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Gerichtsreportagen


Eine menschliche Tragödie


von Barbara Keller

40. gr. Strafkammer , 4.09.2009
Das Verfahren zum 'mysteriösen' Mordfall Sodenkamp, bei dem der betuchte Geschäftsmann Friedhelm Sodenkamp am frühen Abend des 3. November 2008 auf offener Straße durch mehrere Pistolenschüsse gewaltsam zu Tode kam, geht jetzt in die Zielgerade. Der, wie es heißt, machtverliebte Immobilienverwalter soll dabei im Vorfeld dem Hauptauftragnehmer seines dänischen Geschäftspartners TowerGroup derart in die Quere gekommen sein, dass dieser seinen Tod in Auftrag gab. Die wichtigsten Zeugen sind inzwischen vernommen. An den beiden letzten Prozesstagen traten unter anderem der Hauptbelastungszeuge und Bordellbetreiber Recai C. sowie die Gattin und der Chauffeur des mutmaßlichen Auftragsmörders Adam M., Oliviera M. ('Meduza') und Mehmed T., in den Zeugenstand.
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Die Zeugenvernehmung der genannten Personen gestattete dem Prozesszuhörer an besagten Prozesstagen erstaunliche Einblicke in ungeahnte Parallelwelten. So berichtet der Hauptbelastungszeuge Recai C. (44), Rekai C.wie er am Tatabend des 3. November 2008 mit dem mutmaßlichen Mörder Adam M., derzeit in Indien in Haft, in einem Lokal zu Tische saß.

Recai C., der den Polen Adam M. erst seit vier Monaten gekannt haben will, lernte diesen in einem Bordell kennen. Besser gesagt: in seinem Bordell. Hier macht er den mutmaßlichen Mörder in spe auch mit Mehmed T. (45) bekannt. Der jetzt arbeitslose Dreher und Kaufmann mit Wohnsitz in Guben war sein ehemaliger Kompagnon und gerade auf der Suche nach neuen Beschäftigungsfeldern. Für eine kurze, unselige Zeit fungierte er als Chauffeur des Adam M.

Na, ich bin Auftragskiller

Am Abend des 3. November 2008 saßen jedenfalls Recai C. und Adam M. In einem Restaurant beisammen, als Adam M. seinem Gesprächspartner mit wenigen Worten und in aller Seelenruhe zwischen zwei Bissen seine Profession und sein neuestes Projekt umrissen haben soll: "Na, ich bin Auftragskiller. Kannst du morgen in der Zeitung lesen."

Wenn Recai C. tatsächlich ungläubig gewesen sein soll, am nächsten Tag bestätigte ihm ein Blick in die Tageszeitung das Gehörte. Vor Gericht sagt er aus: "Ich war beim Friseur. Ich wollte meinen Sohn im Knast besuchen. Da habe ich gelesen, dass das stimmt."

Diese Erkenntnis bewog den Chef eines Freudenhauses jedoch keineswegs, die Polizei zu alarmieren. Stattdessen trifft er sich mit dem Mann, der sich durch sein Täterwissen ihm gegenüber als Mörder ausgewiesen hat, in einem Tempelhofer Eck-Cafè. Adam M. erklärt, er müsse abhauen. Er hätte ja nicht gewusst, was für ein 'hohes Tier' sein Opfer, der Sodenkamp, gewesen sei. Angeblich sei ihm nun die Russen-Mafia wegen des schweren Verlustes auf den Versen.

Ein 'ganz großes Tier'

Adam M. gibt nicht nur falsche Papiere bei Recai C. in Auftrag, sondern auch die Erpressung seiner Auftraggeber. Er fordert für den Mord an Sodenkamp TGüber die bereits erhaltenen 10.000 Euro hinaus weitere 50.000 Euro von Vito Le., den Bauleiters der Will GmbH. Für Recai C. sollen dabei 20.000 Euro herausspringen.

Adam M. entflieht über Stuttgart, England nach Indien und bleibt über Skype und seine Gattin Oliviera M., die sich mit dem schönen Decknamen 'Meduza' ausweist, mit Recai C. in Verbindung. Einmal trifft sich Recai C. mit Vito Le., einmal mit 'Meduza' im Europacenter. Es gelingt ihm, durch massive Drohungen 6.500 Euro aus dem Erpressten herauszuholen.

Anruf aus der Ukraine

Doch der Mörder macht ihm aus der Ferne über 'Meduza' die Hölle heiß; sie wollen das ganze Geld sehen. Oliviera M. ruft fast täglich an, wechselt ständig die Telefonnummern. Adam M. redet davon, den 'Job in Deutschland zu Ende bringen' und meint damit wohl, Benjamin Lu. zur Strecke bringen zu wollen. Auch sein Chauffeur soll als lästiger Zeuge als Enthaupteter enden. Ein mysteriöser Anruf aus der Ukraine tut sein übriges. Am 6. Dezember 2008, einen Monat nach der Tat, geht Recai C. zur Polizei.

So jedenfalls die Ausführungen des Hauptbelastungszeugen und Bordellchefs Recai C., der von der vorsitzenden Richterin nach seiner Profession befragt angibt: "Ich habe früher mal Musik gemacht. Schreiben Sie Musiker." Zur Couleur dieses Zeugen sei neben einem lebendigen Vorstrafenregister auch die Tatsache erwähnt, dass er selbst einmal von sieben Schüssen niedergestreckt wurde.

Von Oliviera M., gegen die, wie gegen Recai C. auch, ein Verfahren anhängig ist, war erwartungsgemäß keine Aussage zu erwarten. Die große, stämmige, schwarzhaarige Polin, die sich Recai C. als 'Meduza' vorstellte, wies sich beruflich als Büroangestellte aus und machte ansonsten von ihrem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch. Da deshalb auch die bereits von ihr gemachten polizeilichen Aussagen nicht verwendet werden dürfen, wird am nächsten Verhandlungstag ein Richter gehört, der 'Meduza' richterlich vernahm.

Scheußliche Sachen

Der bereits genannte Chauffeur des mutmaßlichen Sodenkampmörders Mehmed T. gab an, sich erst im Nachhinein und erst durch Bordellchef Recai C. aufgeklärt, sich alles habe zusammenreimen können. Mehmed T. sagt: "Er wollte mich für seine scheußlichen Sachen, die er gemacht hat, benutzen."

Zum Tatort hat Mehmed T. den Todesschützen nicht gefahren. "Definitiv nicht", betont er vor Gericht. Aber am 7. Oktober 2008, als Adam M. versuchte, Sodenkamp mit einer Armbrust zu erledigen, da fuhr er ihn schon. Richtig schlechte Laune habe er gehabt, als Mehmed T. ihn scherzhaft fragte: "Hast du das Kaninchen nicht getroffen?" Am selben Abend ging man noch in einem Schöneberger Cafè gemeinsam ein Getränk.

Der Chauffeur des Mörders

Mehmed T. schlief in dieser Nacht auch in der Schmargendorfer Wohnung von Adam M. Eine unrenovierte Wohnung ohne Namensschild, in der Adam M. offenbar mit der Armbrust experimentierte und in der er auch seine Papiere zurückließ. Mehmed T. sagt: "Adam konnte die Armbrust mit einer Hand aufziehen."

Mehmed T. bezeugt auch, den jetzt in Indien einsitzenden und gesondert verfolgten Adam M. gefahren zu haben, als er einen Jugoslawen namens 'Chris' aus der Rostocker Straße im Wedding abholte und mit ihm in ein Waldstück fuhr. Es soll dabei um den Kauf einer Pistole für circa 800 Euro gegangen sein, bei dem es zu Unstimmigkeiten kam, weil die Waffe nicht funktionierte. Veranlasst durch Recai C., dem offenbar der Boden zu heiß wurde, sagte auch Mehmed T. am 13. Dezember 2008 bei der Polizei aus.

Sauber, ordentlich, anständig

Am 4. September 2009 war auch ein ehemaliger Angestellter der TowerGroup zu hören. Sören H. (56) schlug eine Bresche für das berufliche Image der heute Angeklagten. Sören H., der als Projektmanager der TowerGroup die von der Firma Will GmbH sanierten Wohnungen abzunehmen hatte, erklärte: "Sie arbeiteten sauber, anständig, ordentlich."

Der machthungrige Sodenkamp, von dem die TowerGroup 'abhängig' gewesen sei, soll Vito Le. getriezt und gegen ihn intrigiert haben. Zuletzt habe er den Hauptauftragnehmer, der Vito Le. für die TowerGroup war, nicht einmal mehr gegrüßt. Angeblich weil Sodenkamp ihm die Aufträge neidete.

Irgendwie sei Sodenkamp an die Abrechnungen gekommen und hätte bei sieben Spandauer Wohnungen, die Sören H. nicht kontrollierte, Unregelmäßigkeiten festgestellt. Es ging um eine Summe 40.000 Euro, die angeblich zu viel abgerechnet war.

Mysteriöse Blutspur

Sören H., der das alles für 'eine menschliche Tragödie' hält, sagt, er habe der Will GmbH vertraut. Den Keil hätte eigentlich auch einer der dänischen Vorstände getrieben, der den Vergleichsverhandlungen mit der Will GmbH beiwohnte und die Vito Le. und Benjamin Lu. für Betrüger hielt. Wörtlich hätte er einmal ihm gegenüber geäußert: "Ich will Blut sehen!" Und damit harte Konsequenzen gemeint.

Die Verteidigung der Angeklagten setzt derweil auf Vernebelungstaktik. Denn wo kein Mörder, da kein Auftragsmord. Sie geht mit der Unschuldsbehauptung des im fernen Indien festgesetzten Adam M. konform und fordert die Aufklärung der Urheberschaft einer mysteriösen Blutspur am Tatort, die vom Täter stammen, aber genauso gut mit dem Mord in keinem Zusammenhang stehen kann.

*Bild 1: Mehmed T. war Chauffeur des mutmaßlichen Mörders, nicht aber am Tatabend.

*Bild 2: Der ehemalige Projektmanager der TowerGroup Sören H. hält alles für eine menschliche Tragödie.


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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