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Gerichtsreportagen


Herr der Treppen


von von Barbara Keller

Helmut Caspary ist seit 2004 als Hilfsschöffe und Schöffe am Moabiter Kriminalgericht. Als Vorstand des Landesverbandes ehrenamtlicher Richter betreut und schult er selbst Schöffen. Die Treppen des Gerichts misst er als Prozessbeobachter gezwungenermaßen nach Kilometern. Von missliebiger Öffentlichkeit und der zweifelhaften Ehre der Schöffen...
O-Ton Helmut Caspary... (mp3, 168 kb)

"Ein Vorsitzender Richter hat seine Kammer und Schöffen im Griff", sagte eine Richterin. Richter, das klingt groß und stolz. Schöffe, das klingt irgendwie nach 'na ja'. Nach nett und keine Ahnung. Geschworene, Laienrichter - das sind in Deutschland Volkspersonen, die ohne juristische Sachkenntnis Realitätsnähe verkörpern sollen, wo sich Volljuristen die Paragrafen um die Ohren hauen. Rund 60.000 soll es von ihnen hierzulande geben.

Zwei Schöffen per Gesetz beispielsweise in einer Schwurgerichtskammer, wo es um Mord- und Totschlag, um Kapitalverbrechen, geht. Die Zweidrittelmehrheit entscheidet. Stellen sich die Schöffen, übrigens mit vollem Stimmrecht wie der Berufsrichter, auf die Hacken, kann der Vorsitzende toben und rasen wie er will. Das Volk entscheidet (übrigens bei einem Stundenlohn von fünf Euro).

Das so verkörperte 'Volk' erscheint jedoch in der Regel recht verschüchtert und verstört zu seinem ersten Schöffeneinsatz in den labyrinthischen Hallen bar der Gnade. Meint, bar der Gnade, in auch nur irgendetwas eingeweiht zu sein. Gerade einmal Uhrzeit und Saal des Verfahrens wird den ehrenamtlichen Richtern mitgeteilt. Dass sie in kürze alles über das zu richtende Delikt erfahren, wissen die Neueinsteiger in der Regel nicht. Der Prozess, der öffentlich verhandelt wird, bringt bereits nach Klageverlesung, Einlassung des Angeklagten und ersten Zeugenaussagen Licht in dieses Dunkel. Bis 1924, das nebenbei, gab es in Deutschland als Errungenschaft der 1848er Revolution übrigens Geschworenengerichte. Zwölf Geschworene entschieden die Schuldfrage, während das Gericht das Strafmaß festsetzte.

Helmut Caspary ist, wenn auch 'Laienrichter', längst kein blutiger Anfänger mehr. 2004 begann der Informatiker schüchtern wie jeder neu Berufene als Hilfsschöffe am Landgericht. Caspary hatte sich auf einen Zeitungsaufruf hin beworben. Er sagt: "Ich habe meinen Berufsausstieg sorgfältig vorbereitet." Und weil sich sein Tennisverein auflöste, meinte der umtriebige Mann, der auch Arbeits- und Gesellschaftsrecht an der Humboldt Universität studierte, vielleicht am Landgericht ein ehrenamtliches Betätigungsfeld zu finden.

Am Tag seines ersten Einsatzes fragt Helmut Caspary, Schweißperlen auf der Stirn, einen Strafverteidiger, wie das hier denn lang gehe. Die Frage hängt peinlich in der Luft und bleibt ohne nennenswerte Ausbeute. Caspary sagt selbst von seiner Tätigkeit: "Schöffen haben an sich nicht so einen guten Stand. Auch nicht so einen guten Ruf, weil sie unbeleckt sind."

Das das nicht so bleibt, dazu wollte Helmut Caspary beitragen und trat dem Bund ehrenamtlicher Richter bei. Heute ist Schöffe Caspary Vorstand des Landesverbandes und seit zwei Jahren als Prozessbeobachter fast täglich auf den Fluren des Moabiter Kriminalgerichts anzutreffen. Er betreut und schult Schöffen. Nimmt sie im Gericht im wahrsten Sinn des Wortes schon einmal 'an die Hand'.

In den jetzt sechs Jahren ist er ein 'Mann der Treppen' geworden. "Das ist natürlich eine Sportübung", sagt Caspary. Denn in dem 1906 fertig gestellten Gebäude sind die Zugänge für Prozessbeteiligte und Zuhörer getrennt. Doch nicht nur das. Die auf selber Etage befindlichen Durchgänge sind verstellt oder vermauert, sodass für Besucher abenteuerliche Odysseen durch das Treppenlabyrinth des Gerichts notwendig werden und sie räumlich praktisch völlig abgeschlossen sind vom Verfahren.

Vom Prozessverlauf fehlen dem Zuhörer oft so bedenkliche Teile. "Der Zuhörer sitzt hier auf der Treppe, kein Stuhl, kein nichts. Bis zu dreißig Leute, 20, bis 40 Minuten. Keiner weiß, wann es weitergeht. Es wird geraucht, im Winter ist es eiskalt", berichtet Caspary. Die Wände der Treppenaufgänge sind mit Schmähschriften und Hakenkreuzen verziert. Man wartet, dass es 'Klick' macht und ein Justizbeamter den Saal aufschließt.

Dabei handelt es sich bei den Zuhörern, sprich der Öffentlichkeit, ja nicht (nur) um Voyeure. Da sind Angehörige der Angeklagten, der Opfer, Nachbarn, Kollegen, alte Menschen, auch Kinder. Sie alle müssen sich dieses Ambiente und diese Umstände antun. Caspary sagt: "Ein gutes Beispiel ist der Prozess gegen die Charité-Krankenschwester Irene B. Da mussten die Kollegen der Frau hier immer hochasten. Eine alte Frau musste die Treppen rauf- und runtergehievt werden."

Wenn Caspary über den Fortgang des Verfahrens im Bilde sein will, eilt er manchmal bei jeder Unterbrechung der Verhandlung an den Saaleingang, um den Stand der Dinge zu erfahren. Wenn er Pech hat, ist bei seiner Rückkehr in der Zwischenzeit sein Platz im Zuschauerraum belegt.

Früher hat sich Helmut Caspary während der Prozesse immer Notizen gemacht. Er war fasziniert und ohne jegliche Sonderinteressen. In der Zwischenzeit weiß er, dass Betäubungsmittel- und Missbrauchsfälle sind nicht so sein Ding sind. Für Wirtschaftsstrafsachen könnte er sich eher erwärmen, sagt er, wenn sie denn nicht so langwierig wären. Bleiben die spektakulären und kuriosen Prozesse. Auch wenn Helmut Caspary längst nicht mehr so enthusiastisch ist wie am Anfang und auch schon einen neuen Tennisverein gefunden hat: Er hält dem Gericht die Stange und bleibt, so lange die Knie mitmachen als Treppenläufer bei Figur.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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