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aus dem moabiter kriminalgericht


Drogen international - Totschlag


von Barbara Keller

21. Mai 2004. Berliner Kriminalgericht. Vor neun Jahren lockten Melanio P. E. und Denis R. B. (beide Dominikanische Republik) den Kolumbianer Miguel S. (32) in eine Berliner Wohnung im Wedding und erstachen ihn mit mindestens 19 Messerstichen. Die Leiche verbrannten sie in einem Wagen auf dem Parkplatz des Sommerbades Marienfelde. Es ging um Geld und Drogen. So die Anklage. Heute steht Melanio P. E. wegen Totschlags vor dem Berliner Gericht. Der von den USA zwischenzeitlich Ausgelieferte wird nach einer hier zu erwartenden Haftstrafe in den USA den Rest einer zehnjährigen Haft verbüßen. - Wegen eines Drogendelikts.

Im März 1995 lernt die Finanzbeamtin Beate F. (damals 27) den Kolumbianer Miguel S. (32) kennen. Er arbeitet als Maler, hilft in einer Bibliothek aus und lernt in der Harnackschule Deutsch. Das jedenfalls erzählt er seiner neuen Freundin. Seit sie ein gemeinsames Kind erwarten, wohnt Miguel S. bei Beate F. und kommt jeden Abend zu ihr nach Hause. Ihr gemeinsamer Freundeskreis besteht aus einem Kolumbianer namens Orlando und einem weiteren Paar. Er Deutscher, sie Kolumbianerin.

Anfang Juni 1995. Beate F. fährt zur Arbeit und setzt Miguel S. am Friedrich-Wilhelm-Platz ab. Er will zu Harnackschule gehen. Dort kommt er allerdings nicht an. Beate F. sieht ihren Geliebten und Vater ihres Kindes lebend nicht mehr wieder.

Am Morgen darauf, circa fünf Uhr, meldet ein LKW-Fahrer der Polizei ein brennendes Auto auf dem Parkplatz des Mariendorfer Sommerbades. Schnell ist Polizei und Feuerwehr vor Ort. Auf dem Rücksitz des völlig ausgebrannten Fahrgastraumes finden die Polizeibeamten eine verkohlte Leiche. Die Mordkommission bleibt fern. Es sieht nach einem Suizid aus.

Doch dann finden sich unter dem Toten Reste eines Strickes und eines Handtuches, das wie die Stoffreste des Rückenteils der Person von Blut durchtränkt ist. Als das verbrannte Opfer auf eine Bahre gelegt wird, fällt ein Schlüssel zu Boden.

Die Spur führte die Ermittler in die Berliner Drogenszene, in der es im Sommer 1995 sichtbar unruhig zugeht. Bereits im Juli 1995 ist der mysteriöse Tote identifiziert. Es handelt sich um den werdenden Vater Miguel S., der offenbar ein Doppelleben führte und in Drogengeschäfte verwickelt ist.

Angeblich stand er bei Denis R. B. und Melanio P. E. (beide Dominikanische Republik) mit 35.000 € in der Kreide. An besagtem Tag im Juni 1995 locken die Beiden Miguel S. verabredeter Weise in die Wohnung eines Thomas S. im Wedding. Dort erstechen sie den Kolumbianer. 19 Messerstiche an Kopf, Hals und Oberkörper bringen sie ihm bei. Dann wickeln sie den Toten in ein Laken, stellen den Wagen auf dem Parkplatz des Mariendorfer Sommerbades ab, übergießen das Opfer mit Benzin und steckten das Auto in Brand.

Neun Jahre dauerte Fahndung und Überführung von Melanio P. E. nach Deutschland. Papier ist geduldig. - Melanio P. E. verbüßt derzeit in den USA eine Haftstrafe wegen Drogenvergehen in Höhe von zehn Jahren. Die in Deutschland zu erwartende Verurteilung wegen Totschlags und deren Haftverbüßung stellt nur ein Intermezzo dar. Danach sitzt der Angeklagte seine Reststrafe in den USA ab.

Inwieweit Melanio P. E. der gemeinschaftliche Totschlag an Miguel S. bewiesen werden kann, bleibt abzuwarten. Die Zeugen haben kaum noch Erinnerung an den Tag im Juni 1995. Ein als Zeuge auftretender Polizeibeamter erklärt: "Das war in den 90ern, ich habe mich erkundigt."

Miguel S., ein "harter Bursche" - gepflegtes Anzugprofil, bunter Schlips, schweigt zu den Tatvorwürfen. Seine in Deutschland lebende Schwester ebenfalls. Ein Tatverdacht erhärtendes Beweismittel hat die DNA-Forschung innerhalb der verstrichenen neun Jahre jedoch hinzu gebracht: auf den Handtuchresten im Auto als auch in der Wohnung von Thomas S. konnten einwandfrei Blutspuren von Melanio P. E. nachgewiesen werden.


Urteil:
Freispruch mangels Beweisen. Blamage. Nicht alles, was lange währt, wird schließlich gut. Die beiden Joker, die die Staatsanwaltschaft in der Hand hielt - genetischer Fingerabdruck, zwei Zeugen, die sich während des Ermittlungsverfahrens belastend gegen Melanio E. äußerten - erwiesen sich auf dem Prüfstand als zu fadenscheinig. Die Zeugen kippten um und machten von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch, der genetische Fingerabdruck konnte nicht als entscheidender Schuldbeweis dienen, denn Melanio E. war Untermieter in der Wohnung, in der Miguel S. von Melanio E. und Denis R. B. getötet wurde (der Anklage nach). Bleibt die Frage: hätte man sich diese Peinlichkeit, den Aufwand und die Kosten nicht ersparen können?



NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Anfang Juni 1995 brennt auf dem Parkplatz des Sommerbades Marienfelde ein Auto. Mit dem Auto verbrennt Miguel S. (32)

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