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aus dem moabiter kriminalgericht


Opas Notgroschen geraubt


von Barbara Keller

Am 17. Juli 2004 klingelt es bei Jürgen C. (76) mittags an der Haustür. Er wohnt in einer Mietwohnung, in einem dreistöckigen Haus in der Spandauer Galenstraße. Er öffnet die zweifach verschlossene Haustür und die verkettete Tür einen Spalt. Vor der Tür stehen zwei Herren mittleren Alters, die angeblich einen Einschreibebrief für ihn haben. Sie benötigen zur Aushändigung jedoch eine Unterschrift. Als der alte Mann den Weg für sie freigibt, trifft ihn ein harter Schlag. Die Eindringlinge prügeln auf den alten Herren ein, entwenden die Wertkassette mit dem Ersparten. - Tippgeber zu diesem Raubzug soll der, nach Angaben des Vaters, etwas zurückgebliebene, eigene Sohn sein.

Zurück in den Flur taumelnd schreit Jürgen C. wehrhaft: "Hilfe, Polizei!" Aber die Männer stoßen ihn in das Schlafzimmer, traktieren ihn mit einem Elektroschocker. Jürgen C. wehrt sich, so gut er kann. Schließlich werfen die Eindringlinge eine Decke über ihn und treten auf ihn ein. Jürgen C. erstickt fast an seinen dritten Zähnen. Er hört einen der auf ihn eintretenden Einbrecher sagen: "Das Schwein schreit ja immer noch!" Schließlich gibt Jürgen C. auf: "Lasst mich leben, ich gebe euch alles, was ihr wollt!" Aber die Beiden wissen offenbar selbst, wo ihre Beute zu finden ist.

Jürgen C. hört nicht, dass es währenddessen zweimal an der Wohnungstür klingelt. Es ist die Nachbarin Gabriele M. (44), die auf ihrem Balkon die Hilferufe vernommen und die Polizei gerufen hat. Und die, während sie vor dem Haus auf Hilfe wartet, zwei fremde Männer das Gebäude verlassen sieht. Gabriele M. ist der rettende Engel, der das circa acht Minuten währende Martyrium ihres Nachbarn beendet.

Nachdem die Räuber verschwunden sind, fehlt das gesamte Vermögen von Jürgen C. Der alte Herr selbst erleidet drei Rippenbrüche und hat am ganzen Körper schwere Blutergüsse. Die Herren von der Polizei, die bei ihrer Tatortbesichtigung den Elektroschocker übersehen und denen später auch noch der ominöse Einschreibebrief abhanden kommt, erklären Jürgen C.: "Das Geld werden Sie wohl nicht wieder sehen."

Vier verschließbare Wertkassetten hielt der Spandauer Tischler Jürgen C. in seiner Wohnung versteckt. Sie enthielten die Ersparnisse eines langen, karg geführten Lebens. Die blaue Kassette beinhaltete neben einigen wichtigen Papieren die Portokasse, die grüne 75.000 €, eine rote die Goldbarren. In einer weiteren Kassette war das Geld des Sohnes. Das Ersparte sollte eines Tages Sohn Ralf C. (42) zugute kommen. "Mein Junge ist eine Frühgeburt, etwas zurückgeblieben, gutgläubig und naiv.", sagt Jürgen C. über seinen Sohn.

Deshalb wohnt Ralf C., der gelegentlich ABM-Jobs hatte, jetzt Arbeitslosenhilfe II erhält, noch immer bei seinem Vater. Die Mutter verstarb vor sechs Jahren. Auf sie soll die Idee zurückgehen, alles Vermögen in der Wohnung aufzubewahren. Jürgen C: "Meine Frau meinte, als sie noch lebte, wir sollten immer ein bisschen Geld zu Hause haben."

Jürgen C. hielt seinen Sohn fest an der Kandare. Kein Alkohol zu Hause, ein Taschengeld von 20 € die Woche, um 22:00 zu Hause sein. Aber Ralf, der zwar seinen häuslichen Pflichten treu nachkam, blieb immer öfter weg. Auf seinen Streifzügen und seinen täglichen Mahlzeiten an einem Imbiss am Rathaus Spandau lernt er auch den arbeitslosen Lutz B. (43) kennen, bekannt als Verkäufer einer Obdachlosenzeitung.

Der coole Lutz B., Rockeroutfit, lange Haare, soll laut Jürgen C. einen unheilvollen Einfluss auf seinen Sohn ausgeübt und ihn als Geldquelle ausgenutzt haben. Gegen Weihnachten 2003 besucht Sohn Ralf einen Puff und geht mit einer Prostituierten opulent shoppen. Ergebnis: circa 50.000 € Erspartes sind weg. Daraufhin erhält Ralf nur noch 10 € Taschengeld die Woche von seinem Vater.

An seinem 41. Geburtstag im Juli 2004 kommt es zwischen den beiden Männern zu einem Streit. Der Vater hat Kuchen besorgt, Eisbein gekocht, aber Ralf will seinen Geburtstag aushäusig feiern. Der Vater verweigert ihm das Taschengeld. Da nimmt Ralf C. die Kassette, aus der der Vater ihm seinen Obolus zuzuteilen pflegt und verlässt mit dem Bemerken, "Du wirst schon sehen, was du davon hast!", das Haus. Da will Jürgen C. gewusst haben. "Jetzt passiert was!"

Am 20. Januar 2005 angeklagt vor dem Berliner Kammergericht wegen schwerem Raub und gefährlicher Körperverletzung sind Lutz B., Harald L. (53) und Marko Bo. (36). Nach dem Vorwurf der Staatsanwaltschaft soll Lutz B. den Mitangeklagten mitgeteilt haben, wo und wie viel Vermögen bei Jürgen C. zu finden ist. Die Beiden führten dann den Überfall aus. Der Tippgeber war offenbar naiver Weise Sohn Ralf C. Allerdings leugnen alle drei Angeklagten die Tat. Harald L., den eine Zeugin am Tatort identifizierte, wird das Leugnen wohl nichts nützen.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Jürgen C., das Opfer
Der Spandauer Jürgen C. (76) öffnete zwei Männern die Wohnung, die angeblich einen Einschreibebrief für ihn hatten. Sie schlugen den alten Mann und raubten aus.

Sohn Ralf C. gab den Tipp
Sohn Ralf C. gab möglicherweise aus Naivität den Räubern den Tipp.

Nachbarin Gabriele M.
Nachbarin Gabriele M. hörte Jürgen C. um Hilfe schreien, rief die Polizei und sah beide Räuber das Haus verlassen.


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