sitemap
Startnext Hexenberg Theater Kanzlei Hoenig
gitter
zur Startseite
Mitfahrgelegenheit, blablacar

berlinkriminell.de
Gerichtsreportagen


Ich fand es ziemlich normal...


von Barbara Keller

Fr., 10.09.2010
Das Verfahren um die 'Nussbaum-Fälschungen' (berlinkriminell.de berichtete), das seit dem 9. Juni 2010 am Landgericht Berlin verhandelt wird, ist nach der Sommerpause wieder angelaufen. Inzwischen wurden zwei Zeugen gehört. Darunter ein Mitarbeiter des Auktionshauses Sotheby's, dessen gutmeinender, mit rund 3.200 Euro vergüteter Rat, die Direktorin des Nussbaummuseums veranlasste, eine der Nussbaum-Fälschungen zu kaufen. Gehört wird auch die Direktorin des Museums selbst, deren Zeugenvernehmung am 9. Juni 2010 noch nicht abgeschlossen war.

Am 8. September 2010 erklärte Richard A., ein Sotheby's Mitarbeiter, dem Gericht: "Ich wusste nicht, dass das Bild gefälscht war." Und: "Ich fand es ziemlich normal, den Kontakt zwischen Björn S. und Frau J. herzustellen." Der britische Kunstliebhaber gab sich ahnungslos, war jedoch vorsichtshalber mit einem Rechtsbeistand erschienen.

Richard A. hatte laut Anklage im Herbst 2009 Ingeborg J., Direktorin des Nussbaum-Museums, angerufen und sie gedrängt, "Stilleben Der Maler Felix Nussbaum" zu erwerben. Ingeborg J. wusste bereits von dem Gemälde, hatte 'das wunderbare Gemälde', wie sie sagte, in Berlin gesehen, für echt befunden, es in das Werksverzeichnis übernommen, allerdings geglaubt, es sei bereits an einen amerikanischen Käufer über den Tisch gegangen.

Doch was Ingeborg J. für einen 'freundschaftlichen Rat' hielt, ließ sich der Mann des renommierten Auktionshauses mit circa 3.200 Euro versilbern. Er bat Ingeborg J., den Nussbaum anzukaufen, weil er sonst für den europäischen Kunstmarkt verloren wäre. Ingeborg J. startete Hals über Kopf eine schließlich erfolgreiche Geldmittelakquise und kaufte damit eine 200.000,-- Euro teure Blüte an.

Richard A., der vor Gericht erklärte, kein Nussbaumexperte zu sein, gab an, dem heute angeklagten Kunsthändler Björn S. mit dem strittigen Telefonat lediglich einen 'Freundschaftsdienst' erwiesen zu haben. Eine Summe sei jedoch vorab nicht vereinbart gewesen.

In der Vernehmung von Ingeborg J. am 10. September 2010 hatten die Rechtsanwälte der Verteidigung das Fragerecht. Darin ging es mit wenigen Fragen in aller Kürze um die Tatbeteiligung der einzelnen Angeklagten. Rechtsanwalt Peter Zuriel ging darüber hinaus und rekonstruierte in hochnotpeinlicher Befragung die Situation vor einem Jahr, als die Fälschung aufflog.

"Wie haben Sie sich gefühlt?", fragte der Verteidiger mephistophelisch. "Na, nicht gut", erklärte kläglich die Zeugin. "Hatten Sie mehr Angst um Ihre Existenz oder um Ihren Ruf?" Ingeborg J.: "Ja, mehr um meinen Ruf. Jetzt aber nicht mehr." Ach, ja warum denn nicht? Ingeborg J. sagt, weil ihr in ihrer Zeugenbefragung gesagt wurde, dass sie nicht die erste Kunstsachverständige sei, die auf eine Fälschung hereingefallen sei.

Ach, ja. Aber warum habe sie denn erst einen Monat nach ersten Vernehmungen durch die Ermittler ihren Dienstherren von der Sache erzählt? Wie konnte es sein, dass der Oberbürgermeister von Osnabrück während eines Dienstgespräches nicht informiert wurde, trotzdem die Hausdurchsuchung im Museum bevorstand? Ingeborg J.: "Man hatte mir gesagt, dies sei ein schwebendes Verfahren. Ich sollte hierüber Stillschweigen bewahren."

Aber die Presse wusste doch davon? Ingeborg J. :"Erst im Oktober." Und jetzt, so Peter Zuriel, werden auch alle anderen Bilder des Nussbaum-Museums auf Echtheit geprüft? "Nein, nur die letzten Einzeleinkäufe. Ab Beginn der 90er Jahre." Ach, mutmaßt Rechtsanwalt Zuriel, das sind wohl die, die durch die Zeugin angekauft wurden? Nein, so die Kunstsachverständige. In den 80er Jahren wurde kaum angekauft. Es handele sich um 30 Gemälde, von denen 20 aus US-amerikanischem Besitz stammen, deren Echtheit teils mit beiliegenden Briefen des Malers Felix Nussbaum belegt seien.

Peter Zuriel nimmt es mit der Aufklärung der Tataufdeckung im Herbst vergangenen Jahres sehr ernst. Jetzt möchte er wissen, ob sich Frau J. etwa selbst evaluiert. Nein, erfährt der vielleicht nach Skandalösem Ausschau haltende Jurist, mindestens ein weiterer Kunstsachverständiger und ein belgischer Jurnalist ständen der Osnabrücker Direktorin zur Seite.

Aber Verteidiger Peter Zuriel will offenbar die ganze Wahrheit ans Licht bringen. Darunter nebenbei auch die um die Tatbeteiligung seines Mandanten, Björn S. Der schwedische Kunsthändler hatte bislang erklärt, nicht gewusst zu haben, dass es sich bei "Stilleben Der Maler Felix Nussbaum" um eine Fälschung handelt. Deshalb kam den widersprüchlichen Zeugenaussagen der Ingeborg J. im Herbst letzten Jahres einige Bedeutung zu. Eingebettet in die peinliche Befragung um die Entdeckung der Fälschung, ging es nun um die Frage: Wie wurde Ingeborg J. im Frühjahr 2007 die Fälschung in der Wohnung des Kunsthändler-Ehepaares Sigrid und Wilhelm D. vorgestellt? Soll es einen Käufer, einen Besitzer gegeben haben, wurde ihr das Gemälde zum Verkauf angeboten? Doch bei aller Zermürbungstaktik, Ingeborg J. bleibt dabei: "Nein, das Bild ist mir definitiv nicht zum Verkauf angeboten worden."

Die Zeugenbefragung durch Verteidiger Peter Zuriel erinnert an ein Katz und Maus Spiel. Der autoritäre, vorwurfvolle Ton, seine ungeduldig und unverständlich schnell genuschelten Sätze dürften einen Schuldkomplex in die Welt zaubern, selbst wo keine Nahrung für einen solchen ist. Einmal bricht es aus Ingeborg J. resigniert heraus: "Ich weiß nicht, ob Sie sich das vorstellen können, wie furchtbar das für mich ist!" - Das Strategiespiel Verteidigung kann offenbar auch richtig Spaß machen.

Das Verfahren wird am Mittwoch, dem 15. September 2010 um 9:15 in Saal 700 mit der Zeugenvernehmung des Peter W. fortgesetzt. Galerist Peter W. war unter anderem Geschäftspartner des angeklagten schwedischen Kunsthändlers Björn S.

(weitere Termine entnehmen Sie bitte dem Wochenplan)



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




gitter
Anzeige
Kanzlei Luft
in eigener Sache:
Barbara Keller, Sieht so eine Mörderin aus?
Kanzlei Hoenig