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Gerichtsreportagen


Dämon Schultz - aus dem Zentrum der Stille


von Barbara Keller

Landgericht Berlin, 22. Strafkammer, 3.05.2013
Es war das Markenzeichen von Stephan S. (45). Unscheinbar zu sein, höflich, freundlich, dienstbeflissen. Eigentlich nicht da zu sein. In aller Stille bastelte der gelernte Kfz-Mechaniker derweil an tödlichen Rohrbomben. 2007 explodierte nächtlich unbemerkt eine erste Testbombe an einer Parkbank nahe des Plötzensee. 2011 blieb ein Sprengsatz am Nordufer des Spandauer Schifffahrtskanal ungezündet. Im August 2011 kam im Schillerpark, Wedding, bei einer Detonation ein Spaziergänger schwer zu Schaden. So hatte es Stephan S. gewollt. Er wünschte sehnlichst zu töten, zu zerstören.

Stephan S. kam so gut wie nie aus dem Stadtteil Moabit heraus. Hier wurde er geboren, ging er zur Schule, deponierte er seine Bomben fußläufig in Parks. der Angeklagte Stephan S.Nun ist er drin. In der Psychiatrie. Am 3. Mai 2013 sprach eine Schwurgerichtskammer des Berliner Landgerichts Stephan S. vom Vorwurf des zweifachen versuchten Mordes und der versuchten schweren Körperverletzung frei. Sie ordnete seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus an.

Man weiß so gut wie nichts über den heute 46-Jährigen, Sohn eines afghanisch gebürtigen Mannes und einer Deutschen. Stephan (Daniel) S.'s Leben hinterließ nicht viele Spuren. Es spielte sich vor allem auf der 'Insel Moabit' ab. Zwischen den Ufern von Spree, Spandauer Schifffahrtskanal, Westhafen- und Charlottenburger Verbindungskanal.

Hier kam der Angeklagte am 3. Oktober 1966 zur Welt. Hier besuchte er ohne nennenswerte Zwischenfälle die Oberschule, das Gymnasium. Und weil es nicht reichte, komplettierte er 16-jährig mit einem Realschulabschluss an der Fontane-Oberschule, gleich um die Ecke zum Berliner Landgericht, seine Grundschulbildung.

Mit 19 Jahren hatte Stephan S. seinen Kraftfahrzeugmechaniker in der Tasche. Er arbeitete fast 20 Jahre bei BMW. Er fand eine Frau, die ihn wieder verließ und bereits 1999 starb. In dieser Zeit muss etwas mit Stephan S. passiert sein. Aus dem locker, freundlichen Kollegen S. wird ein reizbarer, eigensinniger Mann.

Stephan S., den ein Kollege als 'Waffennarr' bezeichnet, zieht sich in eine eigene Welt zurück. 2004 meldet S. ein Online-Account bei Conrad Elektronik an, bastelt und tritt in Kommunikation mit seinem neuen Alter Ego 'Schultz', der ihn als Widersacher zu leiten beginnt. Das geht aus der Auswertung eines Computer des Angeklagten hervor. S. kündigt 2006 seinen krisensicheren Job bei BMW und kommt beruflich in Folge nicht mehr auf die Beine. Er wird Arbeitssklave von Zeitarbeitsfirmen, arbeitet zuletzt für 800 Euro netto den Monat als Maschinenfahrer für die Multi-Rental Zeitarbeitsservice GmbH.

Vier Jahre später notiert S. in seinem digitalen Logbuch: "Montag, 15. März 2010 ... Das einzige, das einigermaßen gut lief ist das ich mal wieder meine RBs weitergebaut ... habe". Aus einem auf dem PC abgespeicherten Abkürzungsverzeichnis geht hervor: RB's, das sind Rohrbomben.

Die scheinen seit mindestens 2010 ins Zentrum von S.'s Lebens gerückt zu sein. Der Angeklagte schreibt: "Ich schwöre bei meinem Leben, dass ich morden werde und Schultz lacht und sagt ich soll das tun ... Wenn ich sage 'um so schlimmer werde ich es machen', Antwortet Schultz "dann mach es eben schlimmer".

Am 11. September 2011, knapp vierzehn Tage vor seiner Verhaftung, schreibt S.: "Ich kann kaum noch abwarten zu morden. Ich will endlich Blut sehen. .... Ich liebe das Leid ... Ich will es so schlimm wie möglich". Da hat ein unschuldiger Spaziergänger bereits nachhaltig seine Gesundheit durch einen von S. abgelegten Sprengsatz eingebüßt.

Über die Online-Order von Elektronik-Bauteilen kommen die Berliner Ermittler dem privaten Krieger auf die Spur. Seine akribische Handarbeit beim Bau der Rohrbomben, sein Stil, überführt ihn ebenso wie seine digitalen Aufzeichnungen. Dennoch wird Stephan S. in einem letzten Wort am Ende des Prozesses im Mai 2013 sagen, er sei unschuldig. Er habe weder Sprengsätze gebaut, noch in Parks deponiert. Seine Anwälte, Rechtsanwalt Thomas Kuczynski und Verteidiger Alexander Funck, fordern deshalb Freispruch für ihren Mandanten.

Am 3. Mai 2013, am letzten Tag des Verfahrens, sind noch einmal Ärzte aus dem Berliner Maßregelvollzug zu hören. Sie sollen sich zur Geistesverfassung des Angeklagten äußern. Doch was lässt sich über einen Probanden sagen, der sich jeglicher Untersuchung verweigert, der sich zur Sache nicht einließ? Alle vier Mediziner erleben den Angeklagten als angenehmen. Die Aufzeichnungen lassen sich ihres Erachtens nur in eine Richtung interpretieren: Stephan S. muss unter paranoider Schizophrenie leiden. Genau sagen lässt es sich aber nicht.

Hätte Stephan S. seine digitalen Notizen nicht zu PC gebracht, er säße heute sicher wegen zweifachen versuchten Mordes eine lebenslange Freiheitsstrafe ab. So kam der vom Gericht beauftragte forensisch-psychiatrische Gutachter Christian Winterhalter jedoch zu dem Schluss: der Angeklagte ist ein 'Buchhalter mit doppelter Buchführung'. S. wart den Schein der Normalität, lebt aber insgeheim seinen eigenen Wahn, den er für die wahre Realität hält.

Es ist unterm Strich nicht viel, was wir über den Angeklagten Stephan S. wissen. Zuletzt war er ohne Kontakt zur Außenwelt. Sein Telefon blieb unbenutzt. Es gab keine Telefonate, keine Freunde, keine nahen Anverwandten. Nur die irre Idee, fanalhaft weh zu tun, zu zerstören. Weil 'Dämon Schultz' das so wollte.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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