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Kaufmännischer Amoklauf - ein betrügerisches Kreditballett


von Barbara Keller

Kammergericht. 4. Februar 2005.
Ursula I. (52) hat hochfliegende Träume. Im Tourismusgeschäft hofft sie, ihr Glück zu machen. Einige namhafte Würfe mit Neckermann und Lufthansa, in dessen Beirat sie gewählt wurde, sind ihr bereits geglückt. Als sie 2002 richtig durchstarten will, fehlt das Kapital. Ursula I. lässt sich auf dubiose Geldbeschaffungsmethoden ein. Das Nachsehen haben ihre Banken: 900.000 € offene Forderungen. Heute sagt sie: "Niemand hat mir gesagt, dass das verboten ist." Und: "Schuld sind der 11. September 2001 und die Commerzbank."


Als Ursula I. 1990 ihr erstes Reisebüro eröffnet, ist die Welt noch in Ordnung. Die Schwerinerin ist studierte Volkswirtin. Debütiert 1976 in der Abteilung ‚unvollendete Erzeugnisse’ eines Plastverarbeitungsbetriebes. Als das DDR-Regime 1989 in den letzten Zügen liegt, arbeitet die ehrgeizige Frau, verheiratet, zwei Kinder, als Geschäftsführerin einer Betriebssportgemeinschaft.

Die Zeit ist reif, einen lang gehegten Traum zu verwirklichen. Ursula I. belegt ein Existenzgründerinnenseminar und eröffnet ein Reisebüro. Im Tourismusgeschäft bewährt sich Ursula I. als toughe Geschäftsfrau. Sie erarbeitet für Neckermann einen Deutschlandkatalog, für Lufthansa konzipiert sie "Deutschland aus einer Hand". Doch dann will Ursula I, ein eigenes prosperierendes Unternehmen in die Welt setzen.

1998 legt sie ein Konzept für die G.I.G.A. AG vor. Ein auf Incoming ausgerichtetes Tourismusunternehmen für Geschäftskunden weltweit. Ein aus zwei bis drei Personen bestehen Büroteam. Aber Lufthansa überlässt zwar dem jungen Unternehmen sein Logo zur freien Verwendung, springt jedoch gleich zu Beginn als potenzieller Gesellschafter ab. Die Kapitaldecke ist dünn, der Elan und der Ehrgeiz groß. Im Frühling 2001 hat die G.I.G.A. AG Anfragen aus aller Welt und berechtigt zu einiger kaufmännischer Hoffnung. Zur Kapital-Akquisition bringt Ursula I. das Unternehmen an die Börse. Sieben Millionen Euro soll das Aktienpaket einbringen. Doch dann strandet die G.I.G.A. wegen Kapitalmangel.

Heute gibt Ursula I. der Katastrophe am 11. September 2001 und der Commerzbank die Schuld. Ursula I.: "Der 11. September hat die Welt verändert." Die Reisen wurden storniert, weitere Aufträgen blieben aus. Mitte 2002 zieht das Geschäft plötzlich wieder an, Anfragen kommen rein. Es gibt nur ein Problem: das Geld fehlt. Und Ursula I. hat keinerlei Sicherheiten, mit der Commerzbank eine Kreditlinie zu vereinbaren. Da liest sie im Herbst 2002 in der FAZ die Darlehnsofferte des Dirk F. Dieser vermittelt sie weiter an S.

S., der übrigens in der Zwischenzeit ebenfalls wegen Betrug zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt ist, unterbreitet Ursula I. eine ganz besondere Idee der Kapitalbeschaffung. Kreditgeber, die er an der Hand hat, versorgen Ursula I. mit schnellen, kurzfristigen Beträgen. Innerhalb einer Frist, in der Regel acht Wochen, zahlt die Kapitalbedürftige mit einem Aufschlag von 20% zurück. Das Ganze wird mittels Lastschriftverfahren abgewickelt. Ursula I.: "Jetzt stand die Ampel auf Grün. Es konnte wieder losgehen."

Aber plötzlich macht die Commerzbank, der die dubiosen, Belastungen hinterlassenden Geldströme auf Ursula I.s Konto verdächtig vorkommen, einen Rückzieher. Wirtschaftsprüfer S. von der Commerzbank: "Das machen wir nicht mit - mit diesen Beträgen." Nicht zu Unrecht befürchtet die Bank, auf den Zinsen der Lastschriften hängen zu bleiben.

Ursula I., die heute sagt: "Ich konnte nicht mehr aufhören.", wechselt das Pferd. Sie wird Kundin der Badischen Bank, der Hypovereinsbank, der Kreditbank AG, der Dresdner Bank. Bis auch diese das Säckchen zu machen und die Lastschriftoption für ihre Kundin stornieren. Bis dahin aber sind sie zahlungspflichtig. 900.000 € Schaden entstehen den Banken insgesamt. Während Ursula I. ihren Verpflichtungen gegenüber den Kreditgebern zu 100% nachkommt, lässt sie die Banken auf 70% ihrer Schuld sitzen.

Eine angenehme Chefin war die kleine, spatzenhaft zäh wirkende Ursula I. bestimmt nicht. Als ihre Buchhalterin Mitte 2003, der ganz sicher allmählich der Boden unter den Füßen heiß wurde, die Arbeit niederlegt, verklagt sie sie wegen "Arbeitsverweigerung". Und verliert den Prozess.

Der Amoklauf geht in die Endrunde. Das Karussell heißt: Kreditakquise, Krisengespräche mit den Banken, die Arbeit an der G.I.G.A. AG. Die aber weist am Jahresende 2003 trotzdem noch immer einen Miniumsatz von 700.000 € auf. – Im Oktober 2004 meldet Ursula I. endlich Insolvenz an. Doch es ist bereits zu spät. Nachdem Kreditvermittler S. ins Visier der Ermittler gerät, wird auch Ursula S. am 12. November 2004 verhaftet.

Auch vor Gericht behauptet Ursula I., die die von den Banken offerierte Option des Lastschriftverfahrens schamlos ausnutzte: "Niemand hat mir gesagt, dass das strafbar ist." Auch ihre Geschäftunterlagen vernichtet sie sorgfältig. Vom vorsitzenden Richter nach dem Warum befragt, erklärt die Angeklagte kokett: "Kennen Sie nicht diese Papierflut?"

Die Anklage gegen Ursula I. lautet auf "Betrug". Ihr Rechtsbeistand zum zu erwartenden Strafmaß befragt: "Die Staatsanwältin wird auf vier Haft plädieren. Ich erwarte eine Haftstrafe von vielleicht drei Jahren und drei Monaten."



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Seit November 2004 inhaftiert: Ursula I. Der Tatvorwurf: Betrug zum Schaden diverser Banken. 900.000 € stehen zur Disposition. Ursula I.: "Ich konnte nicht aufhören."


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