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aus dem moabiter kriminalgericht


Tödliche Freundschaft


von Barbara Keller

21. Februar 2005. Kriminalgericht Moabit,(18. gr. Strafkammer)
Dienstag, 22. Juni 2004. Tief "Vera" und die Fußballeuropameisterschaft verbannen die Berliner an die Fernsehbildschirme in Gaststätten und in ihre Wohnungen. In einer Marzahner Mietwohnung im Betonparadies des Ostens langweilen sich zwei heranwachsende und zwei erwachsene Männer - alle beschäftigungslos. Plötzlich beginnen die drei Männer, auf dem Jüngsten herumzuhacken. Einer soll das Opfer sein. Als Bianco L. (15) den ersten Schlag erhält, blickt er erschrocken auf. Dieser Fausthieb von Marcel G. (35) eröffnet ein Karussell der Grausamkeiten, die ihm seine Freunde innerhalb zweier Tage antun werden und an deren Ende seine Ermordung stehen sollte.


Mike S. (18) wohnt im Sommer 2004 allein in der Rabensteiner Straße 27, in der Betonwüste Berlin-Marzahn. Vor kurzem ist sein Vater ausgezogen, der jedoch weiter die Miete für seinen arbeits- und berufslosen Jungen zahlt. Die Wohnung – im vierten Obergeschoss gelegen - hat drei Zimmer, Bad, Balkon. Viel Platz und Gelegenheit also für Besuch. Bis vor kurzem bewohnte auch Sven B. eines der Zimmer. Ein Punker und alter Freund.

Marcel G. (34) sagt "kleiner Bruder" zu Mike S., den er seit drei Jahren über dessen Vater kennt. Marcel G. ist ein cooler Typ. Anders cool als der kleine Punker Sven B., der bloß Sprüche klopft. Der erwachsene, kräftige Mann mit dem mittelblonden, straff nach hinten gebundenen Zopf, dem kleinen Mund, der langen, spitz zu laufenden Nase und den fast feminin wirkenden Zügen schafft Tatsachen mit Fäusten. Mike S. sieht bewundernd zu Marcel G. auf, dem seine Tätowierungen breit den Hals hinaufwachsen und sagt "großer Bruder" zu ihm.

Vorspiel – Warten auf die "Stütze"

Als der "große Bruder" seinem Freund Sven einen kalten Rausschmiss bereitet, weil er Punker hasst, sieht Mike S. ungerührt zu. Dass er Sven schlägt, die Haare abschneidet, seinen Kopf wiederholt und zu lange ins Abwaschwasser taucht, den Ohrstecker vom blutenden Ohr reißt und ihn zwingt, sich mit einem Beil auf die Hände zu schlagen, ihn auch über Nacht in der Wohnung festhält und bestiehlt, lässt Mike S. an seinem "großen Bruder" nicht zweifeln.

Im Juni 2004 ziehen Marcel G. und sein Kumpel Thomas Gi. (34) bei Mike S. ein. Auch Thomas Gi. ist ohne Job, ähnlich skrupellos und tätowiert. Ein etwas stärker gebauter Typ mit rundem Gesicht, Bürstenhaarschnitt. – Offenbar gibt es nichts Sinnvolles für die Männer zu tun. Das Wetter ist wechselhaft. Sonne, Wolken, Regen und Gewitter geben sich die Klinke in die Hand. Richtig warm mag es nicht werden. Man hängt rum, trinkt, spielt Karten, guckt Fern. Dauerbrenner ist die Fußballeuropameisterschaft.

Marcel G. und Thomas Gi. warten auf die Zuwendung vom Sozialamt. Wenn die "Stütze" kommt, wollen sie ab nach Holland. Damit vertröstet Mike S. auch seine schwangere Freundin, die vom werdenden Vater allerdings entscheidendere Initiativen erwartet. Was sich dann am Dienstag und Mittwoch, dem 22. und 23. Juni 2004, in der Rabensteiner Straße 27 abspielte, steht dem Stoff, der seinerzeit einen erschütterten Schriftsteller Truman Capote in einer Art Sinnsuche zu seinem Roman "Kaltblütig" (1966) veranlasste, in nichts nach.

Einer muss das Opfer sein

Auch am Dienstag, dem 22. Juni 2004, kann von Sommerwetter keine Rede sein. Mittags der starke Regenguss, nachmittags schieben sich abwechselnd Wolken drohend über den Himmel. Gegen 19 Uhr sitzen Marcel G., Thomas Gi., Mike S. und Bianco L. (15) gelangweilt beieinander. Thomas Gi. sucht, mit kleinen Sticheleien, Mike S. gegen Bianco L. aufzubringen. Es beginnt jenes verbale, zynisch aggressive Kesseltreiben, das in der Regel nur als Ouvertüre zu brutalen Übergriffen dient. Schließlich stößt Marcel G. lauernd hervor: "Willst du damit sagen, dass ich lüge?!" Ein erster Schlag. Bianco L. starrt den 20 Jahre älteren Mann erschrocken an. - Vielleicht ahnt er bereits da, was ihn erwartet.

In einem 26 Stunden währenden Martyrium foltern die Freunde in einer Art satanischen Gesellschaftsspiel ihren Kameraden. Sie schlagen und treten ihn gemeinsam oder allein. Traktieren ihn mit einem Messer, mit einer brennenden Zigarette, schlagen mit einem abgebrochenen Besenstiel, einer Müllschippe auf ihn ein. Sie zwingen ihn, sich mit einem Beil selbst auf die Finger zu schlagen. "Hast du Hunger?", fragt ihn Marcel G. und zwingt ihn von einer Kerze abzubeißen, eine Batterie zu schlucken, mehrmals von einem Glas abzubeißen. Schließlich stopft er ihm eine alte, verfilzte Socke in den Mund, schlägt seinen Kopf gegen die Wand. Zwischendurch sehen die Männer Fernsehen, trinken Wein.

Der lästige Zeuge

Für die Nacht legen sie den wimmernden Jungen gefesselt auf eine Matratze und sperren ihn in der Wohnung ein. Am nächsten Tag, nach dem Frühstück, geht die Prozedur weiter. Da steht für Marcel G. bereits fest: Bianco L. muss sterben, denn: "Der singt doch!" Danach wollen sie nach Holland flüchten. Auch Sven S. (16), seit sechs Jahren ein unzertrennlicher Freund von Bianco L. und seit Mittwochmittag dabei, beteiligt sich an der bis in den Abend dauernden Folter. Während des Fußballspiels Deutschland gegen Tschechien droht er ihm wütend: "Wenn Deutschland verliert, bringe ich dich um."

Am späten Abend schließlich soll der Mordplan umgesetzt werden. Thomas Gi., Marcel G. und Mike S. bringen den gefesselten und mit einem Klebeband geknebelten 15jährigen ins Bad. Sie stellen ihn in die Wanne und werfen einen Fön in das knöcheltiefe Wasser. - Aber es gibt nur einen Kurzschluss. Nach einer weiteren Trink- und Beratungspause legen sie Bianco L. in die Wanne und geben ihm die bloßen Kabelenden einer Leitung in die gefesselten Hände. Deren anderes Ende steckt Mike S. in die Schukodose. Aber Bianco L. sackt unter dem Stromstoß lediglich bewusstlos zusammen, während ihm die Kabelenden aus den Händen gleiten. Nach einem weiteren Beschluss der Drei sollen Bianco L. nun die Kabelenden an den Schläfen befestigt werden.

Aber dazu kommt es nicht mehr. Die Polizei, zu Hilfe gerufen durch die Freundin von Mike S., tritt auf den Plan. - Bianco L. überlebt schwerverletzt. Er überlebt den Hass seiner Freunde und die Erfahrung, dem Tod hilflos in die Augen gesehen zu haben. Nach Intensivstation und einmonatigem Krankenhausaufenthalt kann Bianco L. wieder nach Hause.

Die (juristischen) Folgen

Am 21. 2. 2005 stehen fünf Männer vor Gericht, angeklagt des versuchten Mordes: Mike S., Thomas Gi. und Marcel G., die sich in Untersuchungshaft befinden, und der Schüler Sven S. Alle Fünf scheinen sich bis auf den heutigen Tag nicht klar zu sein, welches Unheil sie anrichteten und vor welchem Abgrund sie standen. Thomas Gi. und Marcel G. schweigen hartgesotten zu den Tatvorwürfen. Mike S. sagt zwar, gut beraten von seinem Anwalt, umfänglich aus - aber auf die Frage des vorsitzenden Richters Heinz-Peter Plefka, warum er seinem Freund Bianco L. das Messer bis an den Anschlag in den Schenkel trieb, dann auch noch umdrehte, antwortet er nur: "Keine Ahnung." Den schwarzen Peter gibt er an den Ideenführer und "großen Bruder" Marcel G. weiter: "Marcel G. hatte großen Einfluss auf mich."

Auch Sven S. erteilt auf anwaltlichen Rat nur bedingt Auskunft. "Ich kann mich an nichts mehr erinnern.", lispelt er. Nur seine Attacken gegen Freund Bianco L. will er bestätigen. Und bedauert: "Ich finde das sehr krank, was passiert ist."

Den (erwachsenen) Angeklagten, Marcel G. und Thomas Gi., droht jetzt eine lebenslange Freiheitsstrafe wegen versuchten Mordes. Mindestens aber eine Freiheitsstrafe nicht unter drei Jahren. Denn auch der Versuch eines Verbrechens ist strafbar. - Für Mike S. und Sven S. gilt: Laut Jugendgerichtsgesetz lautet die höchste Freiheitsstrafe fünf Jahre, bei einem Verbrechen, das nach allgemeinem Strafrecht mit einer Höchststrafe von mehr als zehn Jahren Freiheitsstrafe angedroht ist, auch: zehn Jahre. Aber auch hier hat das Gericht die Möglichkeit, zugunsten erzieherischer Gesichtspunkte wesentlich milder zu urteilen.

Das Urteil :
15 Jahre Haft für Marcel G., den 'Anführer' der gewalttätigen Gruppe. Seine Komplizen Thomas Gi. + Mike S. erhalten Freiheitsstrafen von sechs und siebeneinhalb Jahren. Sven S. kommt mit einer Bewährungsstrafe davon.
(Beitrag zum Urteil, MoPo vom 04.06.2005)



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Auch Sven S. (17) ließ seinen Frust an Bianco L. ab, trat und schlug ihn: "Wenn Deutschland verliert, bringe ich dich um!"

Sabine M., Mutter von Bianco L.
Sabine M. (39), die Mutter von Bianco L. (15), den seine Freunde grundlos quälten und ermorden wollten: "Gucken Sie sich doch die Gesichter von Thomas Gi. und Marcel G. an. Eiskalt."


Die Anklagebank auf der Mike S. (19), Marcel G. (35) und Thomas Gi. (35) einige Zeit zubringen werden.


Die 18. Große Strafkammer des Kriminalgerichts Moabit. Der vorsitzende Richter: Heinz-Peter Plefka


Staatsanwalt Ralph Knispel. Verlas die Anklage, die die Schilderung der sadistischen Quälereien enthält, die in der versuchten Ermordung Bianco L. gipfelten.


Die Verteidigung von Mike S. und Thomas Gi.: zurückhaltend.


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