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Gerichtsreportagen


Der mathematische Zufall Mord


von Barbara Keller

40. gr. Strafkammer , 16.07.2009
Am dritten Prozesstag im Verfahren um den mutmaßlichen Auftragsmord an dem Geschäftsmann Friedhelm Sodenkamp ('berlinkriminell.de' berichtete) war Unternehmer Udo K. (61), Freund und Geschäftspartner des Mordopfers, als Zeuge zu hören. Es ging um die in Rede stehenden Geschäfte mit der Tower Group, die schillernde Vergangenheit des Mordopfers und die Frage, wer - außer den Angeklagten - ein Interesse am Tod des nicht unheiklen Immobilienmaklers gehabt haben könnte.
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Udo K. ist ein mittelgroßer, gepflegter, sonnegewohnter Herr in feinem Anzug mit selbstsicher sonorer Stimmer. Als Geschäftsmann mit Wohnsitz Herdecke bei Dortmund ist er seit 2006 auf dem Berliner Immobilienmarkt angekommen. In seinem Unternehmen Alpha Immobilien, das sich vornehmlich mit der Verwaltung von Häusern beschäftigt, stand ihm der später ermordete Friedhelm Sodenkamp von Beginn an als Geschäftsführer zur Seite.

Als alter Weggefährte des Mordopfers noch aus trüben, alten Zeiten in Nordrheinwestfalen und als wichtiger Zeuge zu den Abläufen am Tatabend des 3. November 2008 sowie dessen Vorgeschichte sagte Udo K. am 14. August 2009, ein halbes Jahr nach dem Mord aus.

Er war der Kapitän, ich der Reeder

Udo K. gehört das Haus in der Alten Jakobstraße in Mitte, in dem er in der sechsten Etage gemeinsam mit Sodenkamp Wand an Wand wohnte. Hier, in diesem Gebäude befinden sich auch die Geschäftsräume eines der ehemals gemeinsam geführten Unternehmen. Die Arbeitsweise der Geschäftsfreunde umreißt der Mann aus dem Ruhrpott mit den knappen Satz: "Sodenkamp war der Kapitän, ich war der Reeder."

Am frühen Abend des 3. Novembers 2008 wartet Udo K. vergeblich auf Freund Sodenkamp, der auch der Trauzeuge seines Sohnes ist. Udo K. findet es ungewöhnlich, dass der rüstige Mittsechziger, der jeden Abend mit seinem Hund Max eine Runde durch den Park gegenüber oder auf der nahe gelegenen Fischerinsel macht, sich nicht wie verabredet meldet. "Der Hund war sein emotionales Ein- und Alles", sagt Udo K. über Sodenkamp.

Da war was im Busch

Gegen 19:00 ruft ihn ein gemeinsamer Bekannter an. Aufgeregt berichtet er, dass er soeben mit Sodenkamp telefoniert hätte. Nach zwei Schmerzensrufen und einem schussähnlichen Geräusch sei jedoch das Gespräch abgebrochen. Als kurz darauf Jagdhund Max allein und völlig verstört durch das Haus irrt, ruft Udo K. die Polizei. Und er tut daraufhin noch etwas mehr: Er zieht selbst 'stante pede' in ein Hotel um. Vor Gericht sagt Udo K.: "Ich wusste ja nicht, was da im Busch war."

Sein erster Verdacht, nachdem Udo K. erfährt, dass sein Kompagnon Sodenkamp regelrecht 'hingerichtet' wurde, geht in die Richtung Bochumer Immobilienszene. 2006 soll Sodenkamp dort einer Maklerfirma ein Millionengeschäft vermasselt haben, bei dem es um den Kauf des Uni-Centers ging und bei dem es in Folge offenbar ernstzunehmende Drohungen gab. Denn, so berichtet Udo K., Sodenkamp war "extrem", ein "richtiger Kotzbrocken".

Auch dass 'unbekannte Dritte' Sodenkamp ermordeten, hält Udo K. zunächst für nicht ausgeschlossen. Sodenkamp hätte schließlich auch erfolgreich als Strafverteidiger gearbeitet. Dass die jetzt Angeklagten, der Bauunternehmer Benjamin Lu. und sein Bauleiter, den Mord in Auftrag gegeben haben könnten, hält der Zeuge Udo K. aus ökonomischer Sicht für wenig plausibel. Auch wenn den Angeklagten Sodenkamp eine Zeitlang geschäftlich im Weg gestanden hätte.

Die Goldene Gans und ihr Hans

Dazu führt Udo K. langatmig aus, dass sein eigener Sohn 2006 an die dänische Tower Group ein größeres Immobilienpaket von 2.000 Wohnungen, zuvor erworben von dem bundeseigenen Wohnungsunternehmen Gagfah, weiterverkaufte und im Gegenzug die Verwaltung von 6.000 Wohnungen des Geschäftspartners übernahm.

Die Tower Group, zunächst ein kleines Unternehmen, das sich gerade auf dem deutschen Immobilienmarkt zu etablieren suchte und kaufte, was ging, hatte sich wohl auch einige unattraktive Objekte in Neukölln und im Wedding eingehandelt, die stark sanierungsbedürftig waren.

Faule Rechnungen

Seltsam sei, so Udo K., dass die Tower Group den Auftrag zur Sarnierung der Gebäude im Volumen von 5,3 Mio. Euro an den kleinen, damals von der Insolvenz bedrohten Reinickendorfer Handwerksbetrieb Will GmbH des heute Angeklagten vergab. "Für die Firma Will war die Tower Group 'die Goldene Gans'", erklärt Udo K.

Der ungemütliche Sodenkamp entdeckte in seiner Funktion als Verwalter im Frühjahr 2008 Unregelmäßigkeiten in der Abrechnung der Firma Will. So wurden zum Beispiel anstatt 60 qm insgesamt 100 qm Arbeitsfläche abgerechnet. Sodenkamp blockierte daraufhin die Auszahlung von 1,3 Mio. an die Will GmbH.

Man muss sich fragen, WARUM

Für die Reinickendorfer Firma wurde es eng. Udo K. wundert sich, warum die Tower Group mit ihrem Auftragnehmer damals nicht kurzen Prozess machte: "Wenn ich als Konzern betrogen wurde, mache ich doch einen Cut." Man müsse sich deshalb fragen, WARUM, meint sybellinisch Udo K. Liegt es vielleicht daran, dass die Firma Will für einen Vorstand der Tower Group eine Villa in Nizza für schlappe Viertel Millionen ausbaute?

Wenn sich die Tower Group in dem mutmaßlichen Betrugsfall Will GmbH eindeutig positioniert hätte, säße man vielleicht heute nicht hier, glaubt Udo K. Doch ob die heute Angeklagten den Mord tatsächlich in Auftrag gaben oder eigentlich nur eine 'kräftige Abreibung', beziehungsweise, ob ein gewiefter Dritter die erbosten Handwerker hier 'beispielhaft' vorführt, ist bislang offen.

Das hat damit nichts zu tun

Der mutmaßliche Mörder, der aus Polen gebürtige Adam M., jedenfalls leugnet die Tat. Er sitzt in Indien in Auslieferungshaft. Da von der Waffe jegliche Spur fehlt und es keine Augenzeugen für den Mord an Sodenkamp gibt, dürfte die Beweisführung gegen Adam M. schwierig werden.

Udo K. übrigens, angesprochen auf das gewaltsamen Ableben seines Immobilienberaters Wolfgang Sch., der im November 2006 erschossen wurde, fast auf den Tag genau zwei Jahre vor Sodenkamp, erklärt: "Das hat damit nichts zu tun. Das ist der mathematische Zufall."
"Spiegel"-Hintergrund zum Mordfall Sodenkamp von Andreas Wassermann: klick hier...


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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