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Gerichtsreportagen


Golf gegen Cherokee


von von Barbara Keller

Amtsgericht Tiergarten, 4.2.2011
Im Dezember 2009 kommt es zwischen den Haltern eines Golfs und eines Cherokee am Großen Stern im Tiergarten zu einem Kräftemessen. Lack splittert, Hupen ertönt, Nerven vibrieren. Der Halter des Golfs, der sich durch den Cherokee bedrängt fühlt, zwingt den 'Verkehrsgegner' in der Folge zum Halten und nötigt ihn, auf die Polizei zu warten...

"Gehn Sie sofort von der Tür weg!", kommandiert es erbost hinter mir. Es ist Verhandlungspause. Für fünf Minuten hieß es gerade. Ich drehe mich verwundert um und blicke erstaunt auf den heute angeklagten Winfried L. "Sie lauschen!", droht er und befielt. "Setzen Sie sich sofort in den Wartebereich!"

Tatsächlich habe ich in der Nähe der Tür zum Prozesssaal gestanden. Aber heimlich gehorcht? Ich widerspreche, bitte Herrn L., mich nicht zu belästigen. Ich bin Journalistin und halte mich für seriös. L. hört nicht auf zu drohen. "Sofort!", insistiert er und macht einen Schritt auf mich zu. Den Staatsanwalt, den Richter will er gegen mich auf aufbringen, damit ich mich endlich in die roten Schalenstühle den Flur hinunter links setze.

Der salopp in Nadelstreifen gewandete Brillenträger mit dem spärlichen Haarwuchs fordert jetzt, dass ich mich vorstelle und legitimiere. Ansonsten! Doch Herr L. wünscht vergeblich. Wenn es nicht mit rechten Dingen zuginge, müsste L. nun mit dem Fuß aufstampfen und sich der Boden auftun. Doch bislang steigt nur Rauch auf.

Einen Joker glaubt der heute Angeklagte noch zu haben: "Dann hole ich einen Justizbeamten!" Gut. Kurz darauf steht ein friedvoller Uniformierter vor mir und sieht mich fragend an. Gemäß der Maxime, dass der Klügere nachgibt, schlage ich vor, dass auch Herr L. sich in den Wartebereich begibt. Wegen der Chancengleichheit 'beim heimlichen Horchen': gesagt, getan.

Winfried L. (48) ist heute Angeklagter. Der Sohn eines Textilunternehmers und Anwalt für IT- und Medienrecht soll sich im Dezember 2009 und im Sommer vergangenen Jahres aggressiv gegen Straßenverkehrsteilnehmer verhalten haben. Winfried L. wird vorgeworfen, am 29. 12. gegen 13:40 einen anderen Autofahrer wegen seiner Fahrweise mit Dauerhupen bedrängt, schließlich überholt, zum Anhalten gezwungen, festgehalten und dann die Polizei gerufen haben.

Im Sommer darauf, so heißt es, soll Winfried L. abends um 20:40 Ecke Schönhauser Allee, Torstraße auf das Fahrzeug eines Taxifahrers eingetreten haben. Der Dozent einer Berliner Universität, Einkommen circa 40.000 Euro brutto, wie er freimütig erklärt, gibt sich am Tag der Hauptverhandlung gelassen weltmännisch. Zum Punkt Zwei der Anklage möchte er sich nicht äußern, aber bezüglich des Punktes Eins sagt er: "Das war alles ganz anders!"

Am frühen Nachmittag des 29. 12. 2009 sei er, Winfried L., mit seinem Golf am Großen Stern unterwegs gewesen, als ihn ein Cherokee von rechts bedrohlich nah kam. Winfried L. hätte gehupt, aber Werner F. (48) keine Notiz von seinen akustischen Warnsignalen genommen. Der Cherokee habe sich dann knapp in eine Lücke vor ihn gesetzt. Dabei soll es eine leichte Berührung beider Wagen gegeben haben. An der nächsten Kreuzung stellte der Angeklagte das bislang mutmaßliche Opfer in der in der Anklage beschriebenen Weise.

Werner F. , Designer aus Baden Baden widerspricht. Nach seiner Schilderung saß er in seinem schönen, großen Jeep, unterhielt sich mit seinem Beifahrer und bekam von den Hupereien nichts mit. "Ich bin ganz normal in eine frei werdende Lücke gewechselt", sagt Werner F. Der Angeklagte hätte ihn dann rechts überholt, gerammt und zum Halten gezwungen. Der Angeklagte drohte ihm, "wir würden alle Falschaussagen machen und dergleichen, ...., ich habe dann irgendwann nicht mehr zugehört."

Auf 1.700,00 Euro schätzt Werner F. den an seinem Auto entstandenen Schaden. Bei Winfried L. sind es rund 1.500,00 Euro. Der Rechtsanwalt des Angeklagten hakt nach: "Also es überholte Sie jemand von rechts, wie ein 'geölter Blitz', berührt Ihren Wagen, die Polizei macht Fotos von Ihrem Auto..." Werner F. unterbricht ungehalten: "Ich hab nichts mitbekommen. Ich hab das jetzt fünf mal gesagt. Gehts noch?!" Richter und Staatsanwalt sehen sich einen Moment in die Augen. Darauf erklärt der Staatsanwalt: "Ich rege eine kurze Denkpause an..."

"Gehn Sie sofort von der Tür weg!", kommandiert es erbost hinter mir. Es ist Verhandlungspause. Für fünf Minuten hieß es gerade. Ich drehe mich verwundert um...

Nein, keine Angst, ich fange nicht wieder von vorn an. Und der das zu mir sagte, war Winfried L. und nicht Werner F. Aber vielleicht hätte es auch anders herum sein können. Das schien wohl auch dem Gericht so. Das Verfahren wurde schließlich ausgesetzt. Der Vorsitzende Amtsrichter erklärte: "Wir machen hier heute mal nicht weiter." Ob es einen neuen Termin geben wird? Der Richter sagt: "Man wird sehen, wie sich das entwickelt."

· (alle Namen geändert)


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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