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Mitfahrgelegenheit, blablacar

aus dem moabiter kriminalgericht


Mord oder Unfall

Mutmaßlicher Autoraser, der Schauspielerin Melek Diehl tötete, bestreitet Schuld

von C. Rockenschuh

09. Juni 2009. Moabiter Kriminalgericht. 40. gr. Strafkammer
Am 10.Dezember 2008 abends soll Hassan C. (30), von Beruf Automobilkaufmann, mit überhöhter Geschwindigkeit, circa 65 bis 75 km/h, die Konstanzer Straße (Wilmersdorf) befahren, die auf dem Mittelstreifen wartende Schauspielerin Melek Diehl (31) übersehen, erfasst und Fahrerflucht begangen haben. Die tödlich verletzte Frau starb noch am Unfallort. Hassan C., der über keine gültige Fahrerlaubnis verfügte, bestreitet Unfallschuld als auch Fluchtmotiv. Ihm wird versuchter Mord durch Unterlassung und fahrlässige Tötung vorgeworfen.

Beitrag zum Urteil vom 19.06.09
Beitrag "Ein Jahr danach" (8.12.2009)

Am Mittwoch, dem 10. Dezember 2008, gegen 19:00 ist Meret Diehl gemeinsam mit ihren Kollegen auf dem Weg zur U-Bahn. Sie laufen die Konstanzer Straße in südliche Richtung zur U3. Die junge Schauspielerin hat es derzeit nicht leicht. Sie hat Probleme in der Partnerschaft. Und die Unwägbarkeiten des Berufsstandes, in dem man neben hohen Einsätzen und doppelten Böden oft genug die Brötchen, die man eigentlich verdienen will, noch mitbringen muss, tun ihr übriges.

Doch heute ist ein guter Tag. Die Dreharbeiten an dem Filmprojekt in der Konstanzer Straße sind überraschend schnell über die Bühne gegangen. "Du warst super", versichern ihr die Kollegen. Das Team gibt ihr den nötigen Rückhalt. Merek Diehl hat mehr denn je das Gefühl, den richtigen Beruf gewählt zu haben. An ihrem Geburtstag am Sonnabend wird sie in einer szenischen Lesung im Orphtheater in Berlin Mitte auf der Bühne stehen. Und, darauf freut sie sich sehr, ihr Freund hat sich als Geburtstagsgast angekündigt.

Ich brauch jetzt was Gesundes

Heute Abend will Melek Diehl gemeinsam mit einer Freundin kochen. Die Kollegen bieten ihr an, sie zu Kaiser's zu begleiten. Doch Merek Diehl erwidert ausgelassen: "Ich brauch jetzt was Gesundes!" Im Bioladen auf der gegenüberliegenden Straßenseite scheint trotz fortgeschrittener Stunde noch geöffnet zu sein. Hamze Bytyci will dort jedenfalls noch jemanden gesehen haben.

Merek Diehl verabschiedet sich. Die Strickmütze, die sie während der Dreharbeiten trug, hält sie in der Hand. Dann betritt sie die Straße, läuft bis zum Mittelstreifen und wartet auf einen verkehrsfreien Moment. Keine zwei Minuten danach, kurz vor der Zähringer Straße, bemerkt Kollege Hamze Bytyci ein Auto, "das mit vollem Karacho an der Kreuzung durchfährt". Dann hört er einen lauten Schlag. Er sagt: "Ich hoffte, dass es nicht das ist, was ich befürchtete." Mit Bangen kehrt er um und läuft zurück.

Knall auf der Windschutzscheibe

Zur gleichen Zeit ist auch der etwa gleichaltrige Hassan C. auf der Konstanzer Straße mit seinem Golf unterwegs. Er fährt, so wirft ihm die Staatsanwaltschaft später vor, 65 bis 75 km/h statt der erlaubten 50 km/h. Der 30-jährige Automobilkaufmann wohnt in der Detmolder Straße in Wilmersdorf und will seine Mutter im Krankenhaus besuchen. Hassan C. hätte genauso gut auf der Stadtautobahn zur Charité in der Luisenstraße in Mitte fahren können. Er wählt jedoch den 'direkten Weg' durch die Stadt und durch Moabit.

An Bord hat er seine beiden Söhne aus erster Ehe, vier und sechs Jahre alt. Hassan C. konzentriert sich gerade auf die circa 60 Meter entfernte Kreuzung an der Düsseldorfer Straße, "als etwas mit lautem Knall gegen die Windschutzscheibe flog", wie er sagt. Dass etwas nicht stimmt, ist dem Autofahrer sofort bewusst. Zumal die Windschutzscheibe auf der Fahrerseite großflächig splittert.

Und ab durch die Düsseldorfer

Hassan C. glaubt, das wird er fortan versichern, dass er einen entgegenkommenden Wagen geschrammt hat. Aber es geht ihm auch durch den Kopf, dass er einen Menschen angefahren haben könnte. Weil ihm jedoch der Führerschein vor anderthalb Monaten abgenommen wurde, so Hassan C., türmt er übergangslos in die Düsseldorfer Straße.

Das Ehepaar Braun aus Greifswald ist am Abend des 10. Dezember auf der linken Gegenspur der Konstanzer Straße unterwegs. Norbert Braun ist als Geschäftsführer beruflich in Berlin. Dagmar Braun genießt den Blick auf die Auslagen der Geschäfte rechts von ihr. Trotzdem bemerkt sie den 'Schatten' auf der Mittellinie der vierspurigen Straße, hinter dessen Rücken sie fahren.

Norbert Braun hat die dunkel gekleidete Frau bereits 50 Meter zuvor wahrgenommen und extra das Tempo gedrosselt. Sehr geschickt ist die Bekleidung der Fußgängerin ja nicht, denkt er vorwurfsvoll. Wenig später hört er erst ein Klacken am Rückspiegel seines Wagens, dann einen 'erheblichen Knall'. Dagmar Braun erkennt das unheilvolle Geräusch sofort. Wie "Blech auf Schädelknochen", sagt sie. Die Ärztin fordert ihren Mann auf, sofort zu halten: "Da ist was ganz Schreckliches passiert."

Mädel, das willst du gar nicht durchstehen

Da wo die Person stand, liegt jetzt eine Strickmütze, zehn Meter weiter eine Frau halb auf dem Rücken, den Kopf in einer blutigen Pfütze. Um sie herum hilfswillige Passanten und ein junger Mann, es ist Hamze Bytyci, der erschüttert ihren Namen ruft: "Melek, Melek!" Dagmar Braun, die bei der Bewusstlosen keinen Puls ertasten kann, jedoch ein leises Stöhnen vernimmt, legt der jungen Frau besorgt die Hand auf den Hals und spricht ihr Mut zu: "Mädel, das stehen wir zusammen durch, bis der Notarzt kommt." Doch angesichts der Schwere der Verletzungen und nachdem die verzweifelten Beatmungsversuche durch Hamze Bytyci scheitern, denkt sie resigniert bei sich: "Mädel, das willst du gar nicht durchstehen!"

Tags darauf betrauern Berliner Tageszeitungen den Tod der hoffnungsvollen Schauspielerin Melek Diehl und schmähen den unbekannten "Todesraser". Hassan C. indessen hat flugs am selben Abend noch seinen Golf mit den verräterischen Schäden billig an einen Händler verkauft. In einer rasanten Nacht- und Nebelaktion kommt der Wagen in einer Seitenstraße in Lichterfelde zu stehen.

Der verräterische Golf

Autohändler Carsten Z. (38) und Abschleppunternehmer Detlef P. (45), denen der nächtliche Transfer des Golfs gleich verdächtig vorkam und über die Medien von dem schrecklichen Unfall erfahren, verständigen jedoch am Tag nach dem Unfall die Polizei.

Nachdem die Mutter von Hassam H. als Fahrzeugführerin des Unfall-Golfs ermittelt ist und eine Vorladung in ihrem Briefkasten landet, bedarf es nicht mehr viel, den unfallflüchtigen Golffahrer auszumachen. Am Abend des 11. Dezembers stellt sich Hassan C. selbst in Begleitung seines Anwalts der Polizei. Seitdem, und damit seit sieben Monaten, sitzt er in Untersuchungshaft. Vorgeworfen werden Hassan C. unter anderem versuchter Mord durch Unterlassung und fahrlässige Tötung.

Doch Hassan C. bestreitet gleich zu Beginn der Hauptverhandlung am 9. Juni 2009 eine Unfallschuld. Er glaubt 50 km/h oder weniger gefahren zu sein und beteuert: "Ich dachte, ein entgegenkommendes Fahrzeug geschrammt zu haben." Dass er vom Unfallort floh, betrachtet Hassan C. als einen Fehler, den er zutiefst bereut und dessen er sich schämt.

Vorbestraft auch als Vergewaltiger

Es spricht jedoch nicht sehr viel für den Angeklagten Hassan C., weder für ihn, noch für seine Version des Unfallhergangs. Über dem Angeklagten, der sich seit dem 9. Juni 2009 vor dem Berliner Landgericht zu verantworten hat, schwebte am Tag des Unglücks offenbar auch der Widerruf einer Bewährung.

Denn es ist zwar das erste Mal, dass Hassan C. jetzt in Haft sitzt. Aber nicht das erste Mal, dass er sich vor einem Gericht zu verantworten hat. Zwischen seinem 17ten und 25ten Lebensjahr stand der heute Angeklagte wiederholt wegen Sachbeschädigung, räuberischer Erpressung und Diebstahl vor dem Jugendrichter. Eine von ihm begangene Vergewaltigung brachte ihm eine Jugendstrafe von einem Jahr ein.

Nach einem Diebstahlsdelikt und gemeinschaftlich begangener gefährlicher Körperverletzung, wurde gegen Hassan C. am 9. Juli 2008 eine Bewährungsstrafe von zwölf Monaten, ausgesetzt auf drei Jahre verhängt, die im März dieses Jahres rechtskräftig wurde und im Dezember 2008 bereits virulent war.

14 Punkte in Flensburg

Auch als Verkehrssünder ist Hassan C. einschlägig erfasst. Er brachte es bislang zu 14 Punkten in Flensburg. Einträge wegen Überfahrens von Ampeln bei Rot, wegen der Mitnahme der Kinder ohne Sicherungsgurt und Einträge wegen Fahrens mit überhöhter Geschwindigkeit. Im Juni 2007 befuhr Hassan C. beispielsweise den Kaiserdamm mit 113 km/h. Zu den 73 Strafzettel, die sich innerhalb eines Jahres 2007/2008 bei ihm ansammelten, sagt Hassan H.: "Das kommt, weil ich Freunden mein Auto lieh."

Vor allem aber sprechen die Zeugenaussagen der Verkehrsteilnehmer, die den Unfallhergang unfreiwillig beobachteten, gegen die Unschuldsversion von Hassan C. So gaben alle als Autofahrer beteiligten Zeugen an, die auf dem Mittelstreifen der Straße stehende Melek Diehl gesehen, teils ihr Fahrverhalten angepasst oder sich über den riskanten Standort der Frau Gedanken gemacht zu haben. "Sie war gut zu sehen", sagte ein die Gegenspur befahrenden Berliner Politikwissenschaftler aus. Ein Betriebswirt aus Schleswig sah "eine zierliche Person" auf der Fahrbahn stehen.

Mit rasender Geschwindigkeit

Die Architektin Christiane G. (52), die von Hassan C. rasant überholt wurde, beschrieb detailliert die Kleidung der jungen Frau. Sie dachte besorgt: "Mädel, du stehst nicht gut." Christiane G. bezeugt übereinstimmend mit anderen Aussagen die überhöhte Geschwindigkeit des Unfallwagens, in denen es heißt: "mit rasender Geschwindigkeit, mit extremer Geschwindigkeit und mit großer Geschwindigkeit vorbeigeschossen." Christiane G. sah eine Person über das Auto wirbeln, über das Dach des Wagens fliegen, rollen, 'aufdopsen' und zehn Meter weiter auf dem Asphalt aufschlagen. Yve P., der die Gegenspur befuhr beschreibt seine Beobachtung so: "Es sah aus, als ob er einfach unter ihr durchgefahren ist."

Schlimm, aber nicht zu widerlegen

Entgegen diesen Zeugenaussagen und der vielsagenden Begleitumstände des Unfallherganges ist Rechtsanwältin Ulrike Zecher überzeugt, dass nach Abschluss der Beweisaufnahme keiner der gegen ihren Mandanten erhobenen Vorwürfe Bestand haben wird. "Es ist schlimm, aber nicht zu widerlegen", erklärt sie und meint damit die Unschuldsversion von Hassan C. Übrig bliebe unterm Strich allein der Vorwurf des 'Fahrens ohne Führerschein. Ein Delikt, das im Höchstfall eine Haftstrafe von einem halben Jahr oder eine Geldstrafe nach sich zieht und von Hassan C. bereits abgesessen ist.

Die Beweisaufnahme ist bislang nicht abgeschlossen. Am nächsten Prozesstag soll ein Unfallgutachter gehört werden, der gegebenenfalls Angaben zur Geschwindigkeit des Unfallwagens machen kann. Nachdem die Plädoyers gehalten sind, ist am Freitag, dem 19. Juni, ab 9:15, Saal 704 mit dem Urteil zu rechnen.





NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




gitter


Hassan C. bestreitet, den Unfall, der der jungen Schauspielerin Melek Diehl im Dezember 2008 das Leben kostete, verursacht zu haben.


"Mein Mandant fuhr normale Geschwindigkeit, hörte den Aufprall, dachte, ein Auto gestreift zu haben und türmte, weil er keine gültige Fahrerlaubnis hatte", sagt Rechtsanwältin Ulrike Zecher, und setzt hinzu: "Ist schlimm, aber nicht zu widerlegen."



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