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aus dem moabiter kriminalgericht


Der lange Abschied

- Ehefrau erzwingt Trennung mit dem Messer -

von Barbara Keller

13. Mai 2008. Moabiter Kriminalgericht, 32. Große Strafkammer.
13 Jahre leben Marina K. (48), Sachbearbeiterin bei der S-Bahn Berlin GmbH, und Bernd K. (44) eine harmonische Ehe, wie sie sagen, in ihrer gemeinsamen Wohnung am Havelländer Ring (Marzahn). Doch seit der Hausmeister Bernd K. 2003 auf seinen 40. Geburtstag zusteuert, gibt er sich aktiv seiner Midlifecrisis hin. Er spricht in unerfreulichen Mengen dem Alkohol zu, benimmt sich daneben und sucht Techtelmechtel mit jüngeren Frauen. Schließlich lebt Bernd K. seit Frühling 2007 als Pendler zwischen seiner Frau und einer Geliebten. Der untreue Gatte widersteht allen Klärungsversuchen seiner Frau. Als er Weihnachten eine weitere Spielart seines unbekümmerten JAEIN hinlegt, greift die zermürbte Frau im Zustand 'völliger Leere' zum Küchenmesser. Bernd K. überlebt. Marina K. erhält wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung eine Freiheitsstrafe von drei Jahren.

Am 23. Dezember 2007 steht Bernd K. mit seinen Sachen wieder weinend vor der Tür seiner Frau. Er wünscht, wie schon öfter, die Versöhnung. Nun will er sich endlich tatsächlich von seiner Freundin trennen und zu Marina K. zurückkehren. Liebes- und Treueschwüre umschmeicheln Marina K. Für kurze Zeit ist alles wie früher und Heiligabend ein Traum.

Doch schon tags darauf tippt sich Bernd K. an seinem Handy wieder die Fingerkuppen heiß. Er hat Sehnsucht nach seiner Freundin, trinkt und teilt seinen Kummer darüber auch seiner Frau mit. Marina K. wird nach einem letzten Weinkrampf und einer Art Nervenzusammenbruch auffallend still.

Nachdem Bernd K., der seit dem 27. Dezember 2007 ohne Arbeit ist, die Nacht darauf wieder aushäusig verbracht hat, muss er sich entscheiden. So will es seine Frau. Und Bernd K., circa vier Whisky im Blut, erklärt nun gnadenlos, seine Wahl falle auf die Andere.

Marina K. reagiert konsequent. Sie fordert ihren Mann auf, die Wohnung zu verlassen und erbittet die Schlüssel von ihm. Doch Bernd K. lacht nur: "Hol dir den Schlüssel doch." Er werde außerdem, bevor er zu seiner Freundin geht, hier auf der Couch noch ein Stündchen schlafen.

Während Bernd K. also gegen 15:00 tatsächlich ein bis anderthalb Stunden schläft, sitzt Marina K. in dem dunkel werdenden Wohnzimmer reglos auf der Couch neben ihrem Mann, dem sie gerade den Schlüsselbund entwunden hat. Sie fühlt nichts. In ihr ist völlige Leere.

Als Bernd K., der nach dem Erwachen gehen will, in den Flur tritt, eilt Marina K. in die Küche, greift irgendein Messer von der Magnetleiste. Ihr Mann wirft gerade einen letzten, kritischen Blick auf sich in den Spiegel. Da sticht Marina K. zu. Einmal, mit voller Wucht. Beim zweiten Mal bricht die Klinge am Schaft ab.

Bernd K. dreht sich verwundert um, begreift und entwindet seiner Frau den Messergriff. Marina K. geht ohnmächtig zu Boden. Bernd K., der das Blut seinen Rücken hinunterrinnen spürt, legt sich neben sie.

Von dem plötzlichen Lärm alarmiert stürzt Marina K.s Tochter (18) herbei, die gerade vor dem Computer sitzt. Sie hilft dem Stiefvater aus der Strickjacke, in der noch die Klinge des Küchenmessers hängt, legt sie auf die Kommode und ruft dann telefonisch Hilfe.

Kein halbes Jahr später muss sich Marina K. vor dem Berliner Landgericht wegen versuchten Mordes verantworten. Die Frau, deren Rechtsanwalt Mirko Röder von ihr sagt, "Sie hat eine starke Wertebindung. Sie macht alles für eine Partnerschaft, solange sie vertrauen darf", wirkt in sich zurückgezogen, fast schüchtern, aber auch gefasst.

Sie lässt durch ihren Anwalt eine Erklärung mit ihrem Geständnis verlesen, in der sie auch erklärt, wie es zu der Tat kam. Wie ihr Mann ihr immer wieder Versprechungen machte, sie ihm ein Zimmer für eine Auszeit und die Möglichkeit eines klaren Entschlusses anmietete, schließlich mit der Scheidung drohte. Marina K. sagt: "Ich liebte meinen Mann so sehr, dass ich ihm alles verzieh."

So schluckte sie auch, dass Bernd K. ihr im August 2007, nicht ohne Stolz Fotos von seiner Neuen zeigt. Allerdings begeht die vor Kummer bereits auf drei, vier Kleidergrößen abgemagerte Marina K. daraufhin stillschweigend einen Suizidversuch mit Tabletten.

Marina K. bereut, wie sie sagt, ihre Tat "zutiefst". Aber die Erinnerung an sie ist weg: "Mir fällt nur ein, dass ich in den Flur gegangen bin. Dann wieder, wie ich im Flur auf dem Boden saß." Auch der Tochter und Bernd K. waren der voraufgegangene, sonderbar teilnahmslose Zustand von Marina K. aufgefallen.

Bernd K. hält diesen Prozess für aufgebauscht, unnötig. Es sei doch nichts passiert, sagt er und nimmt auch die Schuld für das Geschehen auf sich: "Ich habe meiner Frau das Leben zur Hölle gemacht." Es verwundere ihn heute nicht, dass seine Frau zugestochen habe. Bernd K. sagt auch: "Ich habe meiner Frau verziehen."

Es sieht nicht danach aus, dass Bernd K. nun seine Frau gehen lassen will. Auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, ob er die Beziehung zu seiner Frau wieder aufzunehmen wünsche, erklärte Bernd K. zu allgemeinem Erstaunen: "Ich will es versuchen. Es wird Zeit brauchen." Marina K., von der zuvor zu hören war, "für mich ist eine klare Linie gezogen", nahm diesen seltsamen Antrag mit regloser Miene zur Kenntnis.

Das Gericht verurteilte Marina K. schließlich wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und hob die bestehende Haft auf. Es erkannte zwei, das Strafmaß milderte Gründe, darunter eine zur Tatzeit erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit der Angeklagten.

Die Möglichkeit, wie von der Verteidigung gefordert, eine Bewährungsstrafe auszusprechen, sah die Strafkammer nicht. Die Vorsitzende Richterin Lange in ihrer Urteilsbegründung erkärte: "Eine Bewährungsstrafe ist angesichts der Schwere der zugefügten Verletzung nicht vereinbar." – Marina K. wird ihre Haftstrafe im offenen Vollzug verbüßen dürfen.


NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




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Marina K. magerte drei, vier Konfektionsgrößen
ab, nachdem ihr Mann eine Geliebte neben ihr offen etablierte. Als nichts mehr war als völlige Leere, griff sie zum Küchenmesser.
Rechtsanwalt Mirko Röder (li.) reklamierte für seine Mandantin 'seelische Grausamkeit'.


Bernd K. kam nach 13 Jahren harmonischer Partnerschaft in die Mitlifecrisis, trank, ging fremd und ließ seine Frau am langen Arm verhungern. Er sagt selbst: "Es war die Hölle für meine Frau."



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