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aus dem moabiter kriminalgericht


Altenpflegemanagement nach DIN:
in die eigene Tasche


von Barbara Keller

28. Oktober 2004. Kriminalgericht Moabit. 28. Gr. Strafkammer.
80 Jahre führten die Christkönigsschwestern in ihrem kleinen Kloster in Berlin Lankwitz ein redliches, verantwortliches Leben. Geachtet von den Anwohnern der Nachbarschaft. Das heute wegen Insolvenz geschlossene Theodosius-Krankenpflegeheim gehörte zu ihnen. Als sie nur noch fünf betagte Schwestern waren, Schwesternnachwuchs ausblieb, sannen sie auf Ordnung der Vermögensverhältnisse. Ihre Wahl bei der Suche nach kompetenter Hilfe fiel auf den Freiburger Martin S. Den selbsternannten "Erfinder des Altenpflegemanagements". Heute steht das Kloster vor dem Ruin, stehen Martin S. nebst Kompagnon Hermann K. vor Gericht.


Das Leben ist ein ewiges Ringen um Interessensphären. Nicht jeder kämpft mit offenem Visier. Interessensphäre Eins: Fünf Nonnen zählte das Berliner Kloster der Christkönigsschwestern 1998. Seit den zwanziger Jahren lebten sie in dem Lankwitzer Gutshaus, betrieben ein Kinderheim, später kam das Theodosius-Krankenpflegeheim dazu. Die Schwestern, in der Zwischenzeit alle um die 70 Jahre alt, darunter die Priorin Stephana, machten sich Gedanken um ihre Zukunft. Junge Schwestern, die später traditionell ihre Pflege übernehmen würden, blieben aus. Als ihnen der Augsburger Fize-Caritas-Chef ein modernes Management ihres kleinen Vermögens in Person des Freiburger Martin S. vorstellt, sind die Frauen begeistert. Zu diesem Zeitpunkt verfügt das Kloster über circa 2,3 Mio. € beweglichen Vermögens.

Interessensphäre Zwei: Martin S. (51) ist an seinem persönlichen Fortkommen interessiert. Zum zweiten Mal verheiratet, acht Kinder aus erster Ehe, studierter Sozialarbeiter. Über die Arbeit als Pflegehelfer, darunter jahrelang in Nachtschicht, qualifiziert er sich in Freiburg peu á peu in die Chefetage hoch. Modernen Wind will er in die Altenpflege bringen, sagt er. "Qualitätsmanagement" heißt das Zauberwort. Schließlich leitet Martin S. drei Pflegeheime und führt eine auf Altenpflege spezialisierte Beratungsfirma. Martin S.: "Wir haben als Erste das Management nach der DIN-Norm eingeführt."

Das Krisengeschäft mit der Altenpflege wirft allerdings auch für den wortgewandten Ex-Sozialarbeiter einiges ab. Während in den von S. gemanagten Heimen immer mehr Pflegepersonal entlassen wird, stellt der smarte Geschäftsmann in seiner eigenen Beratungsfirma neue Mitarbeiter ein. Fährt er als Chef einen schwarzen Mercedes. So sagen ehemalige Freiburger Angestellte. Doch dann zeigen Mitarbeiter des Altenheims St. Marien in Freiburg Martin S. wegen Untreue an. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Da die Katholische Kirche einen öffentlichen Skandal vermeiden will, verläuft die Angelegenheit im Sande.

Geschäftsmann Martin S. hat nun in Freiburg seine Reputation verloren. Sein neues Betätigungsfeld wird: das Berliner Kloster der Christkönigsschwestern in Lankwitz. Die ältlichen Ordensschwestern sind von dem gläubigen Mann mit dem modernen Sinn fürs Geschäftliche angetan. Er betet mit ihnen, besucht mit ihnen die Messe. Dass er verkündet: "Ich bin kein Samariter, ich bin ein Wirt!", verstehen sie. Natürlich wollen sie sein "Know How" vergüten. Auch wenn Martin S. einen Tagessatz von 2.100 € berechnet.

Nicht lange nach dem verströmten Vertrauensvorschuss strömt auch das Geld. Die Beraterfirma AVIVA AG von Martin S. bekommt lauter kleine Ableger, auch in der Schweiz, und arbeitet emsig für die Dominicushaus GmbH (die Vermögensträgerin des Ordens). Jedenfalls auf dem Papier. Als Martin S. den Geschäftsführer seiner Beraterfirma Hermann K. als Geschäftsführer bei der Dominicushaus GmbH einführt und nachdem er auch sich selbst in alle relevanten Entscheidungsgremien gebracht hat, geht der Aderlass am Klostervermögen ins Finale.

Heute stehen Martin S. und Hermann K. vor dem Berliner Landgericht. Angeklagt wegen Betrugs und gewerbsmäßiger Untreue. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, Luftrechnungen gestellt, Vermögen in die eigene Tasche gewirtschaftet zu haben, indem vornehmlich eigene Firmen bedient wurden. Kurz: die Klosterschwestern arglistig übervorteilt zu haben. Zu den Anklagepunkten zählt auch der Erwerb eines Hauses bei Freiburg, das durch Gelder des Klosters finanziert wurde. Wie auch seine millionenschwere Luxussanierung. Hier wohnte Martin S. bis zu seiner Verhaftung.

Während Hermann K. zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen schweigt, lässt sich Martin S. in aller Breite hierzu aus. Die Schwestern hätten alle Entscheidungen mitgetragen und dies durch ihre Unterschriften dokumentiert. Auch ein notariell beglaubigtes Schuldanerkenntnis ließ er sie zu seiner völligen Absicherung unterzeichnen. Den plötzlichen Vertrauensverlust kann er sich nicht erklären: "Wie abgeschnitten war es. Und jetzt bin ich hier."

Auf 20 Mio. Mark schätzt Martin S. das Gesamtvermögen der Ordensschwestern im Jahr 1998. Davon ist heute nicht mehr viel übrig. Die geschäftlichen Beziehungen mit dem Managementexperten Martin S. trieb das kleine Kloster in den Ruin. Das Theodosius-Krankenpflegeheim musste wegen Insolvenz geschlossen werden. Das Bleiben der Schwestern in dem durch Martin S. mit Krediten belasteten Gutshaus war nicht mehr sicher. – Für Schwester Stephana und Schwester Dominica wird der Weg in den weltlichen Zeugenstand sicher schwer.

Das Urteil:
5 Jahre Haft für Martin S. und 4 Jahre, 3 Monate Haft für Hermann K.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




gitter

Martin Maria S. Managementexperte Martin Maria S. wirtschaftete das Kloster Berlin- Lankwitz in die Pleite. Laut Anklage mit eigenem Nutzen.

Hermann K.
Hermann K., Geschäftsführer der Dominikushaus GmbH,
eigentlich die rechte Hand der Ordensdamen, soll mit Martin Maria S. den Orden finanziell regelrecht "ausgehöhlt" haben.


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