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aus dem moabiter kriminalgericht


"Tod am Mond"
Kohlenträger simulierte jahrelang den Gelähmten


von Barbara Keller

23. Nov. 2007. Moabiter Kriminalgericht. 11. Gr. Strafkammer.
Betrugsverfahren gegen den ehemaligen Kohlenträger
Wolfgang St. (55). Der gebürtige Fürstenberger soll zwölf Jahre erfolgreich den Gelähmten gemimt und zwischen Juli 1991 und September 2003 zu Unrecht Invaliden- später Erwerbsunfägkeitsrente, laufende Hilfe zum Lebensunterhalt sowie Hilfe zur Pflege und Geld für Pflegeleistungen der Pflegestufe III erhalten haben. Insgesamt: 236.738,47 Euro. Während dieser Zeit vergewaltigte der vorgeblich Gelähmte mehrfach eine Frau und wurde 2003 dafür zu sieben Jahren Haft verurteilt. So kam der mutmaßliche Betrug ans Licht.

Urteil vom 10.010.2008

Davon träumt so mancher gesundheitlich schwer Beeinträchtigte: endlich der zweijährlichen, gutachterlichen Observationen ledig zu sein und mit fester Rente das ohnehin qualitativ reduzierte Leben zu deichseln. Aber während wirklich Kranke oft ein Problem damit haben, ihre Handycaps adäquat zu präsentieren, quellen Simulanten vor Gutachtern gern zu Höchstform auf. Bei gewissem Talent nicht selten auch mit Erfolg.

So schauspielerte Wolfgang St. ohne nennenswerten gesundheitlichen Schaden, wie ihm die Staatsanwaltschaft jetzt vorwirft, eine schwere Rückenverletzung, die ihn vorgeblich zur Bewegungsunfähigkeit verurteilte und an den Rollstuhl fesselte.

Segeljacht und Hühneraugen

Am 9. 8. 1991 bewilligte ihm die Landesversicherungsanstalt (LVA) Invalidenrente, fünf Monate später die Erwerbsunfähigkeitsrente. Eine Nachuntersuchung zwei Jahre später erbrachte im Ergebnis die Fortsschreibung der EU-Rente. Ein Dr. R. war derart von der schweren Erkrankung des Patienten Wolfgang St. überzeugt, dass er gar von jeglichen Nachuntersuchungen abriet.

So standen Wolfgang St. zuletzt rund 3.000,00 Euro zum monatlichen Verbrauch zur Verfügung. In Summa: 625,43 Euro Rente (Quelle: LVA), 2.247,60 Euro laufende Hilfe zum Lebensunterhalt sowie Hilfe zur Pflege (Quelle: Bezirksamt) und die 665,00 Euro Zuwendungen der AOK für Pflegeleistungen. Mindestens 3.428,00 Euro brachte die Öffentliche Hand zuletzt jeden Monat für den heute Angeklagten auf.

Das erfolgreiche Geschäftsmodell hätte gut ein Leben halten können, wäre Wolfgang St. nach zwölf fetten Jahren nicht zunehmend unvorsichtig geworden. Zwei Segeljachten soll er sein eigen genannt haben und Freunde, die alle Hühneraugen zudrückten, wenn Wolfgang St. mal wieder auf dem falschen Bein humpelte.

Auf dem falschen Bein gehumpelt

Doch als Wolfgang St., der nicht nur ein untreuer, sondern auch ein gewalttätiger Ehemann und Partner gewesen sein soll, seine damalige Freundin Regina O. misshandelt und mehrmals vergewaltigt, weil sie ihn verlassen will und die Entdeckung seines Betrugs droht, bricht die heile Parasitenwelt zusammen. Regina O. erstattet Anzeige, es kommt zum Prozess. 2003 verurteilt das Berliner Landgericht Wolfgang St. wegen Körperverletzung und Vergewaltigung zu sieben Jahren Haft.

Zu diesem Zeitpunkt erfreut sich Wolfgang St. offiziell der Pflegestufe III. Er ist angeblich bettlägerig, an beiden Beinen und am linken Arm gelähmt, kann weder stehen noch laufen, nur mühsam den Kopf heben, muss rundum versorgt und gewaschen werden. Und auch nachts ist ihm, wenigstens auf dem Papier, eine Hilfe zugeteilt.

Der Nachschlag

Wie kann ein derart behinderter Mann eine solche Gewalttat begehen, fragt sich nicht nur die Berliner Anklagebehörde. Am Montag, dem 5. 11. 07, beginnt gegen den in der Justizvollzugsanstalt Tegel einsitzenden Wolfgang St. ein Prozess wegen Betrugs. Es geht um einen insgesamt mutmaßlich entstandenen Schaden für LVA, Bezirkskasse und AOK von 236.738,47 Euro und einen Haftnachschlag von bis zu fünf Jahren.

Während Wolfgang St. bisher zu den Tatvorwüfen schweigt und die Staatsanwaltschaft das Angebot eines Geständnisses gegen ein moderates Urteil zurückwies, waren bisher mehrere illustre Aussagen von Zeugen aus dem Lebensumfeld des Angeklagten zu hören.

Darunter die der Rentnerin Silvia K. (63), die damals einen Kosmetiksalon in Wilmersdorf unterhielt und Wolfgang St., der am Kurfürstendamm wohnte, durch ein Immobiliengeschäft kennenlernte. Silvia K. war eine der beiden Pfleger, über die der heute Angeklagte Pflegeleistungen abrechnete, die faktisch nicht erbracht wurden.

Ein Freundschaftsdienst, sagt sie, wie das gelegentliche Wäschewaschen und Hemdenbügeln soll die regelmäßig geleistete Unterschrift gewesen sein. Von den monatlichen 665,00 Euro Pflegegeld will sie nichts bekommen haben. Was Silvia K. zum Gesundheitszustand von Wolfgang St. dachte: "Er war beweglich, ging in der Wohnung hin und her. Insofern dachte ich, dass ihm die hohe Pflegestufe nicht zustand."

"Der kann alles"

Drastischer äußerte sich der ehemalige, jetzt arbeitslose Juwelier Bernhard F. (49), der den Angeklagten 2000/2001 kennen lernte und fast täglich mit ihm zusammen war. Berhard F., der wie Silvia K. als fiktive Pflegekraft fungierte und wegen Beihilfe zum Betrug vom Amtsgericht Tiergarten zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, sagt: "Der spielt ihnen den Tod am Mond vor."

Wolfgang St. habe auf Befehl blass werden, einen Herzanfall spielen, ja Blut spucken können. Absolute Show das alles: "Der kann alles." Gemeinsam segeln sei man gewesen. Berhard F. legt der Strafkammer Fotos vor und erläutert: "Da steht er auf der Kajüte... Hier ist er auf dem Boot."

Wie auch den verflossenen Frauen des Angeklagten habe Wolfgang F. ihm weisgemacht, er sei ein noch heute vom Militär besoldeter Ex-Fremdenlegionär, in Afghanistan angeschossen und von einer Frau in einer Höhle gesund gepflegt worden. Besagte Retterin starb den blumigen Schilderungen von Wolfgang St. zufolge durch einen Granatsplitter. Wolfgang St. selbst musste einen Streifschuss am Penis erleiden.

"Wenn ich 40 bin, sitze ich im Rollstuhl!"

Zeuge Bernhard F. ist leidlich sauer über den ehemaligen Freund Wolfgang St. Als er seine Aussage beendet hat, schreit er im Hinausgehen den augenscheinlich siechen Wolfgang St. wütend an: "Steh uff!"

Am 22. 11. 07 war auch Traude T. (63), von 1978 bis 1987 Ehefrau des Angeklagten, als Zeugin zu hören. Traude T. schildert, wie Wolfgang St. bereits zu Zeiten der damaligen DDR, wenn möglich, einen weiten Bogen um die Arbeit machte. "Der hatte eine Arbeitsphobie", erklärt sie. Und zitiert den heute Angeklagten mit: "Wenn ich 40 bin, sitze ich im Rollstuhl."

Dieses Ziel habe ihr damaliger Ehemann konsequent verfolgt. Und wie man sehen könne, auch verwirklicht. Zwar hätte Wolfgang St. auch mal Fleisch ausgetragen, bei einer Aufzugsfirma und zuletzt als Kohlenträger gearbeitet. Aber immer sei er dann 'gestürzt' und monatelang krank geschrieben gewesen. Zu Hause war Wolfgang St. allerdings mopsfidel.

Lehrmeister Prokop

Der Meinung von Trude T. zufolge liegt der schauspielerischen Leistung ihres Mannes das "Lehrbuch der gerichtlichen Medizin" des bekannten DDR-Gerichtsmediziners Otto Prokop zugrunde. Das habe sie sich aus Neugier zugelegt. Darin sei ganz genau beschrieben, wie Krankheiten simuliert werden können.

Seiner Frau Traude T. gegenüber gab sich der heute Angeklagte als verfolgter Mafiosi aus, der einen Unterschlupf benötige. Bald hatte er nicht nur Trude T., sondern auch Freunde und Bekannte in sein fiktives Bedrohungsszenario eingebaut und die Familie von allen isoliert.

Dass ihr Ehemann bereits drei Kinder aus zwei geschiedenen Ehen besaß, war Trude T. nicht bekannt. 1980 erklärt Wolfgang St., ein Kind von einem gefallenen Sowjetsoldaten aufnehmen zu wollen. Das Mädchen heißt Nicole und ist in Wirklichkeit jedoch seine eigene Tochter.

Ein windiger Hund

Trude T., die von Wolfgang St. tyrannisiert und geschlagen wird, hofft nach eigenen Aussagen, er möge bald "eine bessere Geldquelle als sie finden". Dabei, das nebenbei bemerkt, soll Wolfgang St. - während seiner Krankschreibungen - auch als Türsteher in Clärchens Ballhaus, im Operncafé und in der Hafenbar gejobbt haben. "Es gab Leute, die dachten, der Mann ist fleißig", erklärt Trude T. noch heute fassungslos dem Gericht.

In der Regel wusste Trude T. jedoch nicht, was ihr Mann, der jeden kannte und den jeder kannte, trieb. Einmal sei sie, berichtet sie, mit einer Freundin zu Clärchens Ballhaus gegangen und habe am Eingang das Foto ihres Mannes vorgezeigt. Gefragt, ob dieser Mann hier bekannt sei, erhielt sie die Antwort: "Das ist hier der windigste Hund seit Jahren."

Nachdem Wolfgang St. nach Aussage von Trude T. mit einer Haus besitzenden Kohlenhändlerin angebandelt hatte, reichte die gebeutelte Ehefrau, die von sich sagt, "ik habe mich breittreten und heiraten lassen", schließlich die Scheidung ein. Doch das Kapitel Wolfgang St. wird sie bis in die Gegenwart verfolgen.

Wiederholt suchen Geschädigte aller Couleur und neue abgelegte Partnerinnen ihres Ex-Mannes zu ihr Kontakt. Als Wolfgang St. schließlich verhaftet wird, ist man soweit lose miteinander bekannt, dass sich die Frauen zu einer Gartenparty treffen. Das Schmankerl des Abends ist das selbst gefilmte Video, das Regina O. mitbringt. Es zeigt die Verhaftung von Wolfgang St.

Urteil:
Unter Einbeziehung früherer Straftaten verurteilte die 11. große Strafkammer den Angeklagten nach 29 Verhandlungstagen zu einer Freiheitsstrafe von neun Jahren und sechs Monaten wegen gewerbsmäßigen Betrugs in drei Fällen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass Wolfgang St. zur Tatzeit eine schwere Krankheit nur simuliert und einen Gesamtschaden von 230.000,00 Euro provoziert habe.
zur offiziellen Pressemeldung...

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NJW schreibt:
"Es gibt noch qualifizierte Gerichtsreporter..."
NJW-aktuell - web.report H. 38/2010, S.3




gitter


Wolfgang St., der jahrelang den Gelähmten gespielt haben soll.


Trude T., eine ehemalige Frau des Angeklagten, sagt über Wolfgang St.: "Das ist der fitteste, kräftigste, stärkste Mann, den ich bis heute kennengelernt habe."

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