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Gerichtsreportagen


Prozess gegen Kunstfälscherbande in der Sommerpause


von Barbara Keller

Mo., 26.07.2010
Sommerpause im Prozess gegen sechs mutmaßliche Kunstfälscher, denen es 2008 gelang, zwei Fälschungen des Malers Felix Nussbaum mit hohem Gewinn auf dem internationalen Kunstmarkt zu platzieren. Nachdem die Maler Jürgen R. (52) und Willem P. (43), die die Blüten nach eigenem Gusto herstellten, 'reinen Tisch' gemacht haben, gegen Letzteren am 7. Juli 2010 das Verfahren eingestellt wurde und Kunsthändler Knut E. sich geständig einließ, ruht der Prozess aus Gründen der 'Sommerhygiene'. Am 18. August 2010 wird die Verhandlung mit der weiteren Vernehmung der Direktorin des Felix Nussbaum Museums, die zwei der Fälschungen für echt hielt und eines für 200.000,-- Euro für das Osnabrücker Museum erwarb, fortgesetzt.
'berlinkriminell.de' berichtete...

Einen Monat dauert die Verhandlung bereits gegen die letztlich glücklosen Kunstfälscher. Jetzt ist sie für einen Monat ausgesetzt. In den Sommermonaten lassen sich Termine für Zeugen schlecht bewerkstelligen. Eigentlich sind in dem vorliegenden Prozess sieben Personen angeklagt. Fünf Kunsthändler und zwei Maler. Doch der mutmaßliche Drahtzieher des genial gescheiterten Coups, ein gewisser Dr. Gustav N. (70) meldete sich bereits für den Prozessbeginn als verhandlungsunfähig ab.

So stützt sich die Anklage vor allem auf die Aussagen des Hauptbelastungszeugen und Mitangeklagten, Jürgen R. Der Betreiber einer Wilmersdorfer Restaurationswerkstatt gestand in seiner Stunden währenden Vernehmung zu Beginn der Hauptverhandlung, die Fälschung "Stillleben Der Maler Felix Nussmaum" gemalt zu haben, das vom Osnabrücker Nussbaummuseum aufgekauft und auch ausgestellt wurde. Er gab an: "Ich habe die Bilder aus Spannung gemalt und weil ich Schulden hatte."

Jürgen R. gab an, zunächst von den trüben Absichten des Dr. Gustav N., den er seit einem Jahr kannte, nichts gewusst zu haben. Als ihn dieser jedoch um seinen schmalen Lohn prellte und Jürgen R. über Dritte von dem 200.000,-- Euro - Deal mit dem Nussbaummuseum erfuhr, soll der Angeklagte weitere Geschäfte dieser Art - nun jedoch ohne den untreuen Dr. Gustav N. - in Angriff genommen haben.

Verfahren abgetrennt und eingestellt

In der Zwischenzeit ist das Verfahren gegen seinen Mitstreiter, Willem P., der drei der gefälschten Bilder - ein Nussbaumbild und zwei Kippenberger - gemalt haben soll, nach §153 StPO gegen Auflagen eingestellt. Am 7. Juli 2010 stellte die vierte große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Henning Schwengers fest, dass die Beteiligung des Angeklagten nicht sehr groß gewesen sein kann.

Willem P. hatte unter anderem das ("Nussbaum-") Bild "Selbstbildnis mit Maske" frei nach der Fantasie gemalt und soll dafür 50,-- Euro erhalten haben. Die Fälschung ging, nachdem sie im Werksverzeichnis des Nussbaummuseums Eingang fand, über eine US-amerikanische Käuferin für 320.000,-- Euro an einen Privatkunden nach Israel.

In seiner Urteilsbegründung erklärte der vorsitzende Richter, dass es jedoch Anhaltspunkte gäbe, nach denen Willem P. den Handel mit Fälschungen zumindest billigend in Kauf nahm. Beispielsweise sei nicht erklärlich, warum der gebürtige Südafrikaner die Bilder unsigniert aus der Hand gab. Deshalb, so die Strafkammer, entschied sie sich gegen einen "Freispruch erster Klasse".

"Sie haben kein Geld", konstatierte der vorsitzende Richter und schlug vor, das Verfahren gegen die Ableistung von 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit, abzuleisten innerhalb der nächsten neun Monate, vorläufig einzustellen. Die Verfahrensbeteiligten stimmten zu und waren's zufrieden.

Um Hals und Kopf

Nun geht es noch um 'Hals und Kopf' der mitangeklagten Kunsthändler. Während zwei von ihnen, Wilhelm D. und Björn S., abstreiten, von dem Handel mit Fälschungen im Bilde gewesen zu sein, hat Knut E. den Versuch (!), gefälschte Kippenberger an den Mann zu bringen, eingestanden. Die einzige mitangeklagte Frau, Sigrid D., schweigt zu den Tatvorwürfen.

Knut E. gab in einer am 7. Juli 2010 durch seine Verteidigung verlesene Erklärung an, zwei Kippenberger, "Mann mit VW- Käfer und Krabbe/Ferdinand Porsche" sowie "Spielende Kinder vor einem VW Porsche" 2009 als Fälschungen bei dem Restaurator Jürgen R. in Auftrag gegeben zu haben.

Seine finanzielle Situation sei prekär gewesen, als sich Knut E. 2009 entschloss, eine Galerie zu kaufen und sie mit einer Vernissage zu eröffnen. Die Bilder sollten von Jürgen R. kommen. Bei einer gemeinsamen Internetrecherche sei man auf Kippenberger und schließlich auf das krumme Geschäft mit ihm verfallen.

Wenn Kippenberger noch lebte - die Scham

"Als das Bild an der Wand hing, war ich begeistert", ließ Knut E. verlesen. Hoch über seinem Kamin in seiner Wohnung hatte er es angebracht. "R. hatte ein großartiges Bild gemalt", schwärmte er weiter. Natürlich war die Signatur gefälscht. Aber was macht das bei einem Kippenberger, so Knut E.

Der 1997 an seinem anhaltenden Alkoholkonsum gescheiterte, geniale Kunstrowdy und Vertreter der "Neuen Wilden" ließ viele seiner Bilder malen. Und wenn Kippenberger heute noch leben würde, könnten die genannten 'Fälschungen' ja durchaus echt sein. In eine regelrechte Wahnvorstellung habe er sich in seiner Begeisterung hineingesteigert, hieß es in der Erklärung des Knut E.

Knut E. verhandelte mit der Villa Grisebach, mit Sotheby's und Christie's, hatte lukrative Aussichten. Die Villa Grisebach beispielsweise plante, "Spielende Kinder vor einem VW Porsche" in die Herbstauktion 2009 zu nehmen und bot 200.000,-- Euro Vorschuss. Doch Knut E. strandete mit dem zu erbringenden Echtheitszertifikat. Denn Nachlassverwalterin Gisela Capitain sprach dem Bild die Authentizität ab. Knut E. ließ zuletzt wissen: "Es tut mir alles sehr Leid. Ich schäme mich und bin bereit, die Konsequenzen zu tragen."

Gute Fragen

Am 14. Juli 2010 waren neben der Geschäftsführerin der Villa Grisebach Frau Micaela Kapitzky, sowie der in der Villa für zeitgenössische Kunst zuständige Daniel von Schacky auch der Speditionskaufmann Benedikt K. (58) von 'Kroll Art' als Zeugen zu hören.

Hier, in der Kunstspedition 'Kroll Art', hatte der 70-jährige Dr. Gustav N. am 15. Juni 2008 die Nussbaumfälschung "Selbstbildnis mit Maske" untergestellt und für zwei Monate im Voraus die Miete bezahlt. Fünf Monate später ging das Bild für 320.000,-- Euro über eine amerikanische Käuferin nach Israel. Warum die Freigabe des teuren Gemäldes durch die heute angeklagten Kunsthändler Sigrid und Wilhelm D. gezeichnet wurde und nicht durch Dr. Gustav N., ließ sich in der Verhandlung nicht klären. Benedikt K. konnte auch nach längerem Nachbohren nur verdutzt bekunden: "Gute Frage."

Bei der Spedition, bei der im Jahr 1.000 Vorgänge gebucht werden und in deren System rund 17.000 Adressen gespeichert sind, geht es ansonsten doch geordnet zu. Nur wer das Bild einliefert, darf es auch 'freigeben', so der Spediteur. "Hier waren viele Menschen im Spiel", bezeugt Benedikt K. Deshalb wäre Dr. Gustav N. der eigentliche Ansprechpartner gewesen.

Nach einem kurzen Haltetermin am 16. August 2010 um 12:40 wird die Verhandlung am 18. August 2010 mit der weiteren Vernehmung der Direktorin des Nussbaummuseums Ingeborg Jaehner fortgesetzt.

(die Termine zum Verfahren bitte dem aktuellen Wochenplan entnehmen...)

*Foto 1 Restaurator Jürgen R.: "Ich habe die Bilder aus Spannung gemalt und weil ich Schulden hatte."
*Foto 2 Das Verfahren gegen den Künster Willem P. wurde gegen Auflagen eingestellt.
*Foto 3 Kunsthändler Knut E. handelte mit falschen Kippenbergern und erklärte: "Es tut mir alles sehr Leid. Ich schäme mich und bin bereit, die Konsequenzen zu tragen.



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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