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Mitfahrgelegenheit, blablacar

aus dem moabiter kriminalgericht


Verkehrsblind
mit tödlicher Folge


von Barbara Keller

10. Juni 2004. - 293. Abt. - Schöffengericht.
Am 24. 09. 2003 überfuhr LKW-Fahrer Werner P. den siebenjährigen Josha Bach an der Kreuzung Danziger Straße, Ecke Schliemannstraße, Prenzlauer Berg. Eine Kreuzung mit Dauergrün für Autofahrer, hektischen Rechtsabbiegern und Wendern von der Gegenspur. Werner P. stand mit seinem 26-Tonner im Stau, auf der Hälfte des Fußgängerüberweges. Der Junge fuhr mit seinem Tigerrad los, als für ihn Grün wurde. Werner P., jetzt angeklagt der fahrlässigen Tötung, auch.


Ampelkreuzung Schliemannstraße Ecke Danziger Straße. Hier ist der Autofahrer König. Dauergrün für die dreispurige Hauptverkehrsstraße, das automatisch nur bei Auftauchen der Straßenbahn unterbrochen wird. Die Danziger Straße trennt Berlins historisch dichtbesiedeltste Wohngegend um den Helmholtz- von der um den Kollwitzplatz. Für zahlreiche Kinder ist sie Teil des täglichen Schulwegs.

Josha Bach ist sieben Jahre alt. Jeden Morgen fährt er mit seinem gelb-schwarz getigerten Fahrrad zur Schule. Der Installateur Frank M. sieht ihn von seiner Baustelle täglich die Kreuzung Schliemann Ecke Danziger Straße überqueren. Immer hält Josha brav bei Rot - bis die Ampel endlich wechselt. Bis vor kurzem begleitete ihn noch die Mutter täglich zur Schule. Aber der Lehrer riet ihr aus pädagogischen Gründen ab.

Auch am 24. September 2003 steht Josha Bach um 7:45 geduldig an dieser Ampelkreuzung. Stau in der Danziger Straße. Aus der Schliemannstraße drängt sich rechts abbiegend ein LKW in die Schritttempo fahrende Autoschlange. Er steht - vermutlich nicht als einziges Fahrzeug - halb auf dem Ampelüberweg für die Fußgänger. Das links neben Josha wartende Mädchen, Josephine L., kann wegen des Lastzugs die Ampel auf der anderen Straßenseite nicht beobachten. Als für die Fußgänger Grün wird, fährt Josha los.

Werner P. (59) ist an diesem Tag und zu dieser Stunde mit seinem orangefarbenen 25-Tonner seit zwei Stunden unterwegs. Er hat Kies geladen und kommt von der Eldenaer Straße. Gerade verstopft er mit seinem Riesenlaster die Schliemannstraße. Eine mit Kopfsteinen gepflasterte Wohn- und Durchfahrtsstraße, die auf beiden Seiten von Autos längsstehend zugeparkt ist.

Die Ecke Schliemannstraße, Danziger Straße erweist sich als schwieriges Nadelöhr für Werner P. und sein schwerfälliges Fahrzeug. In einer späten Grünphase glaubt er, mit dem schleichenden Stau-Ende mitschwimmen zu können. Er biegt rechts in die Danziger Straße ein und hofft, die Kreuzung nicht zu verstellen. Auf Fußgänger achtet er nicht, als er mit seinem LKW auf der Fußgängerfurt steht. Als sich das Stau-Ende weiterbewegt, fährt er automatisch weiter. Am Führerhaus vorn hört er ein seltsames Knirschen.

Chayenne R. ist in diesem Augenblick ebenfalls auf dem Weg zur Schule. Auch sie hat den kleinen Josha Bach an der Kreuzung stehen sehen, als sie mit ihrem Rad die Schliemannstraße Richtung Schönhauser Allee kreuzen muss. Als sie wegen der Rotphase wartet, hört sie hinter sich einen markerschütternden Schrei und dreht sich um.

Werner P., angeklagt der fahrlässigen Tötung, ist ein korrekt gekleideter, freundlicher Berliner, selbst Vater zweier erwachsener Kinder. Er weint, als er den Hergang des Unfalls schildert: "Ich hörte ein komisches Geräusch am Führerhaus. Fuhr vielleicht vier bis fünf Meter weiter, als ich im Rückspiegel ein Fahrrad rollen sah." Werner P. macht eine hilflose Geste und weint. Die Schultern beben. Seit dem Unfall kann er in kein Auto mehr steigen. Er ist arbeitslos. Sein Arbeitgeber hat ihm gekündigt.

Die vor Gericht aussagenden Zeugen, darunter zwei LKW-Fahrer aus Gleiwitz und Dessau, können sich das Unglück nicht erklären. Frank B.: "Ich verstehe nicht, wie das passieren konnte. Man fuhr doch Schritttempo." - Allerdings will auch keiner der situationsbeteiligten Autofahrer Fußgänger wahrgenommen haben. Man stand Stoßstange an Stoßstange und dachte nur ans Fortkommen.

Der Richter des Schöffengerichts ist wie die an dem Verfahren beteiligten Zuhörer erschüttert über das autistische Fahrverhalten der beteiligten Autofahrer. Nach seiner Ansicht hätte jeder der Zeugen Fahrer des Unfallwagens sein können. Der Richter: "Vielleicht war Werner P. sogar noch einer der Umsichtigsten."

Dennoch: Werner P. wird der fahrlässigen Tötung für schuldig befunden. Selbst wenn Josha Bach bei Rot über die Ampel gefahren wäre, hätte das nach Meinung des Richters die Rechtslage nicht geändert, da der Gesetzgeber dem Autofahrer eine besondere Sorgfaltpflicht gegenüber minderjährigen Verkehrsteilnehmern aufgibt. Das Urteil: sechs Monate Haft, ausgesetzt auf drei Jahre Bewährung, drei Monate Fahrverbot und eine Geldbuße von 2.400 €. - Ein Urteil, das wie das traurige Geschehen sicher nicht nur den Zuhörer hilflos zurücklässt.

*Textfotos: Die Unfallkreuzung. Dauergrün für Autofahrer, hektische Rechts- und Linksabbieger von beiden Seiten.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Werner P., der den Unfall-LKW fuhr
Werner P., der Fahrer des LKWs.

Werner P. in rechtsanwaltlicher Begleitung nach dem Prozess
Nach dem Prozess in rechtsanwaltli-cher Begleitung.

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