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Gerichtsreportagen


"Wo ich gesessen habe, war eine Mauer"


von C. Rockenschuh

13.01.2014, 30. Strafkammer, Saal 700
Dritter Tag der Hauptverhandlung. Prozess gegen drei Männer, die im März vergangenen Jahres mutmaßlich einen Mann in einem Wettbüro-Café in Charlottenburg angriffen und mit dem Messer schwer verletzten. Die Staatsanwaltschaft geht von einem Racheakt aus, da das Opfer im Zusammenhang mit einer schweren Körperverletzung aus 2010 als Zeuge gegen ein Mitglied des Abou-Chaker-Clans aussagte. Die Zeugen des hiesigen Verfahrens bringen bislang kaum Belastendes gegen die Angeklagten vor. Ein Gutachten von Dr. Karl Kreutzberg, Chefarzt im Berliner Krankenhaus des Maßregelvollzuges, soll nun klären, ob das Opfer der Messerattacke wie gewünscht in einer Videokonferenz aussagen wird oder überhaupt verhandlungsfähig ist....
Erster Prozesstag (6.1.2014) und weitere Beiträge zum Verfahren.

Am dritten Prozesstag weiß sicher auch der letzte Zuschauer und -hörer, wo die Reise hingeht. Mit I., einem arbeitslosen Dauergast des Café 48, ist heute ein dritter Zeuge gehört und mit ihm eine weitere Palette von 'keine Ahnung', 'weiß ich nicht'. Dabei ist der türkische Mitvierziger einer der vier Zeugen, die den Überfall auf Khalil Y. im Frühjahr 2013 hautnah erlebten.

Keine Menschen gesehen

Wie auf dem Überwachungsvideo des Wettbüro-Lokals Café 48 vom 16. März 2013 zu sehen ist, hält ein nicht vermummter Angreifer zwei der Kartenspieler, darunter I., rechts im Bild mit einem Stuhl und Faustschlägen in Schach. Zwei weitere Männer, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen und hinter Schals verborgen, gehen mit Fäusten und einem Messer auf Opfer Khalil Y. los, den ein vierter Kartenspieler zu verteidigen sucht.

Bei ihrer Vernehmung nach dem Überfall wussten die unmittelbaren Tatzeugen, insgesamt sind es acht, noch einiges zu berichten. Heute sagt Zeuge I.: "Wo ich gesessen habe, war eine Mauer. Ich habe keine Menschen gesehen." Oder: "Meine Gedanken waren woanders." Und dann auch: "Ich war leider ein bisschen betrunken." Große Flaschen Bier natürlich. Groß, sechs Stück.

Zweimal Kopfschmerzen

Über die Täter ist von ihm so gut wie nichts zu erfahren. Größe, Alter, Haarfarbe, Bekleidung. Fehlanzeige. Deutsche waren es jedenfalls nicht. Über das Motiv der Tat ist dem Zeugen auch nichts bekannt. Dabei hat er schon das "zweite Mal Kopfschmerzen bekommen" wegen Khalil Y. Das war, als dieser von Ali Abou-Chaker*, einem Mitglied der berüchtigten libanesischen Großfamilie Abou-Chaker, mit einem Messer angegriffen und im Gesicht verletzt wurde. Noch heute ist Zeuge I. darüber verwundert, wie Khalil Y. ihn als Zeugen "hineinpacken" konnte. Er hatte ja auch damals nichts gesehen.

Zeuge I. bestätigt erst nach langem, beharrlichen Fragen, dem Opfer des brutalen Angriffs nach dessen weitgehender Genesung mehrmals vor dem "Café 48" begegnet zu sein. Mal habe dieser ihn zu einem Kartenspiel, mal zu einer Runde Backgammon eingeladen. Doch der Zeuge speiste Khalil Y. mit Ausreden ab. Er erklärt dem Gericht: "Ich will mit dem Mann nicht sitzen!"

Alte Bekannte

Dabei kennt Zeuge I. "den Mann", mit dem er nun nicht mehr sitzen möchte und über den er zudem gar nichts zu berichten weiß, seit rund 15 Jahren. Zeuge I. gehört, wie die anderen zwei Kartenspieler der Tatnacht und wie Khalili Y., zu den Stammgästen des Lokals, die sich laut eines weiteren Zeugen "den ganzen Tag dort herumtreiben". Das Café 48, das in einem kriminellen Schwerpunktgebiet liegt, wurde wiederholt Ziel von Razzien. "Ich denke, so zwei-, dreimal", bestätigt Zeuge I. Einmal hätte die Polizei den Wettspielautomaten mitgenommen.

Konfrontiert mit einem Aktenvermerk des LKA, das ihn und seine drei Kartenspielfreunde, darunter auch Opfer Khalil Y., in Zusammenhang mit dem Dealen von Heroin bringt, fällt dem Zeugen I. nichts ein. Strafrechtlich vorbelastet ist er nach eigenem Bekunden jedenfalls nicht.

Auf zwei weitere Zeugen wird die Strafkammer vorerst verzichten müssen. Einer hat sich nach Auskunft der Gattin in den Libanon abgesetzt. Ein anderer wurde laut Erklärung des Zeugen I. von der gerichtlichen Ladung offenbar nicht erreicht.

Wer lacht, fliegt raus

Das Publikum, das dem Verfahren entspannt, teils belustigt mit einigem Sitzfleisch folgt, besteht offenbar zum großen Teil aus Bekannten und Verwandten der Angeklagten, die ihnen bei jeder sich bietenden Gelegenheit Mut zuwinken. Anfängliche Störmanöver der Zuhörer, die die Angeklagten unter anderem zu Lachkrämpfen anregten, blieben aus, nachdem der Vorsitzende Richter drohte: "Wer lacht, fliegt raus!"

Bizarre Angebote

Eine Kollegin berichtete in diesem Zusammenhang von einem bizarren Angebot, das ihr in einer Verfahrenspause zuteil wurde. Vor einem Café gegenüber dem Gericht verstellte eine Gruppe schwarz gekleideter Männer, die ganz offensichtlich Teil des Prozess-Publikums waren, den Eingang des Lokals. Ein Herr löste sich aus der Reihe und baute sich vor ihr auf. Ob sie Journalistin sei. Für welches Medium sie schreibe. Sie wüsste ja wohl, so der Wortführer amüsiert, dass die Herren von der Mafia seien. Man hätte "großartige Informationen" für sie. Kosten: 1.000 Euro. Ehe sie es sich versah, stand die Kollegin vor einem untersetzten jungen Mann, der plötzlich sein rechtes Auge aus der Augenhöhle löste. Ein Foto koste jetzt 1.000 Euro. 'Großartiges' Gelächter.

Der Prozess wird am Freitag, dem 17.1.2014, 9:30 in Saal 500 fortgesetzt.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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