoppe und Andreas Schuppan die Protokolle der Beschuldigtenvernehmungen und Zeugenaussagen ihres Mandanten. Seitdem beantwortet Kassra Z. die Fragen des Vorsitzenden Richters Thomas Groß.

Kassra Z., alias 'der Perser', war mit dabei, als am 10. Januar 2014 dreizehn überwiegend maskierte Hells Angels in das Café 'expekt' in der Residenzstraße, Weddingf, stürmten. Um "Präsenz zu zeigen", wie Kassra Z. sagt. Man sollte fragen, ob Tahir Ö. da sei. - Eine Anweisung des Bosses Kadir P. Doch dann tötete Recep O. mit mehreren Schüssen den gerade Karten spielenden Tahir Ö., mit dem es offenbar seit längerer Zeit "Stress" gab.

'Nummer Acht, das bin ich leider'

Die Kooperationsbereitschaft des ehemaligen Hells Angels überrascht. Der mittelgroße, muskulöse Mann - geschorener Kopf, Tattoos, graues Kapuzen-Shirt - spricht flüssig, ein gutes Deutsch. Sieben Sicherheitsbeamte sichern den Ex-Member der Hells Angels, der für die Zeit seiner Aussage den Panzerglas gesicherten Bereich verlassen darf. Wenn sich der Kronzeuge in den Zeugenstand begibt, hört man aus dem Publikum simuliertes Furzen, mancher zieht geräuschvoll den Speichel durch die Nase.

In den vergangenen neun Prozesstagen hat Kassra Z. die Mitangeklagten auf dem Überwachungsvideo identifiziert. Er hat detailliert den Tathergang geschildert, wie er sich für ihn darstellte. Kassra Z. berichtete über die Vorgeschichte, die mutmaßlich Anlass für den Gewaltexzess gewesen sein soll. Er erzählte, wie er selbst ein Jahr vor der Tat beim Präsidenten in Ungnade fiel und sich mit dem Austritt aus dem Club trug. Ein Schritt, der ihn mehr als 10.000 Euro gekostet hätte.

Der Zeuge berichtet von seiner Karriere bei den Hells-Engeln in Kiel. Dann von seiner Zeit in Berlin 2012 beim Charter des Kadir P. und seiner Arbeit als Türsteher. Anhand eines Gruppenfotos erklärt der Angeklagte die Funktionsweise des Clubs und die Aufgaben der einzelnen Mitglieder. Er nennte Namren. Die Hells Angels, so der Zeuge, seien innerhalb des Charters, national als auch international streng organisiert. Es gäbe eine nationale Kasse; die Kasse des eigenen Charters sei allerdings immer relativ klamm gewesen, wegen der mangelnden Zahlungsmoral der Mitglieder.

'Kadir ist kein Doofer'

Einen klaren Mordauftrag im 'Café Sahara' durch den MC-Chef Kadir P., wie von einem V-Mann angeblich geschildert, soll es jedoch eher nicht gegeben haben. Kassra Z.: "Kadir ist kein Doofer. Der würde sich nicht vor 40 Leuten hinstellen und sagen, bringt den mal um." Andererseits, so der Zeuge, würde niemand ohne Kadir P.s Anweisung oder Billigung jemanden töten. Der hätte alles unter seiner Kontrolle.

Dann berichtet Kassra Z. von den Drogengeschäften des Kadir P. am Nauener Platz und dem besonderen Führungsstil des Präsidenten. Entgegen der Maxime der Hells Angels, die da laute: "one man one vote", habe Kadir P. die Führung für sich in Anspruch genommen. Absolut. An allen Geschäften hätte er Beteiligung gefordert. Es sei zu verbalen Ausfällen, Tätlichkeiten gegenüber den eigenen Männern gekommen.

Soda-Club-Mord und mehr...

Kassra Z. macht darüber hinaus auch Aussagen zu Delikten, die von Hells Angels oder deren Supporter begangen wurden. So konnte zum Beispiel der Mord an dem Türsteher Sebastian K. im Herbst 2013, der sogenannte "Soda-Club-Mord", mithilfe des Zeugen aufgeklärt werden. Das Verfahren lief parallel am Berliner Kriminalgericht.

Zur Zeit beantwortet Kassra Z., der (gesondert untergebracht) später sicher in einem Zeugenschutzprogramm aufgenommen wird, die Fragen des Vorsitzenden Richters. Das Fragerecht wird dann an die Staatsanwaltschaft und die Verteidigung gehen. Das heißt, dass Kassra Z. noch ein paar Prozesstermine als Zeuge gehört wird.

Weiter am 6.1.2015, 9:45, Saal 500.

*Foto: Zeuge Kassra Z. separiert mit einem Sicherheitsbeamten hinter Panzerglas.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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